"Mittelpunkt der Welt"

                     
Kaaba /Mekka Pentagon/ Washington       Klagemauer/ Jerusalem

Die Vorstellung, "auserwählt" und "Mittelpunkt der Welt" zu sein, taucht in allen grossen monotheistischen Religionen auf. Im Alten Testament ist von der besonderen Stellung der Juden die Rede und in Ezechiel 38/12 heisst es, das Volk Israel wohne "in der Mitte der Erde". In einem Handwörterbuch des Islam wird Mekka als "Nabelpunkt" beschrieben, von dem aus vor Urzeiten der Schöpfungsprozess ausging und der Koran spricht von dem bedeutendsten muslimischen Wallfahrtsort als "Mutter der Städte" (Sure 6/92). Auch das "Neue Jerusalem" der Johannes-Offenbarung im Neuen Testament kommt mit ähnlichem Pathos daher und die Papstherrschaft des Vatikans sah sich über Jahrhunderte lang als Zentrum der "abendländisch-zivilisierten" Welt.

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir in vorschneller Versöhnungsbereitschaft von dem "friedlichen Kern" aller Religionen sprechen und in Fundamentalisten nur Bösewichter sehen, die die eigentliche Wahrheit verzerren oder missbrauchen. Wahrscheinlich sind die Grenzen eher fliessend und Wachsamkeit scheint gerade bei den feinsten Nuancen angebracht.

Es ist offensichtlich, dass Begriffe wie "Mittelpunkt der Welt" ebenso Sprengstoff in sich bergen wie ein dualistisches Denken, dass den "Teufel" immer auf der gegnerischen Seite ausmacht. Dasselbe gilt für apokalyptische Bilder, die eine "Neue Zeit" herbeisehnen, die die dekadente alte ablösen soll. Sowohl das Christentum, als auch Juden und Muslime kennen die Ausgrenzung von "Ungläubigen" sowie Kriege, die im Namen des eigenen Gottes die andere Seite bekämpfen. Mohammed war nicht die sanfte Lichtgestalt, als der er in der Volksfrömmigkeit des Orients erscheint, sondern er sammelte in seinem Exil in Medina auch Krieger, um Mekka mit Gewalt zurückzuerobern. Und das Wort "dschihad" erscheint im Koran nicht nur als geistige Selbstüberwindung, sondern es finden sich ebenso Stellen, die zur Erschlagung der "Ungläubigen" auffordern (z.B. Sure 9/5). Die Juden, später keine missionierende Religion mehr, bekamen in ihrer Frühzeit noch den Auftrag, im Namen Jahwes andere Völker (z.B. die Kanaaniter) auszumerzen und kennen mit dem Wort "gojim" noch heute einen verächtlichen Begriff für die nichtjüdische Welt. Die meiste Gewalt und Missachtung der "Heiden" übten jedoch die christlichen Kreuzzüge aus, deren Eroberungsfeldzüge in der jüdischen und islamischen Welt bis heute nicht vergessen sind.

Wir sind geneigt, in solchen Exzessen archaische Relikte der Vergangenheit zu sehen, aber die Spannungen unserer Zeit resultieren auch daraus, dass ein derartiges Denken bis heute weiterwirkt. Die westliche Welt, vor allem die USA, würden so etwas natürlich weit von sich weisen und auf ihr "liberales" und "säkularisiertes" Weltbild verweisen, das verschiedene Kulturen nebeneinander existieren lässt. Aber es wäre zu fragen, ob diese Toleranz z.B. von Amerika auch nach aussen hin praktiziert wird, wenn dieses Aussen mit eigenen politischen oder wirtschaftlichen Interessen kollidiert.

Christlich-apokalyptische Züge trägt auch das öffentliche und kulturelle Leben der USA, das trotz aller Freizügigkeit oft seltsam drakonisch daherkommt. Dies zeigen Parolen und Strategien radikaler Abtreibungsgegner genauso wie die immer noch befürwortete Todesstrafe: Der Hinrichtungstag des Bombenlegers von Oklahoma - Timothy McVeigh - wurde gar als "V-Day" (Victory over the Evil) bejubelt. Extrem auch die in Europa nicht so ausgeprägte Faszination an Serienkillern und Psychopathen, die im realen Leben und in Filmen als mythisch überhöhte Stellvertreter des "Bösen" für die innere Stabilität der Gesellschaft herhalten müssen. Zuweilen tauchen in Hollywood-Produktionen übrigens auch Araber als schmuddelig-gefährliche Unholde auf, die die Sauberkeit amerikanischer Vorgärten zu gefährden drohen (z.B. in "True Lies", "Akte Jane", "Not without my daughter").

Zu einem solch dualistischen Denken passt der Satz, den Ronald Reagan 1982 in einer Rede vor der amerikanischen Bundesvereinigung der christlich-fundamentalistischen "Evangelisten" sagte: "Schon immer war ich der Meinung, dass unser gesegnetes Land zu etwas ganz Besonderem auserwählt ist, dass die göttliche Vorsehung diesen grossen Kontinent genau hier, zwischen den Ozeanen, plaziert hat, damit alle freiheitsliebenden und frommen Menschen in der ganzen Welt hierher finden können." (1) Reagan wiederholte diese Äusserung noch während verschiedener anderer Gelegenheiten, etwa bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Freiheitsstatue. Die von ihm gewählte Terminologie findet sich auch bei seinen Nachfolgern wieder und deutet, wie viele Kultstätten und Feiertage Amerikas, in die Richtung einer "civil religion".

 

(1) Gilles Kepel: Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch, München/Zürich 1991, 174


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