"Infinite Justice" 3

 

Bereits Richard Nixon umschrieb den Gegensatz von Amerika und Sowjetunion als einen von "Gott und Teufel", Ronald Reagan bezeichnete den Kommunismus als das "Reich des Bösen", das ohne die "Freude des Wissens um Gott" auskomme und George Bush - der Vater des jetzigen Präsidenten - nannte den Golfkrieg einen "gerechten Krieg ... im Namen Gottes" und ordnete während der Kämpfe einen "nationalen Tag des Gebetes" an. Wie wir sahen, denkt sein Sohn in denselben Kategorien und verdankt - wie seine Vorgänger - viele seiner Stimmen christlich-fundamentalistischen Gruppen und Wählerinitiativen.


Ein erster Vergleich der Sprachbilder ergab also eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen Formeln der Islamisten und gewisser Kreise in Amerika: statt der Bereitschaft, sich in Motive des Anderen hineinzuversetzen, strikte Verteufelung des Gegners sowie die Erhöhung der eigenen Position zu etwas "Göttlichem" und "Gerechtem". Der amerikanische Publizist John MacArthur beklagte in einem SPIEGEL-Interview (41/2001), dass nach dem 11. September Reporter in den USA gekündigt worden waren, weil sie es gewagt hatten, Bushs selbstgerechtes Pathos zu kritisieren. Es galt schon als unpatriotisch, die Wortwahl "Krieg gegen den Terrorismus" in Frage zu stellen und von "verbrecherischen Handlungen" zu sprechen. Umso anrührender empfand ich die Stimme einer New Yorkerin innerhalb eines Fernsehbeitrages, die - halb verzweifelt, halb neugierig - fragte: "Warum hassen die uns so?"

Neben den "manichäischen" Bildern verblüfften vor allem diejenigen, die die Faszination an den zusammenbrechenden Türmen ausdrückten. Begriffe wie "Kunstwerk", "Schönheit", "Erhabenheit", "Spitzensymbolik" und "Brillianz des Bösen" mochten angesichts des grauenvollen Todes unzähliger Menschen zynisch wirken, aber sie wurden von sehr verschiedenen und nicht immer dummen Menschen geäussert. Dieselbe Faszination spiegelten übrigens die in den ersten Tagen unendlich oft wiederholten Bilder der Katastrophe, die schon bald als eine Art Logo für die jeweilige Sendung herhalten mussten.

Gerade das lautlos sich dem World-Trade-Center nähernde Flugzeug schien geradezu archetypische Empfindungen auszulösen, die nicht nur Mitgefühl und Entsetzen ausdrückten: ein kleiner Pfeil, gesteuert von einer unsichtbaren Minderheit, bohrte sich in einem Akt der Selbstaufopferung in den "Phallus" (Adrienne Goehler) eines scheinbar unzerstörbaren Weltgiganten. Mythische Bilder tauchten auf, egal ob man sich dagegen wehrte oder nicht: der Kampf von David gegen Goliath, die verwundbaren Stellen der Helden Siegfried und Achilles, listige Zwerge und Däumlinge, die am Ende doch gegen die grossen, aber unbeweglichen Riesen siegen.

Man kommt nicht weiter, wenn man sich für solche Regungen schämt, sie verdrängt oder moralisch zensiert. Gerade im politisch überkorrekten Deutschland wüteten viele Journalisten gegen jede Meinung, die etwas Kritisches gegen die USA vorbrachte. Eine differenziertere Ursachenbefragung war in Politikerstatements und Talk-Shows tabu und wurde schnell als "Antiamerikanismus" abgetan. Es gab sogar Autoren, die hinter dem "Antiamerikanismus" gleich den "Antisemitismus" witterten und genaueres Nachdenken mit der Nazi-Moralkeule zu ersticken versuchten. Ganz Amerika bestand nur noch aus "unseren Freunden" und die Gegenseite waren nichts als perverse Dämonen, die es zu eliminieren galt. "Ausrotten", "Ausräuchern" und "Austrocknen" waren denn auch oft verwendete Bilder für den Kampf gegen den Terror, der ehemals verfeindete Grossmächte urplötzlich wieder zu Freunden machte.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht hier nicht darum, das Barbarische dieses Anschlages zu verharmlosen oder Parolen wie "Amerika ist selber schuld" zu unterstützen. Tausende unschuldiger Menschen starben auf z.T. entsetzliche Weise, die Terroristen wussten das und sahen im Rausch "göttlicher Erwähltheit" brutal darüber hinweg. Dennoch muss es erlaubt sein, über das Mitgefühl mit den Einzelschicksalen hinaus Fragen zu den komplexen Hintergründen der Tat zu stellen, die nicht durch ein einfaches Schwarz-Weiss-Schema zu erklären ist. Dämonisierende Bilder mögen das Hochschwappen von extremen Gefühlen artikulieren, die im ersten Moment verständlich sind. Aber viele politische Beispiele (etwa der Nahostkonflikt) zeigen, dass solche Reaktionsmuster nur zu Spiralen endloser Gewalt führen.




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