"Du reist, um Gott zu treffen"
  "Wenn das Flugzeug sich bewegt und sich in Richtung von ... dreht, bete die Gebete der reisenden Muslime, denn du reist, um Gott zu treffen und die Reisen zu geniessen." Mit solchen Sätzen bereitete sich Mohammed el Amir (33) - alias "Mohammed Atta" - einer der Piloten des Attentates, auf seine "Mission" vor: ein neuer Typ von Terrorist, gebildet und nicht aus den Slums der Dritten Welt stammend, sondern aus einer Kairoer Rechtsanwaltsfamilie.

"Er konnte gut zuhören, war ausgeglichen, ruhig und ernsthaft", sagte ein Student über seinen ehemaligen Kommilitonen an der technischen Universität Hamburg-Harburg, wo Atta Städteplanung studierte. Ein anderer beschrieb ihn als "integer, streng, diszipliniert." 1995 hatte der junge Ägypter von der Carl Duisberg-Stiftung ein Stipendium von 2625 DM erhalten, um in Kairo die fatimidische Altstadt zu erforschen und reiste mit einem Freund dorthin. Atta wohnte in dieser Zeit bei seinen Eltern, denen er die Hälfte des Betrages abgab.


Sein reges Interesse für Kulturgeschichte, Kunst und Denkmalschutz zeigt auch seine 1999 entstandene und mit 1,9 benotete Diplomarbeit über einen gefährdeten Altstadtteil in der syrischen Stadt Aleppo, die mit ihren 5000 Jahren zu den ältesten Siedlungen der Welt gehört und noch heute uralte Häuser, Bazare und Moscheen von grosser Schönheit birgt.

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Wie passt die Liebe zur Erhaltung kostbarer Bausubstanz zusammen mit dem mörderischen Ereignis des 11. September? Welchen Zusammenhang haben lauschige Innenhöfe und filigran verzierte Holzerker mit explodierenden Kerosinwolken, in denen Menschen und Betonwände sekundenschnell pulverisiert werden?

Auf meine Bitte, Atta's Diplomarbeit für diesen Essay einzusehen, antwortete mir sein damaliger Betreuer, Professor Dittmar Machule: "Die Diplomarbeit - Prüfungsabschlussarbeit eines Stadtplanungsstudiums - von Mohammed el Amir, alias Mohammed Atta, ist nicht zugänglich. Ein Exemplar haben die Ermittlungsbehörden, ein weiteres ist noch in Händen der TUHH. Zu der von Ihnen angedeuteten inhaltlichen Richtung (Islamismus, Mythologie) ist in der Arbeit nichts enthalten. Es sei denn bereits die Idee, historisches Erbe bewahren zu wollen, aus Motiven wie es etwa die Denkmalschutzbewegung in Deutschland hat, gibt Stoff zum Interpretieren in befragte Richtungen."

Verdichtete sich Attas Bewunderung für die Relikte islamischer Hochkultur zu einem Gefühl von Überlegenheit und Hass gegenüber der westlichen Zivilisation, die in seinen Augen nur noch Dekadenz darstellte? Warum kümmert sich einer um Sanierungsmethoden, die das Alte schonend ins Moderne hinüberführen, um sich dann doch in einem Akt der Selbstaufopferung in die Luft zu sprengen? Atta war kein Analphabet aus ärmlichen Verhältnissen, der es nötig hatte, alles auf die im Koran versprochenen Paradiesfreuden zu setzen. Er war intelligent, sah nicht schlecht aus, hätte vermutlich Karriere machen und eine nette Frau heiraten können. Dennoch trug seine Diplomarbeit bereits die Widmung: "Meine Opferung, mein Leben, mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten."

Nach Abschluss des Studiums verschwand er von der Hamburger Uni und wurde vermutlich in Afghanistan von Osama bin Laden ausgebildet. Für seine zukünftige "Mission" nahm Atta in Amerika Flugstunden, bei denen er - laut Auskunft seines Lehrers - vor allem "approaches" (Annäherungen an Objekte) übte. Eine Flugschülerin, die mit ihm trainierte, erinnerte sich, dass er nie Spass am Fliegen gezeigt hätte.

Bereits durch sein Elternhaus kam der junge Moslem mit antisemitischen und antiwestlichen Verschwörungstheorien in Berührung. Seine Vater behauptete nach dem New Yorker Anschlag, dass dieser vom israelischen Geheimdienst Mossad verübt worden sei, der seinen Sohn daraufhin entführt habe. Dem deutschen Freund, der ihn nach Kairo begleitete, fiel auf, dass Atta die amerikafreundliche Oberschicht Ägyptens verächtlich "fette Katzen" nannte. Später in Hamburg sagt er, dass es im Koran nichts zu deuten gebe, da dieser "absolut" sei. Zur Verwunderung seiner Kommilitonen erschien er nach längerer Abwesenheit irgendwann wieder an der Uni, jetzt aber mit langem Bart, Kaftan und Turban. Hatte er inzwischen ein religiöses Bekehrungserlebnis gehabt und war von bin Laden oder einem ähnlichen "Führer" in "höhere Regionen" des Islamismus eingeweiht worden?

Gemeinsam mit einem Mitattentäter übernachtete Atta in der Nacht zum 11. September in einem Hotel in Portland (Comfort Inn), wo er sich mit weiteren "religiösen" Versen innerlich auf seine Aufgabe vorbereitete:

"Gebe nicht den Anschein, verwirrt zu sein, sondern sei stark und glücklich mit geöffnetem Herz und Zuversicht, denn du tust Arbeit, die Gott gefällig ist und die er segnet ... Gott sagt, dass du, wenn du durch einige Ungläubige umgeben bist, still sitzen und dich entsinnen sollst, dass Gott dir den Sieg am Ende ermöglichen wird."

 
     

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