Am Anfang stand ein Plakat, dass ich irgendwann Mitte der 80er Jahre in Berlin-Kreuzberg gesehen hatte. Es beeindruckte mich durch seine Mischung aus Ruhe, Konzentriertheit und Schönheit, die nicht nur von dem meditierenden Mönch, sondern auch von der Schrift neben ihm ausging. Ich verstand die Zeichen nicht, dennoch zogen sie mich an und machten mich neugierig auf die Welt des Zen-Buddhismus, von der ich bis dahin kaum etwas wusste.

Als ich das Kreuzberger Dojo (Zen-Übungsstätte) aufsuchte, dessen Adresse auf dem Plakat stand, fielen mir zuerst atmosphärische Eindrücke auf, die mich sofort angenehm berührten: ein grosser klarer Raum aus Holz und Glas, zahlreiche Menschen in schwarzen Kimonos, dennoch eine ausgelassene Stimmung, die nichts Sakrales oder Gedrücktes hatte.


Ich wurde in die ersten Schritte der Zen-Meditation eingeführt und merkte rasch, dass es hier nicht um schnellen Esoterik-Konsum oder modische Spielerei ging: Mit gekreuzten Beinen musste man lange auf einem Zafu (kleines schwarzes Kissen) sitzen, das ruhige Ein- und Ausatmen kontrollieren und die unvermeidlichen Gedanken kommen, aber auch wieder gehen lassen. "Wie eine Rolltür den einen hinein- und den anderen wieder hinausbefördert, ohne stillzustehen", erläuterte jemand diese schwierige mentale Prozedur.

Trotz Schmerzen und aufkeimender Ungeduld war mein erstes Zazen (Meditieren im Sitzen) nicht unangenehm. Am Rande des Meditationsraumes, in dem ich mit etwa 20 anderen Menschen sass, brannte ein Räucherstäbchen, das einen schönen dezenten Geruch verbreitete und ab und zu schlug jemand auf einen kleinen Gong, um z.B. die Halbzeit oder schliesslich den Schluss der Sitzung zu markieren. Am Ende wurden einstimmige Gesänge intoniert, zu denen jemand mit einem Holzklöppel auf eine merkwürdige Trommel (Mokugyo) schlug, die wie ein Fisch aussah. Später erfuhr ich, dass dieses Tier wegen seinen allseits offenen Augen zum Zen-Symbol für stete Aufmerksamkeit erkoren worden war. "Sich immer auf das Hier und Jetzt konzentrieren", war die Hauptmaxime dieser Philosophie, die eigentlich weniger als Religion denn als Übungspraxis für den Alltag verstanden werden wollte. Während des langen Sitzens sollte man lernen, die Gedankenflut loszulassen, um innerlich ruhig zu werden, damit man nach der Meditation alle Dinge mit der gleichen wachen Hingabe tun könne: "Wenn du gehst, dann geh, wenn du sitzt, dann sitz, wenn du isst, dann iss."
 

Atalante 7