Neuheidnische Renaissance


   
 

Auch im beginnenden 21. Jahrhundert gibt es noch eine Vielzahl von Zirkeln, in denen versucht wird, den vorchristlichen Glauben der Germanen wieder aufleben zu lassen. Dazu gehören Rechtsradikale, die im Christentum eine "artfremde" und "semitische" Religion erblicken, aber auch sich als unpolitisch verstehende esoterisch angehauchte Gruppen, die in der flurbereinigten und begradigten Berliner Republik nach spirituellen Erfahrungen mit und in der Natur suchen.

Was wohl alle neuheidnischen Gruppierungen seit dem späten 19. Jahrhundert bis heute verbindet ist die Vorstellung, unseren "germanischen Vorfahren" wäre eine tiefe Naturfrömmigkeit zueigen gewesen, sie hätten in eben jenem geistigen Zusammenhang mit der Natur gelebt, der dem modernen Menschen abhanden gekommen ist. Wie abwegig und gefährlich es ist, das Rad der zivilisatorischen Entwicklung zurückdrehen und die geistigen Verhältnisse einer vorstaatlichen Stammeskultur wiederherstellen zu wollen, braucht hier nicht diskutiert zu werden. Es gibt zu diesem Thema inzwischen eine Vielzahl kritischer Untersuchungen; leider erreichen sie in der Regel nur solche Leser, die gegen eine unkritische Ideologisierung oder Spiritualisierung der Germanen (beides geht oftmals Hand in Hand) ohnehin gefeit sind.

Titelblatt der Zeitschrift der
"Germanischen Glaubensgemeinschaft", die sich jedoch von rechtem Gedankengut ausdrücklich distanziert
 

 


Schon der Begriff des "Neuheidentums" impliziert eine Frontstellung gegenüber dem Christentum. All jene,die die Sehnsucht nach der heidnischen Naturreligion umtreibt, müssen zwangsläufig dem Christentum ablehnend gegenüberstehen, denn nach der landläufigen Auffassung war es diese aus dem Orient kommende Stadt- und Buchreligion, die dem germanischen Naturglauben mit Feuer und Schwert ein Ende setzte. Und dieser Naturglaube, so setzt man voraus, basiert auf einem Weltbild, das sich von dem der Christenheit fundamental unterscheidet. Der Germane erblickt das Göttliche in der Natur, der Christ situiert seinen Gott in einem transzendenten und abstrakten Himmelreich. Insofern müssen die Germanen die Missionierung als einen grundlegenden Bruch ihrer geistigen Welt erfahren haben. So hat man in der Wissenschaft viele Generationen lang argumentiert, und so stellt sich der Glaubenswechsel auch aus neuheidnischer Perspektive dar. Ein genauerer Blick auf die Missionierung der Germanen läßt jedoch sehr rasch Zweifel an der Stichhaltigkeit dieses Kontrastschemas aufkommen.
 

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