"Infinite Justice"
 


Am Morgen des 11.September brachten Mohammed Atta und Marwan Al-Schahi mit ihren entführten Flugzeugen die beiden Türme des World-Trade-Centers zum Einsturz und rissen ca. 3000 Menschen mit in den Tod.

Die Welt war schockiert wie lange nicht mehr. Es war auch im übertragenen Sinne etwas "eingeschlagen". Gefühle von Sicherheit verschwanden, der Terrorismus bekam ein neues - unheimlicheres - Gesicht und auch der symbolische Akt als solcher schien viele Gemüter aufzuwühlen.

Mich beschäftigten in diesen Tagen vor allem die quasireligiösen Sprachbilder, mit denen auf das Desaster reagiert wurde. Nicht nur die Attentäter sprachen vom Gegner als "Teufel", sondern auch G.W. Bush kündigte einen "Kreuzzug gegen das Böse" an, als müsste man dem "Heiligen Krieg" ein ebenbürtiges Pathos entgegenstellen.

Den verwüsteten Stadtteil in Manhattan nannte man erst "North of the Apocalypse" (nördlich der Apokalypse), dann "Ground Zero" (Bezeichnung für einen Atomeinschlag) und den herbeigesehnten Rückschlag "Infinite Justice" (Unendliche Gerechtigkeit). Diesen Terminus nahm man erst zurück, als amerikanische Moslems darauf hinwiesen, dass nur Gott eine solche Gerechtigkeit auszuüben vermag. Die Berliner BZ titelte unter einem Foto von Osama bin Laden: "Allah, rufe diesen Mörder zu dir!" und der New Yorker Fernsehsprecher Bill O'Reilly fordert gegenüber einem zur Besonnenheit mahnenden Kirchenvertreter: "The sword is needed now!" (Jetzt brauchen wir das Schwert)

Eine "christliche Gesellschaft" badete in Vergeltungsphantasien und eine "aufgeklärte Welt" griff auf quasireligiöse Vorstellungen zurück, um ihre Gefühlsstürme irgendwie kanalisieren zu können. Nur der exzentrische US-Schriftsteller Gore Vidal forderte ruhig, aber auch relativ ungehört, Bin Laden müsse vor der UN die Möglichkeit haben, seine Anklagepunkte gegen Amerika und die westliche Welt vorzubringen.

Aber es gab auch noch andere Töne, die erst nach einigen Tagen hervortraten: Der deutsche Komponist Karlheinz Stockhausen wurde zur Unperson Deutschlands, als er die Katastrophe "das grösste Kunstwerk" nannte, das es jemals gegeben habe: "Da sind also Leute, die sind so konzentriert auf eine Aufführung, und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten." Stockhausens Konzerte wurden abgesagt, die Medien griffen ihn an, jemand forderte, man müsse ihn in eine psychiatrische Klinik stecken.

Andere fassten ihre Mischung aus Schock und Faszination in nicht ganz so überspannte Worte: Die neue Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler nannte - ebenfalls scharf kritisiert - die Twin-Towers "Phallussymbole" und der Schriftsteller Botho Strauss sprach von "Schwurfingern des Geldes", deren Zusammensacken eine "Spitzensymbolik" dargestellt habe, "die kaum je zu übertreffen sein wird."

 

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