Zwischen Thorshammer und Kruzifix (von Klaus Boeldl)



Die Christianisierung der Wikinger zeigt, dass Begegnungen verschiedener Religionen nicht notwendigerweise von Gewalt geprägt sein müssen


Auch im beginnenden 21. Jahrhundert gibt es noch eineVielzahl von Zirkeln, in denen versucht wird, den vorchristlichen Glauben der Germanen wieder aufleben zu lassen. Dazu gehören Rechtsradikale, die im Christentum eine "artfremde" und "semitische" Religion erblicken, aber auch sich als unpolitisch verstehende esoterisch angehauchte Gruppen, die in der ganz und gar flurbereinigten und begradigten Berliner Republik nach spirituellen Erfahrungen mit und in der Natur suchen. Was wohl alle neuheidnischen Gruppierungen seit dem späten 19. Jahrhundert bis heute verbindet ist die Vorstellung, unseren ‚germanischen Vorfahren' wäre eine tiefe Naturfrömmigkeit zueigen gewesen, sie hätten in eben jenem geistigen Zusammen-hang mit der Natur gelebt, der dem modernen Menschen abhanden gekommen ist. Wie abwegig und gefährlich es ist, das Rad der zivilisatorischen Entwicklung zurückdrehen und die geistigen Verhältnisse einer vorstaatlichen Stammeskultur wiederherstellen zu wollen, braucht hier nicht diskutiert zu werden. Es gibt zu diesem Thema inzwischen eine Vielzahl kritischer Untersuchungen; leider erreichen sie in der Regel nur solche Leser, die gegen eine unkritische Ideologisierung oder Spiritualisierung der Germanen (beides geht oftmals Hand in Hand) ohnehin gefeit sind.
Schon der Begriff des "Neuheidentums" impliziert eine Frontstellung gegenüber dem Christentum. All jene,die die Sehnsucht nach der heidnischen Naturreligion umtreibt, müssen zwangsläufig dem Christentum ablehnend gegenüberstehen, denn nach der landläufigen Auf-fassung war es diese aus dem Orient kommende Stadt- und Buchreligion, die dem germanischen Naturglauben mit Feuer und Schwert ein Ende setzte. Und dieser Naturglaube, so setzt man voraus, basiert auf einem Weltbild, das sich von dem der Christenheit fundamental unter-scheidet. Der Germane erblickt das Göttliche in der Natur, der Christ situiert seinen Gott in einem transzendenten und abstrakten Himmelreich. Insofern müssen die Germanen die Missionierung als einen grundlegenden Bruch ihrer geistigen Welt erfahren haben. So hat man in der Wissenschaft viele Generationen lang argumentiert, und so stellt sich der Glaubenswechsel auch aus neuheidnischer Perspektive dar. Ein genauerer Blick auf die Missionierung der Germanen läßt jedoch sehr rasch Zweifel an der Stichhaltigkeit dieses Kontrastschemas aufkommen.


Der Mythos von der "Sachsenschlachtung"


Man muss indessen durchaus nicht mit rechtsradikalen oder neuheidnischen Weltanschauungen sympathisieren, um beim Stichwort ‚Christianisierung der Germanen' zuallererst an die blutige Unterwerfung und Missionierung der Sachsen durch Karl den Großen zu denken. Wenngleich die Integration des volkreichen Stammes der Sachsen in das Frankenreich mitunter als Gründungsakt der deutschen Nation betrachtet wird, so wird die Gewalt, mit der dabei vorgegangen wurde, doch in der Geschichtsschreibung als ein Makel an Karls politischem Handeln empfunden. Geradezu zum Symbol für Karls rücksichtslose Grausamkeit gegenüber den Heiden wurde die in den fränkischen Annalen verzeichnete Hinrichtung von 4 500 Sachsen, die im Jahr 782 vom Kaiser angeordnet worden sein soll.
Heinrich Himmler hat 1935 für jeden dieser vorgeblich unbeugsamen, für die Unabhängigkeit ihres Volkes und für ihren Glauben gestorbenen Sachsen in Verden an der Aller unweit von Bremen eine Eiche pflanzen lassen - der so entstandene "Sachsenhain" zählt heute noch zu den Sehenswürdigkeiten der Gemeinde. Die legendäre Massenhinrichtung, die Karl in nationalistischen Kreisen den Beinamen "Sachsenschlächter" einbrachte, hat freilich einen etwas komplexeren Hintergrund, als es das verquere und zugleich primitiv-dualistische Vergangenheitsverständnis Heinrich Himmlers und der NS-"Geschichtswissenschaft" wahrhaben wollte: Die in Wahrheit wohl sehr viel geringere Zahl von Sachsen, an denen der spätere Frankenkaiser sein blutiges Exempel statuierte, waren nämlich nicht im heroischen Freiheitskampf in fränkische Hände gefallen, sie waren vielmehr von ihren eigenen Stammesgenossen ausgeliefert worden, die sich bereits zum christlichen Glauben und damit zur Integration ins Kaiserreich bekannt hatten. Und auch der Stammesfürst Widukind, der im niedersächsischen Mythos bis zum heutigen Tag den Rang eines unbeugsamen Kämpfers für die politische und religiöse Unabhängigkeit der Sachsen einnimmt, hat sich nach den Ereignissen von Verden taufen lassen; er selbst und seine Familie spielten seitdem im Frankenreich eine bedeutsame politische Rolle - nur in einer selektiven, die Tatsachen verfälschenden Betrachtung, die Widukinds Biographie vor seiner Taufe enden läßt, kann dieser noch als heidnischer Freiheitsheros erscheinen.
Zweifellos war die Eroberung und Missionierung der Sachsen dennoch ein gewaltintensives Unterfangen. Die Zerstörung der Irminsul, eines Stammesheiligtums, das vermutlich eine Weltsäule symbolisierte, zielte auf die Zerstörung der religiösen Identität der Sachsen, sollte sie doch sicherlich die Machtlosigkeit der heidnischen Götzen erweisen. Doch es ist immerhin bemerkenswert, dass das markanteste und scheinbar eindeutigste Ereignis in der langen Geschichte der Germanenmission, die Massenhinrichtung von Verden, sich bei genauerem Hinsehen als sehr viel komplizierter und widersprüchlicher erweist, als es die mythisierenden Traditionen bis hin zum stammtischerprobten "Niedersachsenlied" wahrhaben wollen. Das schlichte Schema, nach dem eine fremde, aber mächtige Religion den Glauben der Germanen unterdrückte, zerstörte und in die Niederungen des Aberglaubens und des Ammenmärchens abdrängte, scheint den historischen Realitäten nicht gerecht zu werden.
Wäre das Christentum den Völkern Mittel-, West- und Nordeuropas nur äusserlich und mit gewaltsamen Mitteln aufgepfropft worden, so hätte sich dort nicht in der Folge jene christliche Kultur entfalten können, deren beeindruckende Zeugnisse die Jahrhunderte überdauert haben: die Kathedralen, die Gregorianischen Choräle, die Schriften eines Alkuin, eines Thomas von Aquin, die Mystik Eckeharts und der heiligen Birgitta, um nur ein paar wahllos herausgegriffene Beispiele zu nennen. Auch wenn uns die Frömmigkeit des Mittelalters fremd geworden ist, weil wir die dahinterstehende Mentalität nicht mehr nachvollziehen können, gibt es doch keinen Grund, sie gering zu schätzen, indem man sie als etwas Äusserliches, Angelerntes und Wurzelloses diffamiert. Die bedeutenden kulturellen Leistungen des Mittelalters setzen ein durchaus verinnerlichtes Christentum voraus.


Die Germanenmission - ein friedlicher Prozeß

Die Missionierung der Germanen vollzog sich nur in einzelnen Fällen so gewaltförmig wie bei der Eroberung der Sachsen. Die südlichen germanischen Stämme haben allem Anschein nach das Christentum ohne größere Widerstände angenommen. Auch wenn die einschlägigen Quellen dieses Ereignis naturgemäß allesamt aus der Sicht der Kirche schildern, deutet nichts darauf hin, dass die Neubekehrten sich kulturell oder religiös um ihre Identität gebracht fühl-ten. Das mag zunächst überraschen, denn die Kluft zwischen der polytheistischen Naturreligion der Germanen und der Offenbarungsreligion des Christentums, die auf einen transzendenten Schöpfergott gerichtet ist, könnte größer kaum sein, und sie ist in der Theorie auch tatsächlich nicht zu überbrücken. Und doch fanden die germanischen Völkerstämme Mittel und Wege, ihre religiösen Bedürnisse auch im Rahmen des neuen Glaubens zu befriedigen. Umgekehrt hätte sich das Christentum nicht dauerhaft durchsetzen können, wenn es diese Fähigkeit zur Anpassung und zur Anverwandlung nicht gehabt hätte.


Annahme des Christentums - Aufnahme des Christentums

Man muß bei der Bekehrung der Germanen zwischen zwei Ebenen unterscheiden, die der Religionshistoriker Walter Baetke treffend mit den Begriffen Annahme und Aufnahme des neuen Glaubens bezeichnet hat. Unter Annahme ist die formale Christianisierung, zum Bei-spiel in Form einer Massentaufe, zu verstehen. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die offizielle Annahme des neuen Glaubens auf dem Allthing, der jährlichen Versammlung der Isländer, im Jahre 1000. Der Hintergrund war die Einsicht, dass ein relativ kleines Gemeinwesen wie der isländische Freistaat an zwei konkurrierenden Religionen leicht zerbrechen könne. Unsere wichtigste Quelle hierfür, das von ca.1120 stammende "Isländerbuch" des Geschichtschreibers Ari Thorgilsson, macht aus diesem politischen Beweggrund denn auch keinen Hehl. Wir bewegen uns hier auf der Ebene der politischen Ereignisgeschichte, denn den unmittelbaren Anstoß zur Missionierung eines Germanenstammes geben stets (macht)politische Erwägungen; im Fall Islands ging es unter anderem darum, den Norwegern keinen Grund zu einer Okkupation zu liefern, indem man sich zu einem nicht mehr erwünschten Glauben bekannte. Die Aufnahme des Christentums wiederum meint den psychologischen, sozialen und kulturellen Prozeß der Aneignung des neuen Glaubens, der durch die Bekehrung in Gang gesetzt wird und der erst viele Generationen später zum Abschluss kommt. Über die Annahme des Christentums können wir uns in den meisten Fällen durch die mittelalterlichen Geschichtswerke, Chroniken und Annalen in Kenntnis setzen; die Aufnahme hingegen ist den Betroffenen in ihrem Prozeßcharakter natürlich verborgen geblieben; sie ist für den Religions- und Kulturhistoriker nur indirekt rekonstruierbar, indem er die Wandlungen in der Literatur, in der Kunst, in den Formen des Zusammenlebens, aber auch in den Grabsitten und den kirchlichen Bräuchen selbst analysiert.
Diese Aufnahme des Christentums ist im wikingerzeitlichen und mittelalterlichen Skandinavien am besten belegt, denn in dieser Region fand die Christianisierung erst um das Jahr 1000 statt, also rund ein halbes Jahrtausend später als etwa im südlichen und westlichen Deutschland. Das populäre Interesse an den Wikingern ist freilich gerade nicht auf deren allmähliche Integration in das christliche Europa gerichtet, sondern im Gegenteil auf alles, was diese Kultur exotisch erscheinen läßt, auf das den christlichen Wertvorstellungen ferne Seeräuberethos etwa oder eben auch auf die heidnische Religion. Mit den im 13. Jahrhundert in Island zu Pergament gebrachten Liedern der Edda und der sogenannten Snorra-Edda, die einen systematischen Aufriß der nordischen Mythologie liefert, sind vorchristliche Überlieferungen von enormem kultur- und religionsgeschichtlichen Wert auf uns gekommen. Es ist jedoch eine irrige Annahme, diese Texte stellten einen reinen Spiegel (nord)germanischer Religion dar. Zum einen sind diese Mythen von christlichen Schreibern in einer seit mehr als zwei Jahrhunderten christlichen Umwelt aufgezeichnet worden; gerade bei der Snorra-Edda ist die christliche Folie ganz offensichtlich. Zum anderen aber - und dies ist für unseren Zusammenhang der wesentlichere Aspekt - reflektieren die Überlieferungen der Edda auch da, wo tatsächlich genuin vorchristliches Material vorliegt (bei einer ganzen Reihe von Eddaliedern ist das der Fall), keine ursprünglichen germanischen Vorstellungen mehr - und zwar deswegen, weil die Religion der Wikingerzeit, also des neunten und zehnten Jahrhunderts, schon längst kein geschlossenes germanisches Glaubenssystem mehr war - so wenig wie die Welt der Wikinger eine in sich gekehrte, unberührte Welt gewesen ist. Hinzu kommt, dass Mythen keine Glaubenssätze sind; inwieweit sie mit dem Kult oder überhaupt der religiösen Praxis zusammenhängen, ist nur in Ausnahmen festzustellen. Die Mythen der Edda in ihrem Figuren- und Ge-schichtenreichtum hatten wohl in der überlieferten Form nur zu einem geringen Teil konkrete religiöse Relevanz - in dieser Hinsicht sind sie den klassischen Sagen vergleichbar.


Heiden und Spätheiden


Mit gutem Grund bezeichnet man die Religion der Wikinger als Spätheidentum, denn es deutet vieles darauf hin, dass die Unterschiede zu den ursprünglichen germanischen Glaubensvorstellungen beträchtlich sind. Auf ihren Handels- und Raubzügen, vor allem aber auch im Zuge der Besiedlung der nördlichen britischen Inseln waren Norweger und Dänen möglicherweise bereits im 6. Jahrhundert mit dem Christentum in Berührung gekommen. Die Schweden, die schon früh über ein weitverzweigtes, bis tief in den Orient hineinreichendes Handelsnetz im Osten verfügten, kamen ausser mit dem armenischen Christentum auch mit dem Islam in Berührung. Manche Forscher glauben, die Vorstellung vom Kriegerparadies Walhall sei von dorther übernommen worden. Die beiden wichtigsten Handelsplätze der Wikinger, Haithabu bei Schleswig und Birka im Mälarsee etwa 30 km westlich von Stockholm, waren schon im 9. Jahrhundert zum Teil von Christen bewohnt. Der Erzbischof von Reims und der heilige Ansgar, der "Apostel des Nordens" und Begründer des Erzbistums Hamburg-Bremen, unternahmen bereits in dieser Frühphase der Wikingerzeit Missionsreisen in den Norden. Ansgar erhoffte sich insgeheim von den heidnischen Schweden, dass sie ihn töten und damit zum Märtyrer machen würden. Doch die Wikinger erwiesen sich als weniger gewalttätig gegenüber dem Apostel des neuen Glaubens als erwartet. Sie hatten schlicht und ergreifend kein Problem damit, dass jemand ihnen von einem neuen Gott erzählte, zumal viele ihrer friesischen und angelsächsischen Handelspartner diesem "weißen Christ" bereits anhingen.
Da Christen mit Heiden keinen Handel treiben durften, ließen sich viele Nordleute die sogenannte prima signatura erteilen, eine Art vorläufiger Taufe. Hatten sie sich damit von ihrem heidnischen Glauben verabschiedet, oder handelt es sich dabei um einen rein formalen Akt? Für die Betroffenen scheint sich diese Frage nicht gestellt zu haben. Denn polytheistische Glaubensformen wie die der Nordgermanen haben nicht den Ausschließlichkeitsanspruch der christlichen, jüdischen und islamischen Religion. Wo letztere jede von der offiziellen Theologie abweichende religiöse Vorstellung notwendigerweise als Ketzerei und 'Abfall vom rechten Glauben' stigmatisieren, ist bei den Vielgötterreligionen eine systematische Theologie gar nicht vorhanden. Polytheistische Religionen sind daher 'ausbaufähig' und konvertierbar, wie die Kongruenz von griechischem und römischem Pantheon beweist. Wenn der römische Geschichtsschreiber Tacitus in seiner ethnographischen Schrift Germania (ca. 100 n. Chr.) die Götter der Germanen mit den eigenen identifiziert, so zeigt sich darin ein Verständnis von Religion, das sich vom Christentum kategorisch unterscheidet: Der Glaube ist hier überall substantiell derselbe, nur die Namen der göttlichen Wesen und bestimmte Ausdrucksformen sind variabel.
Ganz gewaltlos ist die Christianisierung im Norden allerdings nicht abgelaufen. Die beiden norwegischen Missionskönige Olaf Tryggvason (995-1000) und Olaf der Dicke, später der Heilige genannt (1015-1030), beispielsweise griffen durchaus zu Gewaltmitteln bei der Bekehrung ihrer Untertanen. Doch dabei stand das politische Ziel der Könige, die Reichseinigung nach dem Vorbild Karls des Großen, im Vordergrund. Das Heidentum war hier der Glaube der Kleinkönige, das Christentum stand für die Idee eines geeinten Königreichs. Die Gewalt entstand nicht durch die prinzipielle Ausschließlichkeit der beiden Glaubensformen oder die Treue der Heiden zu ihrer Tradition, sondern durch die handfesten und konkurrierenden politischen Interessen, die sie repräsentierten.


Thorshammer und Kruzifix

Dieselbe Offenheit und Toleranz, die man etwa zu den meisten Zeiten im Römischen Reich gegen die Religionen der Unterworfenen beobachten kann, finden wir im Prinzip auch im frühmittelalterlichen Norden, und sie bewährte sich vor der offiziellen Christianisierung Skandinaviens auch gegenüber dem Eingottglauben aus dem Süden. Die altnordische Religion bietet zahlreiche Beispiele dafür, dass ein Heide Jesus Christus in den Kreis der von ihm verehrten Götter aufnimmt, und namentlich zwischen Jesus und Thor scheint es in der Übergangszeit von Heidentum und Christentum zu Parallelisierungen gekommen zu sein. Das altisländische Landnahmebuch etwa berichtet von einem Ansiedler, der sich vor gefährlichen Seereisen des Schutzes von Jesus wie desjenigen von Thor versichert. Das berühmte Attribut des Donnergottes, der Hammer, wurde wohl auch erst populär, als das Kruzifix als Symbol des neuen Glaubens in den Norden vordrang. In Schweden fand man gar eine spätwikingerzeitliche Gußform, mit der man je nach Bedarf bzw. Nachfrage Thorshämmer oder Kreuze herstellen konnte.


Archaisches Frühmittelalter


Im archaischen Christentum des Mittelalters lebten zahlreiche Vorstellungen fort, denen man auch schon in der heidnischen Periode angehangen hatte. Es handelt sich dabei nicht notwendig um im engeren Sinne heidnische Elemente, sondern oft um solche, die sich aus den Bedürfnissen der Menschen ergaben. Die Wikinger waren in erster Linie Ackerbauern und Vieh-züchter wie die Menschen im christlichen Mitteleuropa; die Handels- und Plünderungszüge waren für die meisten nur ein ‚Zubrot‘. In ihrer Religion spielten Fruchtbarkeit und Ernteglück eine zentrale Rolle, und der neue Glaube hätte bei ihnen keinen Bestand haben können, wenn er auf diese Grundbedürfnisse keine Rücksicht genommen hätte. Schon den fränkischen Merowingern war Jesus Christus eher ein Sieges- und Fruchtbarkeitsgott gewesen als ein Symbol des ewigen Lebens. Kruzifixe aus dem Frühmittelalter zeigen manchmal einen Jesus mit erigiertem Phallus.
Oftmals wurden die Fruchtbarkeitsfunktionen auf Heilige übertragen. In Schweden war dafür der heilige Erik zuständig, dessen Kult in Uppsala nur etwa zwei Generationen nach der Aufgabe des Frey-Kultes etabliert wurde, im frühen 12. Jahrhundert. Es gibt kaum zuverlässige Hinweise darauf, wie die kultische Verehrung dieser auch aus der Edda bekannten Fruchtbarkeitsgottheit ausgesehen hat, doch vielleicht ähnelte sie dem späteren Erikskult, bei dem dessen Reliquien in einer feierlichen Prozession über die Felder getragen wurden. Solche Fälle von Kultkontinuität lassen sich oft nachweisen, und keineswegs nur im Norden; sie belegen, dass elementare religiöse Bedürfnisse unabhängig vom jeweiligen Glaubenssystem befriedigt werden können. Die moderne Geschichtswissenschaft spricht gern vom "archaischen Mittelalter" als einer Periode, deren Weltbild dem sogenannter primitiver Völker ähnlicher ist als dem modernen. Das konkret gelebte Christentum jenseits der Theologie unterscheidet sich dabei in seinen Manifestationen nicht so grundlegend vom germanischen Heidentum, wie man glauben möchte; entscheidend sind hier wie dort nicht die Dogmen, sondern die Funktionen des Glaubens in einer ruralen Gesellschaft.


Schlechte Heiden

Der Gegensatz von Christentum und germanischem Glauben, der von den 'Neuheiden' konstruiert wird und der auch der seit langem ad acta gelegten Konzeption der nationalistischen Kirchengeschichtsschreibung von der "Germanisierung des Christentums" zugrunde liegt, erweist sich aus dieser Perspektive als gegenstandslos. Ein wikingerzeitlicher Nordgermane, der unter moderne Neuheiden geriete, würde nicht nur den dort prakizierten Riten völlig verständnislos gegenüberstehen; noch mehr würde ihn der sektiererische Dogmatismus, der Mangel an Offenheit und Innovationsvermögen befremden. Denn eines läßt sich jedenfalls von den Germanen der Spätzeit mit Sicherheit feststellen: Sie waren ebenso schlechte Heiden, wie sie nach der Taufe noch lange schlechte Christen gewesen sein dürften.



Literaturauswahl:

Klaus von See: Europa und der Norden im Mittelalter. Heidelberg 1999.
Peter Sawyer (Hg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines
Seefahrervolkes. Stuttgart 2000.
Peter Sawyer, Birgit Sawyer, Ian Wood (ed.): The Christianization of
Scandinavia. Alingsas 1987.
Peter Brown: Die Entstehung des christlichen Europa. München 1999.
Orri Vésteinsson: The Christianisation of Iceland. London 2000.
Preben Meulengracht Sørensen: Saga and Society. Odense 1993.
Dieter Hägermann: Karl der Große. Herrscher des Abendlands. München 2000.

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