"Dunkler Doppelgänger"

  Eine interessante Metapher warf die indische Schriftstellerin Arundhati Roy in die Debatte. Auf Bitte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb sie am 28. September 2001 eine längere Stellungnahme zum Terroranschlag, in der es u.a. hiess: "Wer ist Usama bin Ladin aber wirklich? ... Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Aussenpolitik verwüstet wurde, durch ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte Politik der unumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Missachtung aller nicht-amerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen, ihre Unterstützung für despotische und diktatorische Regimes, ihre wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Länder gefressen haben."


Der deutsche Nachrichtensprecher Ulrich Wickert kommentierte diese Zeilen in einem Interview mit der Zeitschrift "Max" und sprach von "gleichen Denkstrukturen" bei Bush und bin Ladin, worauf in Deutschland ein Sturm der Entrüstung losbrach. Etliche Politiker forderten Wickerts sofortigen Rücktritt, worauf er sich entschuldigte und von "misslungenen und missverständlichen Formulierungen" sprach.

Der Journalist Henryk M.Broder bemerkte zu dem Vorfall, die indische Schriftstellerin dürfe so etwas sagen, Wickert jedoch nicht. Meinte er damit, dass Dichter ohnehin nur in nebulösen Phantasien schwelgen, während Nachrichtensprecher "vernünftig" und "verantwortungsbewusst" zu sprechen hätten? Seltsam, dass niemand von Wickert eine genauere Definition dessen forderte, was er mit "gleiche Denkstrukturen" meinte, noch er selbst dieses zu erklären versuchte. Vermutlich überkam ihn die blanke Angst, von derselben PC-Maschine überrollt zu werden, die hierzulande auch schon andere Opfer (z.B. Philipp Jenninger, Martin Walser) gefordert hatte.

Dabei ist "Dunkler Doppelgänger" keine schlechte Metapher, um die Komplexität des Verhältnisses zwischen Amerika und weiten Teilen der islamischen Welt zu beschreiben. Sie weist auf die Verbundenheit des scheinbar Unverbundenen hin, auf Schattenzonen einer Weltmacht, die viele im Augenblick nicht anschauen wollen, sei es aus Hochmut oder weil der Schmerz über die Untat des 11.September noch zu stark ist.

Usama Bin Ladin (Kurzbiographie) ist u.a. das "amerikanische Familiengeheimnis", weil er vom CIA mitaufgebaut wurde, als seine Aktivitäten den USA im Kampf gegen die Sowjetunion noch nützlich erschienen. Über den pakistanischen Geheimdienst ISI rekrutierte die CIA 1979 fast 100.000 radikale Mudschahedin aus vierzig islamischen Ländern für den Krieg Afghanistans gegen die Sowjetunion, die auch einmal ihr "Vietnam" erleben sollte. Nachdem sich die Russen 1989 aus dem Hindukusch zurückzogen, kümmerte sich niemand mehr um Aghanistan und die Spannungen zwischen den verschiedenen islamischen Gruppierungen. Auch mit den heute verhassten Taliban pflegten Amerika und sein Big Buisiness 1996 noch intensive Geschäftsbeziehungen, in denen wirtschaftliche Interessen eindeutig höher rangierten als Menschenrechtsverletzungen.

Um vom arabischen Rohöl unabhängiger zu werden, wollten die USA Rohrleitungen von Ölvorkommen rund ums Kaspische Meer quer durch Afghanistan zu den Überseehäfen Pakistans legen. Diesbezüglich bewarb sich der amerikanische Erdölkonzern UNOCAL bei den Taliban um das grosse Geschäft mit der Öl- und Gaspipeline und zahlte den "Gotteskriegern" 15 Millionen Dollar direkt in ihre Kasse. (SPIEGEL 39/2001, S.18) Diese machten jedoch das Gegenteil von dem, was Washington erwartet hatte: Sie weiteten den Drogenhandel aus, verschärften ihr unmenschliches Regime und liessen Bin Ladin in ihrem Land ungestört Extremisten ausbilden. Der Erdölkonzern UNOCAL aber hielt mit Billigung der US-Regierung weiter an seinen Taliban-Avancen fest. Erst im Dezember 1998 zog sich die Firma von dem geplanten Geschäft zurück, wegen der sinkenden Erdölpreise und der Klagen vor einem kalifornischen Gericht, eingereicht von Frauenrechtlerinnen gegen die Unterstützung der "menschenverachtenden Taliban".

Arundhati Roy weist in ihrem Aufsatz daraufhin, dass diese Strategie nicht die einzige in der US-Aussenpolitik der letzten 50 Jahre war: Sie erinnert an die Millionen toter Zivilisten, die durch amerikanische Bomben in Korea, Vietnam, Kambodscha und im Irak ums Leben kamen, an die 500.000 Kinder, die bisher wegen des Embargos gegen Saddam Hussein starben und weitere Millionenopfer von diktatorischen Regimes, welche von den USA unterstützt wurden. Hier war niemals von "Infinite Justice" die Rede und niemals wurden nützliche Despoten als das "Reich des Bösen" bezeichnet.

Auch im Vietnamkrieg, dessen Entsetzlichkeiten wir heute vergessen haben oder - gemildert durch "Kultfilme" wie "Apocalypse Now" - ästhetisch geniessen, liebten amerikanische Strategen bereits blumig-poetische Formulierungen, um Massaker und Massenbombardierungen zu tarnen. Der damalige US-Aussenminister Henry Kissinger veranlasste nicht nur aus Wahlkampf-Erwägungen heraus die Verlängerung des Vietnamkrieges um vier Jahre, sondern dehnte ihn auch auf das neutrale Kambodscha aus. Die ersten Bombardierungen dieses Landes, von vielen heute als eindeutiges Kriegsverbrechen verurteilt, liefen z.B. unter dem Codenamen "Breakfast", die "Säuberung" des Mekong-Deltas von den Vietkong hiess "Speedy Express", deren Tote (darunter 5000 Zivilisten) als "Opfer freundlichen Feuers" bezeichnet wurden. Kissinger - so die faktenreiche Analyse des Pulitzer-Preisträgers Christopher Hitchens (1) - war auch an dem Sturz der Allende-Regierung Chiles beteiligt, der zu dem barbarischen Regime Pinochets führte sowie an den Völkermorden von Bangladesch und Osttimor. Bereits 1971 bezweifelte Telford Taylor, der ehemalige US-Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, ob Amerika den 1945 aufgestellten ethischen Maximen heute selber noch genüge. (2)

"Für ein Land, das an so vielen Kriegen und Konflikten beteiligt war", fügt Arundhati Roy hinzu, "hat Amerika ausserordentlich viel Glück gehabt. Die Anschläge vom 11.September waren erst der zweite Angriff auf amerikanisches Territorium innerhalb eines Jahrhunderts ... Die Botschaft könnte ... durchaus unterzeichnet sein von den Geistern der Opfer von Amerikas alten Kriegen."

 

(1) Christopher Hitchens: Die Akte Kissinger, Stuttgart/München 2001
(2) ebd. 50f


"Infinite Justice" 3   "Mittelpunkt der Welt"