Nach und nach erfuhr ich Details über die Betreiber und Gründer des Dojos: Es waren z.T. noch Schüler des Zen-Meisters Taisen Deshimaru (1914-1982) , der 1967 aus Japan nach Europa gekommen war, um auf den Wunsch seines Meisters Kodo Sawaki hin Zen in den Westen zu bringen. Deshimaru war von einem fast legendären Ruf umgeben und befriedigte die Sehnsucht auch vieler junger Deutscher, eine geistige Autorität verehren zu können, die ihnen Impulse für ein erfüllteres Leben gab.


Denn was hatte unsere Kultur, die durch die Nazizeit jede Regung von eigener Spiritualität, Mythologie und Devotionsfähigkeit verloren hatte, diesbezüglich schon zu bieten? Die christliche Kirche jedenfalls besass keine solchen imponierenden Gestalten und das, was Sekten oder Esoterikgruppen anboten, war von zweifelhaftem Charakter. Deshimaru aber muss ein kluger, charismatischer und dabei bescheidener Mann gewesen sein, der es z.B. auch geschafft hatte, ehemalige anarchistische Hitzköpfe der Pariser Maiunruhen zu seinen Schülern zu machen. Als er 1967 in Paris ankam, wohnte und übte er zunächst in der Hinterstube eines vegetarischen Ladens, wo sich schnell eine kleine Interessentenschar einfand, um seine Anregungen aufzunehmen. Frühmorgens bereits soll er in seinem eleganten Kimono durch die Seitenstrassen des Viertels spaziert sein, wo ihn auch die Prostituierten neugierig anschauten - vielleicht sogar mehr als das, denn Deshimaru war ein Mann mit einer durchaus erotischen Ausstrahlung, der durch seine innere Ruhe und Toleranz gegenüber allem Menschlichen faszinierte.

Hier war keine lüsterne Priesterverkniffenheit, aber auch kein sich der Jugend anbiedernder Pfarrer, der versuchte, mit Pop-Musik die Teenager wieder zurück in die Kirche zu holen. Deshimarus Ausstrahlung war natürlich, biegsam und immer auch von starker sinnlich-physischer Präsenz, wie übrigens auch alle Zen-Künste (Bogenschiessen, Kalligraphie, Schwertkampf etc.). Geist und Körper, Disziplin und Weichheit, Männliches und Weibliches - so spürte ich von Anbeginn - standen hier in einem anderen Verhältnis zueinander als in unserer Religion, wo - trotz aller z.T. auch guten Neuerungen - immer noch etwas Bemühtes und Doppelbödiges mitschwang.