Ausblick

Interessant also die Feststellung, dass in bestimmten Richtungen des Islam Deutungen des "Bösen" existieren, die die heute inflationären Metaphern von "Kreuzzug" und "Heiligem Krieg" weit hinter sich lassen. Diese Simplifizierungen mögen etwas über Potentiale von Angst und Hass aussagen, aber sind ungeeignet für einen Dialog zwischen den Religionen, wie er zur Zeit dringend erforderlich erscheint. Dieser müsste eher dazu führen, dass jede Seite lernt, das in den anderen projizierte "Böse" auch in sich selbst zu sehen.

Die mit ihrem Materialismus ja auch nicht vollkommen glückliche westliche Welt könnte die religiöse Leidenschaft des Orients für die Reflexion über eigene Defizite nutzen, während Islamisten lernen müssten, im europäisch-amerikanischen Lebensstil mehr als nur sündhafte Dekadenz zu sehen. Dass letzteres manchmal schwerfällt, muss man ihnen angesichts mancher westlicher Skurrilitäten zumindest einräumen: Was soll ein gläubiger und wenig begüterter Muslim etwa mit der Nachricht anfangen, dass sich Nicole Kidman zusammen mit Robbie Williams nackt für eine Weihnachts-CD ablichten liess und dabei nur ein Diamanthalsband für 20 Millionen Dollar und eine Handtasche für 3,6 Millionen Dollar trug, die "gerade ihre Scham bedeckte". Dass der Muslim dabei nicht nur an europäische Werte wie Aufklärung oder Menschenrechte denkt, mag verständlich sein.

"Freiheit" und "Säkularisierung" des Westens brachten nicht nur materiellen Aufschwung mit sich, sondern führten auch dazu, dass spirituelle Bedürfnisse des Menschen abgewertet bzw. in einen unverbindlichen Privatraum abgeschoben wurden, von wo aus keine Beeinflussung offizieller Werte mehr möglich sind. Umgekehrt fixierte sich der Islam - vielleicht auch aus Trotz und Unterlegenheitsgefühl - auf vergangene Denkstrukturen und entzog sich weitgehend der Auseinandersetzung über die Frage, wie "absolute Werte" mit Demokratie und Individualität kompatibel seien. Der Anschlag vom 11.September machte vor allem klar, dass beide Seiten definitiv zu wenig voneinander wissen und dass ein Dialog - wenn überhaupt - nur in ganz kleinen Kreisen stattfindet. Nahezu katastrophal mutet angesichts solcher Defizite die Tatsache an, dass in den letzten Jahren die europäischen Kulturinstitute (Amerikahaus, British Council, Goethe-Institute) wegen "Sparmassnahmen" ihre Präsenz im Orient drastisch verringerten.

Über die Lösung ökonomischer und politischer Probleme (Naher Osten) hinaus scheint es daher von grösster Wichtigkeit zu sein, in Kultur, Alltag und Erziehung mehr über andere Religionen zu lernen und zwar tiefgehender als es Schlagworte wie "Toleranz" und "Multikulti-Vielfalt" bezeichnen. Dies sind eher Verlegenheitsfloskeln einer säkularisierten Welt, die gar nicht mehr nachvollziehen kann, dass Religion für viele Menschen mehr ist als zusätzliche Freizeitunterhaltung. "Integration" kann aber auch nicht heissen, dass Muslime den Komfort des Westens übernehmen, aber in Glaubensmustern verharren, die Individualität, Rationalität und Gleichberechtigung niedriger bewerten als religiöse Hingabe.

Beide Kulturen sind hier gefragt, grundsätzliche Probleme auf einer tieferen Ebene als bisher zu diskutieren. Rein formale Toleranz im Sinne von "Ich tu dir nix, wenn du mir nix tust" ist dabei zu wenig. Sie mag einen humanen Umgangston beschreiben, aber das Entscheidende wird die Ausbildung eines stärkeren Imaginationsvermögens für andere Kulturen sein: die Fähigkeit, sich plastisch in andere (auch bedrohliche) Gefühlslagen, Sehnsüchte, Ängste und Zwiespalte hineinversetzen zu können, um von dort aus gemeinsame Lösungswege zu suchen.

Mir persönlich halfen dazu z.B. einfühlsame TV-Dokumentationen, die gerade nach dem 11. September verstärkt zu sehen waren, besonders bei Sendern wie "Phönix", "3-sat" oder "arte". Solche Filme, etwa über Afghanistan, den Islam oder New York nach dem Desaster, hinterliessen intensivere Eindrücke als jede Nachrichtensendung, Politiker-Rede oder wissenschaftliche Analyse. Sie boten mir vielschichtige, unaufgeregte und nicht wertende Innenansichten des Anderen und geleiteten meine Phantasie in produktive Zwischenbereiche jenseits von Begriffen wie "Gut" und "Böse", "Kreuzzug" und "Heiligem Krieg".

Eine meiner Hoffnungen dieser Tage ist, dass solche Beiträge aus ihrer bisherigen "Kulturnische" herausgenommen und zum alltäglichen Bestand von Bildung und Information werden.

 


Wer ist "Satan"?   Atalante 4