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Da Christen mit Heiden keinen Handel treiben durften, ließen sich
viele Nordleute die sogenannte prima signatura
erteilen, eine Art vorläufiger Taufe. Hatten sie sich
damit von ihrem heidnischen Glauben verabschiedet, oder handelt es sich
dabei um einen rein formalen Akt? Für die Betroffenen scheint sich
diese Frage nicht gestellt zu haben. Denn polytheistische
Glaubensformen wie die der Nordgermanen haben nicht den Ausschließlichkeitsanspruch
der christlichen, jüdischen und islamischen Religion. Wo letztere
jede von der offiziellen Theologie abweichende religiöse Vorstellung
notwendigerweise als Ketzerei und
'Abfall vom rechten Glauben' stigmatisieren, ist bei den Vielgötterreligionen
eine systematische Theologie gar nicht vorhanden. Polytheistische Religionen
sind daher 'ausbaufähig' und konvertierbar, wie die Kongruenz von
griechischem und römischem Pantheon beweist. Wenn der römische
Geschichtsschreiber Tacitus in seiner ethnographischen Schrift Germania
(ca. 100 n. Chr.) die Götter der Germanen mit den eigenen identifiziert,
so zeigt sich darin ein Verständnis von Religion, das sich vom Christentum
kategorisch unterscheidet: Der Glaube ist hier überall sub-stantiell
derselbe, nur die Namen der göttlichen Wesen und bestimmte Ausdrucksformen
sind variabel.
Ganz gewaltlos ist die Christianisierung im Norden allerdings nicht abgelaufen.
Die beiden norwegischen Missionskönige Olaf
Tryggvason (995-1000) und Olaf der
Dicke, später der Heilige genannt (1015-1030), beispielsweise
griffen durchaus zu Gewaltmitteln bei der Bekehrung ihrer Untertanen.
Doch dabei stand das politische Ziel der
Könige, die Reichseinigung nach dem Vorbild Karls des Großen,
im Vordergrund. Das Heidentum war hier der Glaube der Kleinkönige,
das Christentum stand für die Idee eines geeinten Königreichs.
Die Gewalt entstand nicht durch die prinzipielle Ausschließlichkeit
der beiden Glaubensformen oder die Treue der Heiden zu ihrer Tradition,
sondern durch die handfesten und konkurrierenden politischen Interessen,
die sie repräsentierten.
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