Eine Vertiefung der Übungen, an denen ich nun in Berlin regelmässig teilnahm, ergab sich in den Sommermonaten, wo man zum Zen-Tempel "La Gendronnière" nach Frankreich pilgerte, um dort an sogenannten Sesshins (intensiven Übungswochen) teilzunehmen. Dieser Ort, von Deshimaru und seinen Pariser Schülern 1979 gegründet und "Tempel der Nicht-Angst" genannt, war ein schönes altes Schloss inmitten eines riesigen Parkes, der z.T. magische Qualitäten besass. Uralte Bäume und ein verwunschener Teich gaben diesem Refugium einen ganz besonderen Reiz und es zeigte sich, wie gut sich die Spiritualität Japans mit den Elementen der Natur vertrug.
 
 
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Zu den eindrucksvollsten Erfahrungen gehörte etwa die Stille der frühmorgendlichen Meditation, in die sich nach und nach die zarten Stimmen der Vögel mischte, was zu einem ergreifend subtilen und beseelten Klangteppich rund um das Dojo führte. Hatte man eben noch über das frühe Aufstehen und die - ohne Frühstück - bevorstehende Anstrengung gemault, so beruhigte man sich inmitten der anderen und erlebte, dass Schweigen, Stillsitzen und Mitsich-Alleinesein nichts waren, was man fürchten musste. Beim langsamen Auf und Ab des Atmens stiegen zwar Emotionen, physische Unpässlichkeiten und auch Schläfrigkeit auf, aber wandelten sich meist nach einiger Zeit von selbst in Ruhe und Energie um. Dies galt nicht für alle. Es gab auch Menschen, die in Weinkrämpfe ausbrachen oder das Dojo verlassen mussten, weil es ihnen zuviel wurde, aber ich erlebte im Grossen und Ganzen wenig Schwierigkeiten, zumindest was die Technik des langen Stillsitzens betraf.

  Für "Notfälle" gab es den sogenannten Shusso, den man um "kyosaku" bitten durfte: einen gezielten Schlag mit einem Holzstab jeweils auf die eine und dann die andere Schulter, der einen meist in Sekundenschnelle wieder wach und konzentriert machte. Hier erlebte man auch, welches Körper- und Heilwissen im Zen verborgen war: ein ebenfalls im christlichen Abendland verlorener oder niemals existent gewesener Reichtum, der das ganzheitliche Weltbild Asiens spiegelte, in dem Physis und Geist immer zusammengedacht werden. Die Shussos der "Gendronnière" waren oft besonders imposante Gestalten, andere Persönlichkeiten als im Berliner Dojo, die sich langsam, lautlos und konzentriert wie Raubkatzen durch den Raum bewegten. Man fühlte sich von ihnen gleichermassen beobachtet, ermutigt und beschützt. Manchmal träumte ich davon, selbst eine solche Rolle ausfüllen zu können, aber dies war eher den Mitgliedern des Pariser Stammdojos vorbehalten, die hier auf dem Gelände - dezent, aber immer spürbar - eine gewisse Vorrangstellung innehatten.
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