Annahme und Aufnahme des Christentums


   
 

Die Missionierung der Germanen vollzog sich nur in einzelnen Fällen so gewaltförmig wie bei der Eroberung der Sachsen. Die südlichen germanischen Stämme haben allem Anschein nach das Christentum ohne größere Widerstände angenommen. Auch wenn die einschlägigen Quellen dieses Ereignis naturgemäß allesamt aus der Sicht der Kirche schildern, deutet nichts darauf hin, dass die Neubekehrten sich kulturell oder religiös um ihre Identität gebracht fühlten.

Das mag zunächst überraschen, denn die Kluft zwischen der polytheistischen Naturreligion der Germanen und der Offenbarungsreligion des Christentums, die auf einen transzendenten Schöpfergott gerichtet ist, könnte größer kaum sein, und sie ist in der Theorie auch tatsächlich nicht zu überbrücken. Und doch fanden die germanischen Völkerstämme Mittel und Wege, ihre religiösen Bedürnisse auch im Rahmen des neuen Glaubens zu befriedigen. Umgekehrt hätte sich das Christentum nicht dauerhaft durchsetzen können, wenn es diese Fähigkeit zur Anpassung und zur Anverwandlung nicht gehabt hätte.

Runenstein mit Kreuzsymbol
 

 


Man muß bei der Bekehrung der Germanen zwischen zwei Ebenen unterscheiden, die der Religionshistoriker Walter Baetke treffend mit den Begriffen Annahme und Aufnahme des neuen Glaubens bezeichnet hat. Unter Annahme ist die formale Christianisierung, zum Beispiel in Form einer Massentaufe, zu verstehen. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die offizielle Annahme des neuen Glaubens auf dem Allthing, der jährlichen Versammlung der Isländer, im Jahre 1000. Der Hintergrund war die Einsicht, dass ein relativ kleines Gemeinwesen wie der isländische Freistaat an zwei konkurrierenden Religionen leicht zerbrechen könne. Unsere wichtigste Quelle hierfür, das von ca.1120 stammende "Isländerbuch" des Geschichtschreibers Ari Thorgilsson, macht aus diesem politischen Beweggrund denn auch keinen Hehl. Wir bewegen uns hier auf der Ebene der politischen Ereignisgeschichte, denn den unmittelbaren Anstoß zur Missionierung eines Germanenstammes geben stets (macht)politische Erwägungen; im Fall Islands ging es unter anderem darum, den Norwegern keinen Grund zu einer Okkupation zu liefern, indem man sich zu einem nicht mehr erwünschten Glauben bekannte.

Die Aufnahme des Christentums wiederum meint den psychologischen, sozialen und kulturellen Prozeß der Aneignung des neuen Glaubens, der durch die Bekehrung in Gang gesetzt wird und der erst viele Generationen später zum Abschluss kommt. Über die Annahme des Christentums können wir uns in den meisten Fällen durch die mittelalterlichen Geschichtswerke, Chroniken und Annalen in Kenntnis setzen; die Aufnahme hingegen ist den Betroffenen in ihrem Prozeßcharakter natürlich verborgen geblieben; sie ist für den Religions- und Kulturhistoriker nur indirekt rekonstruierbar, indem er die Wandlungen in der Literatur, in der Kunst, in den Formen des Zusammenlebens, aber auch in den Grabsitten und den kirchlichen Bräuchen selbst analysiert.

Diese Aufnahme des Christentums ist im wikingerzeitlichen und mittelalterlichen Skandinavien am besten belegt, denn in dieser Region fand die Christianisierung erst um das Jahr 1000 statt, also rund ein halbes Jahrtausend später als etwa im südlichen und westlichen Deutschland. Das populäre Interesse an den Wikingern ist freilich gerade nicht auf deren allmähliche Integration in das christliche Europa gerichtet, sondern im Gegenteil auf alles, was diese Kultur exotisch erscheinen läßt, auf das den christlichen Wertvorstellungen ferne Seeräuberethos etwa oder eben auch auf die heidnische Religion. Mit den im 13. Jahrhundert in Island zu Pergament gebrachten Liedern der Edda und der sogenannten Snorra-Edda, die einen systematischen Aufriß der nordischen Mythologie liefert, sind vorchristliche Überlieferungen von enormem kultur- und religionsgeschichtlichen Wert auf uns gekommen.

Es ist jedoch eine irrige Annahme, diese Texte stellten einen reinen Spiegel (nord)germanischer Religion dar. Zum einen sind diese Mythen von christlichen Schreibern in einer seit mehr als zwei Jahrhunderten christlichen Umwelt aufgezeichnet worden; gerade bei der Snorra-Edda ist die christliche Folie ganz offensichtlich. Zum anderen aber - und dies ist für unseren Zusammenhang der wesentlichere Aspekt - reflektieren die Überlieferungen der Edda auch da, wo tatsächlich genuin vorchristliches Material vorliegt (bei einer ganzen Reihe von Eddaliedern ist das der Fall), keine ursprünglichen germanischen Vorstellungen mehr - und zwar deswegen, weil die Religion der Wikingerzeit, also des neunten und zehnten Jahrhunderts, schon längst kein geschlossenes germanisches Glaubenssystem mehr war. Ebenso war die Welt der Wikinger keine in sich gekehrte, unberührte Welt. Hinzu kommt, dass Mythen keine Glaubenssätze sind; inwieweit sie mit dem Kult oder überhaupt der religiösen Praxis zusammenhängen, ist nur in Ausnahmen festzustellen. Die Mythen der Edda in ihrem Figuren- und Geschichtenreichtum hatten wohl in der überlieferten Form nur zu einem geringen Teil konkrete religiöse Relevanz - in dieser Hinsicht sind sie den klassischen Sagen vergleichbar.

 

Der Mythos der "Sachsenschlachtung"   Heiden und Spätheiden