"Infinite Justice" 2
 

Für den in Amerika arbeitenden Filmregisseur Wolfgang Petersen war das Ereignis "spektakulär" und "nach dramaturgischen Aspekten getimt": Im Zusammenbrechen der Türme habe "fast schon so etwas wie eine Schönheit" gelegen. Ähnlich der TV-Moderator Roger Willemsen, der von der "Erhabenheit der Katastrophe" sprach oder der US-Schriftsteller T.C. Boyle, für den der Angriff furchtbar, aber "genial" war. Als nach einigen Tagen die ersten Luftaufnahmen der Unglücksstelle freigegeben wurden, verglich ein amerikanischer Fernsehkommentator den Anblick mit den bombardierten deutschen Städten des Zweiten Weltkrieges und sprach - nicht ohne Ergriffenheit - von der "Brillianz des Bösen".

Die Sprachbilder, mit denen auf das Attentat vom 11.September reagiert wurde, spiegelten im Wesentlichen zwei Gefühlslagen: das Bedürfnis nach Rache und Auslöschung des "Bösen" sowie mehr oder minder eingestandene Faszination für die Symbolkraft des Ereignisses. Gerade das Monströse der Tat schien in die tiefsten Gefühlsschichten der Menschen zu greifen und sie zu Überhöhungen zu treiben, die für unsere "aufgeklärte Welt" ungewohnt sind. Ein ganzer Bodensatz von unbewältigten und auch ambivalenten Gefühlen spülte in diesen Tagen hoch: Mitgefühl, Entsetzen, Angst, heimliche Genugtuung über die Verunsicherung einer Supermacht und sogar Respekt vor dem vermeintlichen Drahtzieher Osama bin Laden, was die Formel vom "Top-Terroristen" zeigte.

Der vor allem von Amerika endlos beschworene "Kampf des Guten gegen das Böse" machte mich stutzig. Waren auch die "liberalen" USA von christlich-apokalyptischen Denkstrukturen durchdrungen? Standen sich hier zwei fundamentalistische Gesinnungen gegenüber oder war das religiöse Pathos Washingtons nur rhetorisches Schwertergerassel?

Ich wollte mehr darüber wissen und erfuhr zu meinem Erstaunen, dass der Begriff "Fundamentalismus" nicht aus dem Orient, sondern aus Amerika stammt, wo ab 1910 protestantische Theologen in einer zwölfbändigen Veröffentlichung mit dem Titel "The Fundamentals" scharfe Kritik an der Modernisierung der Gesellschaft geübt hatten. (1) Zentrum ihrer Auffassung war der Glaube an die absolute Unfehlbarkeit der Bibel, deren Texte als wörtlicher Ausdruck der göttlichen Wahrheit gesehen wurden. Zu ihren Kuriositäten gehörte z.b. die Forderung, in Schulen nicht mehr die darwinistische Evolutionstheorie zu verbreiten, sondern nur noch die biblische Schöpfungsgeschichte. Ronald Reagan griff diesen Gedanken später wieder auf, äusserte Zweifel an Darwin und schlug vor, beide Erklärungsmodelle nebeneinander anzubieten. (2)

Der christliche Fundamentalismus Amerikas reicht von den zum Teil aus Puritanern, Quäkern und Methodisten bestehenden Gründungsvätern bis in die Neuzeit. Er wirkte im Untergrund der Hexenjagd MacCarthys ebenso wie in den Massenpredigten Bill Grahams und findet sich auch in der Rhetorik der US-Präsidenten wieder, die entsprechenden Gruppierungen angehören oder einflussreiche Berater aus diesen Kreisen haben.

(1) Gilles Kepel: Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch, München/Zürich 1991, 156
(2) ebd. 174


"Infinite Justice" 1   "Infinite Justice" 3