|
Denn was hatte unsere Kultur, die durch die Nazizeit jede Regung von eigener
Spiritualität, Mythologie und Devotionsfähigkeit verloren hatte,
diesbezüglich schon zu bieten? Die christliche Kirche jedenfalls
besass keine solchen imponierenden Gestalten und das, was Sekten oder
Esoterikgruppen anboten, war von zweifelhaftem Charakter. Deshimaru aber
muss ein kluger, charismatischer und dabei bescheidener Mann gewesen sein,
der es z.B. auch geschafft hatte, ehemalige anarchistische Hitzköpfe
der Pariser Maiunruhen zu seinen Schülern zu machen. Als er 1967
in Paris ankam, wohnte und übte er zunächst in der Hinterstube
eines vegetarischen Ladens, wo sich schnell eine kleine Interessentenschar
einfand, um seine Anregungen aufzunehmen. Frühmorgens bereits soll
er in seinem eleganten Kimono durch die Seitenstrassen des Viertels spaziert
sein, wo ihn auch die Prostituierten neugierig anschauten - vielleicht
sogar mehr als das, denn Deshimaru war ein Mann mit einer durchaus erotischen
Ausstrahlung, der durch seine innere Ruhe und Toleranz gegenüber
allem Menschlichen faszinierte.
Hier war keine lüsterne
Priesterverkniffenheit, aber auch kein sich der Jugend anbiedernder Pfarrer,
der versuchte, mit Pop-Musik die Teenager wieder zurück in die Kirche
zu holen. Deshimarus Ausstrahlung war natürlich, biegsam und immer
auch von starker sinnlich-physischer Präsenz, wie übrigens auch
alle Zen-Künste (Bogenschiessen, Kalligraphie, Schwertkampf etc.).
Geist und Körper, Disziplin und Weichheit, Männliches und Weibliches
- so spürte ich von Anbeginn - standen hier in einem anderen Verhältnis
zueinander als in unserer Religion, wo - trotz aller z.T. auch guten Neuerungen
- immer noch etwas Bemühtes und Doppelbödiges mitschwang.
|