Der Mythos der "Sachsenschlachtung"

   
 

Man muss indessen durchaus nicht mit rechtsradikalen oder neuheidnischen Weltanschauungen sympathisieren, um beim Stichwort "Christianisierung der Germanen" zuallererst an die blutige Unterwerfung und Missionierung der Sachsen durch Karl den Großen zu denken. Wenngleich die Integration des volkreichen Stammes der Sachsen in das Frankenreich mitunter als Gründungsakt der deutschen Nation betrachtet wird, so wird die Gewalt, mit der dabei vorgegangen wurde, doch in der Geschichtsschreibung als ein Makel an Karls politischem Handeln empfunden.

Geradezu zum Symbol für Karls rücksichtslose Grausamkeit gegenüber den Heiden wurde die in den fränkischen Annalen verzeichnete Hinrichtung von 4 500 Sachsen, die im Jahr 782 vom Kaiser angeordnet worden sein soll. Heinrich Himmler hat 1935 für jeden dieser vorgeblich unbeugsamen, für die Unabhängigkeit ihres Volkes und für ihren Glauben gestorbenen Sachsen in Verden an der Aller unweit von Bremen eine Eiche pflanzen lassen - der so entstandene "Sachsenhain" zählt heute noch zu den Sehenswürdigkeiten der Gemeinde.

Bronzefigur von Karl dem Grossen
 

 


Die legendäre Massenhinrichtung, die Karl in nationalistischen Kreisen den Beinamen "Sachsenschlächter" einbrachte, hat freilich einen etwas komplexeren Hintergrund, als es das verquere und zugleich primitiv-dualistische Vergangenheitsverständnis Heinrich Himmlers und der NS-"Geschichtswissenschaft" wahrhaben wollte: Die in Wahrheit wohl sehr viel geringere Zahl von Sachsen, an denen der spätere Frankenkaiser sein blutiges Exempel statuierte, waren nämlich nicht im heroischen Freiheitskampf in fränkische Hände gefallen, sie waren vielmehr von ihren eigenen Stammesgenossen ausgeliefert worden, die sich bereits zum christlichen Glauben und damit zur Integration ins Kaiserreich bekannt hatten.

Und auch der Stammesfürst Widukind, der im niedersächsischen Mythos bis zum heutigen Tag den Rang eines unbeugsamen Kämpfers für die politische und religiöse Unabhängigkeit der Sachsen einnimmt, hat sich nach den Ereignissen von Verden taufen lassen; er selbst und seine Familie spielten seitdem im Frankenreich eine bedeutsame politische Rolle - nur in einer selektiven, die Tatsachen verfälschenden Betrachtung, die Widukinds Biographie vor seiner Taufe enden läßt, kann dieser noch als heidnischer Freiheitsheros erscheinen.

Zweifellos war die Eroberung und Missionierung der Sachsen dennoch ein gewaltintensives Unterfangen. Die Zerstörung der Irminsul, eines Stammesheiligtums, das vermutlich eine Weltsäule symbolisierte, zielte auf die Zerstörung der religiösen Identität der Sachsen, sollte sie doch sicherlich die Machtlosigkeit der heidnischen Götzen erweisen. Doch es ist immerhin bemerkenswert, dass das markanteste und scheinbar eindeutigste Ereignis in der langen Geschichte der Germanenmission, die Massenhinrichtung von Verden, sich bei genauerem Hinsehen als sehr viel komplizierter und widersprüchlicher erweist, als es die mythisierenden Traditionen bis hin zum stammtischerprobten "Niedersachsenlied" wahrhaben wollen. Das schlichte Schema, nach dem eine fremde, aber mächtige Religion den Glauben der Germanen unterdrückte, zerstörte und in die Niederungen des Aberglaubens und des Ammenmärchens abdrängte, scheint den historischen Realitäten nicht gerecht zu werden.

Wäre das Christentum den Völkern Mittel-, West- und Nordeuropas nur äusserlich und mit gewaltsamen Mitteln aufgepfropft worden, so hätte sich dort nicht in der Folge jene christliche Kultur entfalten können, deren beeindruckende Zeugnisse die Jahrhunderte überdauert haben: die Kathedralen, die Gregorianischen Choräle, die Schriften eines Alkuin, eines Thomas von Aquin, die Mystik Eckeharts und der heiligen Birgitta, um nur ein paar wahllos herausgegriffene Beispiele zu nennen. Auch wenn uns die Frömmigkeit des Mittelalters fremd geworden ist, weil wir die dahinterstehende Mentalität nicht mehr nachvollziehen können, gibt es doch keinen Grund, sie gering zu schätzen, indem man sie als etwas Äusserliches, Angelerntes und Wurzelloses diffamiert. Die bedeutenden kulturellen Leistungen des Mittelalters setzen ein durchaus verinnerlichtes Christentum voraus.

 

Neuheidnische Renaissance   Annahme und Aufnahme des Christentums