Heiden und Spätheiden

   
  Mit gutem Grund bezeichnet man die Religion der Wikinger als Spätheidentum, denn es deutet vieles darauf hin, dass die Unterschiede zu den ursprünglichen germanischen Glaubensvorstellungen beträchtlich sind. Auf ihren Handels- und Raubzügen, vor allem aber auch im Zuge der Besiedlung der nördlichen britischen Inseln waren Norweger und Dänen möglicherweise bereits im 6. Jahrhundert mit dem Christentum in Berührung gekommen. Die Schweden, die schon früh über ein weitverzweigtes, bis tief in den Orient hineinreichendes Handelsnetz im Osten verfügten, kamen ausser mit dem armenischen Christentum auch mit dem Islam in Berührung. Manche Forscher glauben, die Vorstellung vom Kriegerparadies Walhall sei von dorther übernommen worden.

Die beiden wichtigsten Handelsplätze der Wikinger, Haithabu bei Schleswig und Birka im Mälarsee etwa 30 km westlich von Stockholm, waren schon im 9. Jahrhundert zum Teil von Christen bewohnt. Der Erzbischof von Reims und der heilige Ansgar, der "Apostel des Nordens" und Begründer des Erzbistums Hamburg-Bremen, unternahmen bereits in dieser Frühphase der Wikingerzeit Missionsreisen in den Norden. Ansgar erhoffte sich insgeheim von den heidnischen Schweden, dass sie ihn töten und damit zum Märtyrer machen würden. Doch die Wikinger erwiesen sich als weniger gewalttätig gegenüber dem Apostel des neuen Glaubens als erwartet. Sie hatten schlicht und ergreifend kein Problem damit, dass jemand ihnen von einem neuen Gott erzählte, zumal viele ihrer friesischen und angelsächsischen Handelspartner diesem "weißen Christ" bereits anhingen.
Hölzerne Stabkirche in Norwegen
 



Da Christen mit Heiden keinen Handel treiben durften, ließen sich viele Nordleute die sogenannte prima signatura erteilen, eine Art vorläufiger Taufe. Hatten sie sich damit von ihrem heidnischen Glauben verabschiedet, oder handelt es sich dabei um einen rein formalen Akt? Für die Betroffenen scheint sich diese Frage nicht gestellt zu haben. Denn polytheistische Glaubensformen wie die der Nordgermanen haben nicht den Ausschließlichkeitsanspruch der christlichen, jüdischen und islamischen Religion. Wo letztere jede von der offiziellen Theologie abweichende religiöse Vorstellung notwendigerweise als Ketzerei und 'Abfall vom rechten Glauben' stigmatisieren, ist bei den Vielgötterreligionen eine systematische Theologie gar nicht vorhanden. Polytheistische Religionen sind daher 'ausbaufähig' und konvertierbar, wie die Kongruenz von griechischem und römischem Pantheon beweist. Wenn der römische Geschichtsschreiber Tacitus in seiner ethnographischen Schrift Germania (ca. 100 n. Chr.) die Götter der Germanen mit den eigenen identifiziert, so zeigt sich darin ein Verständnis von Religion, das sich vom Christentum kategorisch unterscheidet: Der Glaube ist hier überall sub-stantiell derselbe, nur die Namen der göttlichen Wesen und bestimmte Ausdrucksformen sind variabel.

Ganz gewaltlos ist die Christianisierung im Norden allerdings nicht abgelaufen. Die beiden norwegischen Missionskönige Olaf Tryggvason (995-1000) und Olaf der Dicke, später der Heilige genannt (1015-1030), beispielsweise griffen durchaus zu Gewaltmitteln bei der Bekehrung ihrer Untertanen. Doch dabei stand das politische Ziel der Könige, die Reichseinigung nach dem Vorbild Karls des Großen, im Vordergrund. Das Heidentum war hier der Glaube der Kleinkönige, das Christentum stand für die Idee eines geeinten Königreichs. Die Gewalt entstand nicht durch die prinzipielle Ausschließlichkeit der beiden Glaubensformen oder die Treue der Heiden zu ihrer Tradition, sondern durch die handfesten und konkurrierenden politischen Interessen, die sie repräsentierten.

 

Annahme und Aufnahme des Christentums   Thorshammer und Kruzifix