"Phallussymbole" und die "Brillianz des Bösen"


Sprachbilder nach dem Terroranschlag von New York


von Rüdiger Sünner

 

"TOP OF THE WORLD"

Als der Architekt des New Yorker World-Trade-Centers, Minoru Yamasaki, 1973 gefragt wurde, warum er statt der beiden Türme mit 110 Stockwerken nicht einen mit 220 gebaut habe, antwortete er unter dem Gelächter der Gäste: "Ich wollte das menschliche Mass nicht verlieren." Dennoch waren die "Twin-Towers" auch ein Symbol des Kalten Krieges, das vor allem den Russen zeigen sollte, wer der eigentliche "Herr der Welt" sei.

Mit seinen über 400 Firmen und 900.000 Quadratmetern Bürofläche war das World-Trade-Center Amerikas grösstes Wirtschaftszentrum, in dem tagtäglich 800 Millionen Dollar umgesetzt wurden. Auch die Deutsche Bank war daran beteiligt und besass vier Etagen in dem Gebäude.

Spezielle Internetanschlüsse mit Notstromaggregaten sorgten dafür, dass der Funkverkehr mit der Aussenwelt niemals abbrechen konnte und auf dem Dach befanden sich riesige Antennen- und Satelittenanlagen für zusätzliche Kommunikation. Doch beherbergte das World-Trade-Center nicht nur Broker, Manager, Finanz-, Technologie- und Medienfirmen, sondern auch Geschäfte und Restaurants. Auf dem Dach des Gebäudes ("Top of the World") befand sich eine Aussichtsplattform, von der aus man einen atemberaubenden Blick auf Manhattan, den Hudson-River und das gesamte Umfeld hatte.

In den gigantischen Türmen gab es sogar Kunstgalerien und Ateliers. Der NDR-Kulturreport vom 30.9.2001 berichtete, dass einer der dort arbeitenden Bildhauer - Michael Richard - in der Nacht zum 11.September in seiner Werkstatt geblieben war, statt mit Freunden noch auszugehen. Er fiel dem Terroranschlag zum Opfer. Unheimliches Detail im Vorfeld der Katastrophe: Richards Skulpturen der letzten drei Jahre zeigen vorwiegend ihn selbst, wie er von Flugzeugen durchbohrt wird.

"Du reist, um Gott zu treffen"

"Wenn das Flugzeug sich bewegt und sich in Richtung von ... dreht, bete die Gebete der reisenden Muslime, denn du reist, um Gott zu treffen und die Reisen zu geniessen." Mit solchen Sätzen bereitete sich Mohammed el Amir (33) - alias "Mohammed Atta" - einer der Piloten des Attentates, auf seine "Mission" vor: ein neuer Typ von Terrorist, gebildet und nicht aus den Slums der Dritten Welt stammend, sondern aus einer Kairoer Rechtsanwaltsfamilie.

Wie passt die Liebe zur Erhaltung kostbarer Bausubstanz zusammen mit dem mörderischen Ereignis des 11. September? Welchen Zusammenhang haben lauschige Innenhöfe und filigran verzierte Holzerker aus "1001 Nacht" mit explodierenden Kerosinwolken, in deren Hitzehölle Menschen sekundenschnell pulverisiert werden?

Auf meine Bitte, Atta's Diplomarbeit für diesen Essay einzusehen, antwortete mir sein damaliger Betreuer, Professor Dittmar Machule: "Die Diplomarbeit - Prüfungsabschlussarbeit eines Stadtplanungsstudiums - von Mohammed el Amir, alias Mohammed Atta, ist nicht zugänglich. Ein Exemplar haben die Ermittlungsbehörden, ein weiteres ist noch in Händen der TUHH. Zu der von Ihnen angedeuteten inhaltlichen Richtung (Islamismus, Mythologie) ist in der Arbeit nichts enthalten. Es sei denn bereits die Idee, historisches Erbe bewahren zu wollen, aus Motiven wie es etwa die Denkmalschutzbewegung in Deutschland hat, gibt Stoff zum Interpretieren in befragte Richtungen."

Verdichtete sich Attas Liebe zu den Relikten islamischer Hochkultur zu einem Gefühl von Hass und Überlegenheit gegenüber einer westlichen Zivilisation, die in seinen Augen nur noch Dekadenz darstellte? Warum kümmert sich einer um Sanierungsmethoden, die das Alte schonend ins Moderne hinüberführen, um sich dann doch in einem Akt der Selbstaufopferung in die Luft zu sprengen? Atta war kein Analphabet aus ärmlichen Verhältnissen, der sich von den im Koran versprochenen Paradiesfreuden das versprach, was ihm ein diesseitiges Leben nicht hätte geben können. Er sah nicht schlecht aus, war intelligent, hätte Karriere machen und eine nette Frau heiraten können. Dennoch trug seine Diplomarbeit bereits die Widmung: "Meine Opferung, mein Leben, mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten."

Nach Abschluss des Studiums verschwand er von der Hamburger Uni und wurde vermutlich in Afghanistan von Osama bin Laden ausgebildet. Für seine zukünftige "Mission" nahm Atta in Amerika Flugstunden, bei denen er - laut Auskunft seines Lehrers - vor allem "approaches" (Annäherungen an Objekte) übte. Eine Flugschülerin, die mit ihm trainierte, erinnerte sich, dass er nie Spass am Fliegen gezeigt hätte.

Bereits durch sein Elternhaus kam der junge Moslem mit antisemitischen und antiwestlichen Verschwörungstheorien in Berührung. Seine Vater behauptete nach dem New Yorker Anschlag, dass dieser vom israelischen Geheimdienst Mossad verübt worden sei, der seinen Sohn daraufhin entführt habe. Dem deutschen Freund, der ihn nach Kairo begleitete, fiel auf, dass Atta die amerikafreundliche Oberschicht Ägyptens verächtlich "fette Katzen" nannte. Später in Hamburg sagt er, dass es im Koran nichts zu deuten gebe, da dieser "absolut" sei. Zur Verwunderung seiner Kommilitonen erschien er nach längerer Abwesenheit irgendwann wieder an der Uni, jetzt aber mit langem Bart, Kaftan und Turban. Hatte er inzwischen ein religiöses Bekehrungserlebnis gehabt und war von bin Laden oder einem ähnlichen "Führer" in "höhere Regionen" des Islamismus eingeweiht worden?

Sein reges Interesse für Kulturgeschichte, Kunst und Denkmalschutz zeigt auch seine 1999 entstandene und mit 1,9 benotete Diplomarbeit über einen gefährdeten Altstadtteil in der syrischen Stadt Aleppo, die mit ihren 5000 Jahren zu den ältesten Siedlungen der Welt gehört und heute noch uralte Häuser, Bazare und Moscheen von grosser Schönheit birgt.

"Er konnte gut zuhören, war ausgeglichen, ruhig und ernsthaft", sagte ein Student über seinen ehemaligen Kommilitonen an der technischen Universität Hamburg-Harburg, wo Atta Städteplanung studierte. Ein anderer beschrieb ihn als "integer, streng, diszipliniert." 1995 hatte der junge Ägypter von der Carl Duisberg-Stiftung ein Stipendium von 2625 DM erhalten, um in Kairo die fatimidische Altstadt zu erforschen und reiste mit einem Freund dorthin. Atta wohnte in dieser Zeit bei seinen Eltern, denen er die Hälfte des Betrages abgab.

Gemeinsam mit einem Mitattentäter übernachtete Atta in der Nacht zum 11. September in einem Hotel in Portland (Comfort Inn), wo er sich mit weiteren "religiösen" Versen innerlich auf seine Aufgabe vorbereitete:

"Gebe nicht den Anschein, verwirrt zu sein, sondern sei stark und glücklich mit geöffnetem Herz und Zuversicht, denn du tust Arbeit, die Gott gefällig ist und die er segnet ... Gott sagt, dass du, wenn du durch einige Ungläubige umgeben bist, still sitzen und dich entsinnen sollst, dass Gott dir den Sieg am Ende ermöglichen wird."

Die Hauptthemen in Attas "Gebeten" werden durch Begriffe wie "Gläubiger", "Ungläubiger", "Gott", "Selbstlosigkeit", "Teufel" und "Himmel" markiert. Die westliche Zivilisation - so heisst es - sei des Teufels, aber zum Trost für den "Heiligen Krieger" erscheine sie nur nach aussen hin stark:

"Alle westlichen Zivilisationen, die ihre Macht geniessen, sind in ihrem Inneren sehr schwach, so habe keine Angst und keine Furcht, wenn du ein Gläubiger bist, denn Gläubige fürchten nur Gott den Allmächtigen, der die Macht über alles innehat."

Besonders wichtig sei - so ermahnt der Text - dass die bevorstehende Tat nicht wegen materieller Dinge oder eigensüchtiger Interessen ausgeübt werden dürfe, sondern nur im Auftrag einer höheren göttlichen Mission: "Töte und denke nicht an den Besitz derjenigen, die du töten wirst ... Tue dies nicht für Dich selbst, sondern für GOTT den Allmächtigen."

Es gelte hart zuzuschlagen, "denn Gott mag Menschen nicht, die ihre begonnene Arbeit nicht beenden." Dies sei aber nicht grausam oder gottlos, denn der Prophet und seine Anhänger hätten selbst auch unter der Fahne des Islam gekämpft.

Das Schönste sei jedoch die Belohnung für den Märtyrereinsatz, die dem Kämpfer nach seinem Tode den Eintritt ins Paradies verschaffe. Nicht weniger als 13 Mal kommt in dem Text das Wort "Himmel" vor: Dort riefen "Engel" den Namen des Helden, trügen für ihn "die schönsten Kleider" und es warte "ein gutes, ewiges Leben voller positiver Werte in Gesellschaft von Märtyrern" auf ihn.

Unmittelbar vor dem Einsatz - so endet der Text - habe man sich zu rasieren, zu parfümieren, die beste Kleidung anzuziehen und - seltsames Detail - die Schuhe besonders gut festzubinden: "Binde deine Schuhe sehr eng zu und trage Socken, sodass die Schuhe eng an deinen Füssen ansitzen. Dies versteht sich alles von selbst und Gott wird dich schützen."

"Infinite Justice"

Am Morgen des 11.September brachten Mohammed Atta und Marwan Al-Schahi mit ihren entführten Flugzeugen die beiden Türme des World-Trade-Centers zum Einsturz und rissen ca. 6000 Menschen mit in den Tod.

Die Welt war schockiert wie lange nicht mehr. Es war auch im übertragenen Sinne etwas "eingeschlagen". Gefühle von Sicherheit verschwanden, der Terrorismus bekam ein neues - unheimlicheres - Gesicht und auch der symbolische Akt als solcher schien viele Gemüter aufzuwühlen.

Mich beschäftigten in diesen Tagen vor allem die quasireligiösen Sprachbilder, mit denen auf das Desaster reagiert wurde. Nicht nur die Attentäter sprachen vom Gegner als "Teufel", sondern auch G.W. Bush kündigte einen "Kreuzzug gegen das Böse" an, als müsste man dem "Heiligen Krieg" ein ebenbürtiges Pathos entgegenstellen.

Den verwüsteten Stadtteil in Manhattan nannte man erst "North of the Apocalypse" (nördlich der Apokalypse), dann "Ground Zero" (Bezeichnung für einen Atomeinschlag) und den herbeigesehnten Rückschlag "Infinite Justice" (Unendliche Gerechtigkeit). Diesen Terminus nahm man erst zurück, als amerikanische Moslems darauf hinwiesen, dass nur Gott eine solche Gerechtigkeit auszuüben vermag. Die Berliner BZ titelte unter einem Foto von Osama bin Laden: "Allah, rufe diesen Mörder zu dir!" und der New Yorker Fernsehsprecher Bill O'Reilly fordert gegenüber einem zur Besonnenheit mahnenden Kirchenvertreter: "The sword is needed now!" (Jetzt brauchen wir das Schwert)

Eine "christliche Gesellschaft" badete in Vergeltungsphantasien und eine "aufgeklärte Welt" griff auf quasireligiöse Vorstellungen zurück, um ihre Gefühlsstürme irgendwie kanalisieren zu können. Nur der exzentrische US-Schriftsteller Gore Vidal forderte ruhig, aber auch relativ ungehört, Bin Laden müsse vor der UN die Möglichkeit haben, seine Anklagepunkte gegen Amerika und die westliche Welt vorzubringen.

Aber es gab auch noch andere Töne, die erst nach einigen Tagen hervortraten: Der deutsche Komponist Karlheinz Stockhausen wurde zur Unperson Deutschlands, als er die Katastrophe "das grösste Kunstwerk" nannte, das es jemals gegeben habe: "Da sind also Leute, die sind so konzentriert auf eine Aufführung, und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten." Stockhausens Konzerte wurden abgesagt, die Medien griffen ihn an, jemand forderte, man müsse ihn in eine psychiatrische Klinik stecken.

Andere fassten ihre Mischung aus Schock und Faszination in nicht ganz so überspannte Worte: Die neue Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler nannte - ebenfalls scharf kritisiert - die Twin-Towers "Phallussymbole" und der Schriftsteller Botho Strauss sprach von "Schwurfingern des Geldes", deren Zusammensacken eine "Spitzensymbolik" dargestellt habe, "die kaum je zu übertreffen sein wird."

Für den in Amerika arbeitenden Filmregisseur Wolfgang Petersen war das Ereignis "spektakulär" und "nach dramaturgischen Aspekten getimt": Im Zusammenbrechen der Türme habe "fast schon so etwas wie eine Schönheit" gelegen. Ähnlich der TV-Moderator Roger Willemsen, der von der "Erhabenheit der Katastrophe" sprach oder der US-Schriftsteller T.C. Boyle, für den der Angriff furchtbar, aber "genial" war.

Als nach einigen Tagen die ersten Luftaufnahmen der Unglücksstelle freigegeben wurden, verglich ein amerikanischer Fernsehkommentator den Anblick mit den bombardierten deutschen Städten des Zweiten Weltkrieges und sprach - nicht ohne Ergriffenheit - von der "Brillianz des Bösen".

Die Sprachbilder, mit denen auf das Attentat vom 11.September reagiert wurde, spiegelten im Wesentlichen zwei Gefühlslagen: das Bedürfnis nach Rache und Auslöschung des "Bösen" sowie mehr oder minder eingestandene Faszination für die Symbolkraft des Ereignisses. Gerade das Monströse der Tat schien in die tiefsten Gefühlsschichten der Menschen zu greifen und sie zu Überhöhungen zu treiben, die für unsere "aufgeklärte Welt" ungewohnt sind. Ein ganzer Bodensatz von unbewältigten und auch ambivalenten Gefühlen spülte in diesen Tagen hoch: Mitgefühl, Entsetzen, Angst, heimliche Genugtuung über die Verunsicherung einer Supermacht und sogar Respekt vor dem vermeintlichen Drahtzieher Osama bin Laden, was die mythisierende Formel vom "Top-Terroristen" zeigte.

Der vor allem von Amerika endlos beschworene "Kampf des Guten gegen das Böse" machte mich stutzig. Waren auch die "liberalen" USA von manichäisch-dualistischen Denkstrukturen durchdrungen? Standen sich damit zwei fundamentalistische Gesinnungen gegenüber oder war das religiöse Pathos Washingtons nur rhetorisches Schwertergerassel?

Ich wollte mehr darüber wissen und erfuhr zu meinem Erstaunen, dass der Begriff "Fundamentalismus" nicht aus dem Orient, sondern aus Amerika stammt, wo ab 1910 protestantische Theologen in einer zwölfbändigen Veröffentlichung mit dem Titel "The Fundamentals" scharfe Kritik an der Modernisierung der Gesellschaft geübt hatten. (1) Zentrum ihrer Auffassung war der Glaube an die absolute Unfehlbarkeit der Bibel, deren Texte als wörtlicher Ausdruck der göttlichen Wahrheit gesehen wurden. Zu ihren Kuriositäten gehörte z.b. die Forderung, in Schulen nicht mehr die darwinistische Evolutionstheorie zu verbreiten, sondern nur noch die biblische Schöpfungsgeschichte. Ronald Reagan griff diesen Gedanken später wieder auf, äusserte Zweifel an Darwin und schlug vor, beide Erklärungsmodelle nebeneinander anzubieten. (2)

Der christliche Fundamentalismus Amerikas scheint von den puritanischen Gründungsvätern bis in die Neuzeit zu reichen. Er wirkte im Untergrund der Hexenjagd MacCarthys ebenso wie in den Massenpredigten Bill Grahams und findet sich auch in der Rhetorik der US-Präsidenten wieder, die entsprechenden Gruppierungen angehören oder einflussreiche Berater aus diesen Kreisen haben.

Bereits Richard Nixon umschrieb den Gegensatz von Amerika und Sowjetunion als einen von "Gott und Teufel", Ronald Reagan bezeichnete den Kommunismus als das "Reich des Bösen", das ohne die "Freude des Wissens um Gott" auskomme und George Bush - der Vater des jetzigen Präsidenten - nannte den Golfkrieg einen "gerechten Krieg ... im Namen Gottes" und ordnete während der Kämpfe einen "nationalen Tag des Gebetes" an.

Wie wir sahen, denkt sein Sohn in denselben Kategorien und verdankt - wie seine Vorgänger - viele seiner Stimmen christlich-fundamentalistischen Gruppen und Wählerinitiativen.

Ein erster Vergleich der Sprachbilder ergab also eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen Formeln der Islamisten und gewisser Kreise in Amerika: statt der Bereitschaft, sich in Motive des Anderen hineinzuversetzen, strikte Verteufelung des Gegners sowie die Erhöhung der eigenen Position zu etwas "Göttlichem" und "Gerechtem". Der amerikanische Publizist John MacArthur beklagte in einem SPIEGEL-Interview (41/2001), dass nach dem 11. September Reporter in den USA gekündigt worden waren, weil sie es gewagt hatten, Bushs selbstgerechtes Pathos zu kritisieren. Es galt schon als unpatriotisch, die Wortwahl "Krieg gegen den Terrorismus" in Frage zu stellen und von "verbrecherischen Handlungen" zu sprechen. Umso anrührender empfand ich die Stimme einer New Yorkerin innerhalb eines Fernsehbeitrages, die - halb verzweifelt, halb neugierig - fragte: "Warum hassen die uns so?"

Neben den "manichäischen" Bildern verblüfften vor allem diejenigen, die die Faszination an den zusammenbrechenden Türmen ausdrückten. Begriffe wie "Kunstwerk", "Schönheit", "Erhabenheit", "Spitzensymbolik" und "Brillianz des Bösen" mochten angesichts des grauenvollen Todes von 6000 Menschen zynisch wirken, aber sie wurden von sehr verschiedenen und nicht immer dummen Menschen geäussert. Dieselbe Faszination spiegelten übrigens die in den ersten Tagen unendlich oft wiederholten Bilder der Katastrophe, die schon bald als eine Art entsetzlich-schönes Logo für die jeweilige Sendung herhalten mussten.

Gerade das lautlos sich dem World-Trade-Center nähernde Flugzeug schien geradezu archetypische Empfindungen auszulösen, die nicht nur Mitgefühl und Entsetzen ausdrückten: ein kleiner Pfeil, gesteuert von einer unsichtbaren Minderheit, bohrte sich in einem Akt der Selbstaufopferung in den "Phallus" (Adrienne Goehler) eines scheinbar unzerstörbaren Weltgiganten. Mythische Bilder tauchten auf, egal ob man sich dagegen wehrte oder nicht: der Kampf von David gegen Goliath, die unverwundbaren Stellen der Helden Siegfried und Achilles, listige Zwerge und Däumlinge, die am Ende doch gegen die grossen, aber unbeweglichen Riesen siegen.

Man kommt nicht weiter, wenn man sich für solche Regungen schämt, sie verdrängt oder moralisch zensiert. Gerade im politisch überkorrekten Deutschland wüteten viele Journalisten gegen jede Meinung, die etwas Kritisches gegen die USA vorbrachte. Eine differenziertere Ursachenbefragung war in Politikerstatements und Talk-Shows tabu und wurde schnell als "Antiamerikanismus" abgetan. Es gab sogar Autoren, die hinter dem "Antiamerikanismus" gleich den "Antisemitismus" witterten und genaueres Nachdenken mit der Nazi-Moralkeule zu ersticken versuchten. Ganz Amerika bestand nur noch aus "unseren Freunden" und die Gegenseite waren nichts als perverse Dämonen, die es zu eliminieren galt. "Ausrotten", "Ausräuchern" und "Austrocknen" waren denn auch oft verwendete Bilder für den Kampf gegen den Terror, der ehemals verfeindete Grossmächte urplötzlich wieder zu Freunden machte.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht hier nicht darum, das Barbarische dieses Anschlages zu verharmlosen oder Parolen wie "Amerika ist selber schuld" zu unterstützen. Tausende unschuldiger Menschen starben auf z.T. entsetzliche Weise, die Terroristen wussten das und sahen im Rausch "göttlicher Erwähltheit" brutal darüber hinweg. Dennoch muss es erlaubt sein, über das Mitgefühl mit den Einzelschicksalen hinaus Fragen zu den komplexen Hintergründen der Tat zu stellen, die nicht durch ein einfaches Schwarz-Weiss-Schema zu erklären ist. Dämonisierende Bilder mögen das Hochschwappen von extremen Gefühlen artikulieren, die im ersten Moment verständlich sind. Aber viele politische Beispiele (etwa der Nahostkonflikt) zeigen, dass solche Reaktionsmuster nur zu Spiralen endloser Gewalt führen.

"Dunkler Doppelgänger"

Eine interessante Metapher warf die indische Schriftstellerin Arundhati Roy in die Debatte. Auf Bitte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb sie am 28. September 2001 eine längere Stellungnahme zum Terroranschlag, in der es u.a. hiess: "Wer ist Usama bin Ladin aber wirklich? ... Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Aussenpolitik verwüstet wurde, durch ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte Politik der unumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Missachtung aller nicht-amerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen, ihre Unterstützung für despotische und diktatorische Regimes, ihre wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Länder gefressen haben."

Der deutsche Nachrichtensprecher Ulrich Wickert kommentierte diese Zeilen in einem Interview mit der Zeitschrift "Max" und sprach von "gleichen Denkstrukturen" bei Bush und bin Ladin, worauf in Deutschland ein Sturm der Entrüstung losbrach. Etliche Politiker forderten Wickerts sofortigen Rücktritt, worauf er sich entschuldigte und von "misslungenen und missverständlichen Formulierungen" sprach.

Der Journalist Henryk M.Broder bemerkte zu dem Vorfall, die indische Schriftstellerin dürfe so etwas sagen, Wickert jedoch nicht. Meinte er damit, dass Dichter ohnehin nur in nebulösen Phantasien schwelgen, während Nachrichtensprecher "vernünftig" und "verantwortungsbewusst" zu sprechen hätten? Seltsam, dass niemand von Wickert eine genauere Definition dessen forderte, was er mit "gleiche Denkstrukturen" meinte, noch er selbst dieses zu erklären versuchte. Vermutlich überkam ihn die blanke Angst, von derselben PC-Maschine überrollt zu werden, die hierzulande auch schon andere Opfer (z.B. Philipp Jenninger, Martin Walser) gefordert hatte.

Dabei ist "Dunkler Doppelgänger" keine schlechte Metapher, um die Komplexität des Verhältnisses zwischen Amerika und weiten Teilen der islamischen Welt zu beschreiben. Sie weist auf die Verbundenheit des scheinbar Unverbundenen hin, auf Schattenzonen einer Weltmacht, die viele im Augenblick nicht anschauen wollen, sei es aus Hochmut oder weil der Schmerz über die Untat des 11.September noch zu stark sind.

Usama Bin Ladin (Kurzbiographie) ist u.a. das "amerikanische Familiengeheimnis", weil er vom CIA mitaufgebaut wurde, als seine Aktivitäten den USA im Kampf gegen die Sowjetunion noch nützlich erschienen. Über den pakistanischen Geheimdienst ISI rekrutierte die CIA 1979 fast 100.000 radikale Mudschahedin aus vierzig islamischen Ländern für den Krieg Afghanistans gegen die Sowjetunion, die auch einmal ihr "Vietnam" erleben sollte. Nachdem sich die Russen 1989 aus dem Hindukusch zurückzogen, kümmerte sich niemand mehr um Aghanistan und die Spannungen zwischen den verschiedenen islamischen Gruppierungen. Auch mit den heute verhassten Taliban pflegten Amerika und sein Big Buisiness 1996 noch intensive Geschäftsbeziehungen, in denen wirtschaftliche Interessen eindeutig höher rangierten als Menschenrechtsverletzungen.

Um vom arabischen Rohöl unabhängiger zu werden, wollten die USA Rohrleitungen von Ölvorkommen rund ums Kaspische Meer quer durch Afghanistan zu den Überseehäfen Pakistans legen. Diesbezüglich bewarb sich der amerikanische Erdölkonzern UNOCAL bei den Taliban um das grosse Geschäft mit der Öl- und Gaspipeline und zahlte den "Gotteskriegern" 15 Millionen Dollar direkt in ihre Kasse. (SPIEGEL 39/2001, S.18) Diese machten jedoch das Gegenteil von dem, was Washington erwartet hatte: Sie weiteten den Drogenhandel aus, verschärften ihr unmenschliches Regime und liessen Bin Ladin in ihrem Land ungestört Extremisten ausbilden. Der Erdölkonzern UNOCAL aber hielt mit Billigung der US-Regierung weiter an seinen Taliban-Avancen fest. Erst im Dezember 1998 zog sich die Firma von dem geplanten Geschäft zurück, wegen der sinkenden Erdölpreise und der Klagen vor einem kalifornischen Gericht, eingereicht von Frauenrechtlerinnen gegen die Unterstützung der "menschenverachtenden Taliban".

Arundhati Roy weist in ihrem Aufsatz daraufhin, dass diese Strategie nicht die einzige in der US-Aussenpolitik der letzten 50 Jahre war: Sie erinnert an die Millionen toter Zivilisten, die durch amerikanische Bomben in Korea, Vietnam, Kambodscha und im Irak ums Leben kamen, an die 500.000 Kinder, die bisher wegen des Embargos gegen Saddam Hussein starben und weitere Millionenopfer von diktatorischen Regimes, welche von den USA unterstützt wurden. Hier war niemals von "Infinite Justice" die Rede und niemals wurden nützliche Despoten als das "Reich des Bösen" bezeichnet.

Auch im Vietnamkrieg, dessen Entsetzlichkeiten wir heute vergessen haben oder - gemildert durch "Kultfilme" wie "Apocalypse Now" - ästhetisch geniessen, liebten amerikanische Strategen bereits blumig-poetische Formulierungen, um Massaker und Massenbombardierungen zu tarnen. Der damalige US-Aussenminister Henry Kissinger veranlasste nicht nur aus Wahlkampf-Erwägungen heraus die Verlängerung des Vietnamkrieges um vier Jahre, sondern dehnte ihn auch auf das neutrale Kambodscha aus. Die ersten Bombardierungen dieses Landes, von vielen heute als eindeutiges Kriegsverbrechen verurteilt, liefen z.B. unter dem Codenamen "Breakfast", die "Säuberung" des Mekong-Deltas von den Vietkong hiess "Speedy Express", deren Tote (darunter 5000 Zivilisten) als "Opfer freundlichen Feuers" bezeichnet wurden. Kissinger - so die faktenreiche Analyse des Pulitzer-Preisträgers Christopher Hitchens (3) - war auch an dem Sturz der Allende-Regierung Chiles beteiligt, der zu dem barbarischen Regime Pinochets führte sowie an den Völkermorden von Bangladesch und Osttimor. Bereits 1971 bezweifelte Telford Taylor, der ehemalige US-Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, ob Amerika den 1945 aufgestellten ethischen Maximen heute selber noch genüge. (4)

"Für ein Land, das an so vielen Kriegen und Konflikten beteiligt war", fügt Arundhati Roy hinzu, "hat Amerika ausserordentlich viel Glück gehabt. Die Anschläge vom 11.September waren erst der zweite Angriff auf amerikanisches Territorium innerhalb eines Jahrhunderts ... Die Botschaft könnte ... durchaus unterzeichnet sein von den Geistern der Opfer von Amerikas alten Kriegen."

"Mittelpunkt der Welt"

Die Vorstellung, "auserwählt" und "Mittelpunkt der Welt" zu sein, taucht in allen grossen monotheistischen Religionen auf. Im Alten Testament ist von der besonderen Stellung der Juden die Rede und in Ezechiel 38/12 heisst es, das Volk Israel wohne "in der Mitte der Erde". In einem Handwörterbuch des Islam wird Mekka als "Nabelpunkt" beschrieben, von dem aus vor Urzeiten der Schöpfungsprozess ausging und der Koran spricht von dem bedeutendsten muslimischen Wallfahrtsort als "Mutter der Städte" (Sure 6/92). Auch das "Neue Jerusalem" der Johannes-Offenbarung im Neuen Testament kommt mit ähnlichem Pathos daher und die Papstherrschaft des Vatikans sah sich über Jahrhunderte lang als Zentrum der "abendländisch-zivilisierten" Welt.

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir in vorschneller Versöhnungsbereitschaft von dem "friedlichen Kern" aller Religionen sprechen und in Fundamentalisten nur Bösewichter sehen, die die eigentliche Wahrheit verzerren oder missbrauchen. Wahrscheinlich sind die Grenzen eher fliessend und Wachsamkeit scheint gerade bei den feinsten Nuancen angebracht.

Es ist offensichtlich, dass Begriffe wie "Mittelpunkt der Welt" ebenso Sprengstoff in sich bergen wie ein dualistisches Denken, dass den "Teufel" immer auf der gegnerischen Seite ausmacht. Dasselbe gilt für apokalyptische Bilder, die eine "Neue Zeit" herbeisehnen, die die dekadente alte ablösen soll. Sowohl das Christentum, als auch Juden und Muslime kennen die Ausgrenzung von "Ungläubigen" sowie Kriege, die im Namen des eigenen Gottes die andere Seite bekämpfen. Mohammed war nicht die sanfte Lichtgestalt, als der er in der Volksfrömmigkeit des Orients erscheint, sondern er sammelte in seinem Exil in Medina auch Krieger, um Mekka mit Gewalt zurückzuerobern. Und das Wort "dschihad" erscheint im Koran nicht nur als geistige Selbstüberwindung, sondern es finden sich ebenso Stellen, die zur Erschlagung der "Ungläubigen" auffordern (z.B. Sure 9/5). Die Juden, später keine missionierende Religion mehr, bekamen in ihrer Frühzeit noch den Auftrag, im Namen Jahwes andere Völker (z.B. die Kanaaniter) auszumerzen und kennen mit dem Wort "gojim" noch heute einen verächtlichen Begriff für die nichtjüdische Welt. Die meiste Gewalt und Missachtung der "Heiden" übten jedoch die christlichen Kreuzzüge aus, deren Eroberungsfeldzüge in der jüdischen und islamischen Welt bis heute nicht vergessen sind.

Wir sind geneigt, in solchen Exzessen archaische Relikte der Vergangenheit zu sehen, aber die Spannungen unserer Zeit resultieren auch daraus, dass ein derartiges Denken bis heute weiterwirkt. Die westliche Welt, vor allem die USA, würden so etwas natürlich weit von sich weisen und auf ihr "liberales" und "säkularisiertes" Weltbild verweisen, das verschiedene Kulturen nebeneinander existieren lässt. Aber es wäre zu fragen, ob diese Toleranz z.B. von Amerika auch nach aussen hin praktiziert wird, wenn dieses Aussen mit eigenen politischen oder wirtschaftlichen Interessen kollidiert.

Christlich-apokalyptische Züge trägt auch das öffentliche und kulturelle Leben der USA, das trotz aller Freizügigkeit oft seltsam drakonisch daherkommt. Dies zeigen Parolen und Strategien radikaler Abtreibungsgegner genauso wie die immer noch befürwortete Todesstrafe: Der Hinrichtungstag des Bombenlegers von Oklahoma - Timothy Veigh - wurde gar als "V-Day" (Victory over the Evil) bejubelt. Extrem auch die in Europa nicht so ausgeprägte Faszination an Serienkillern und Psychopathen, die im realen Leben und in Filmen als mythisch überhöhte Stellvertreter des "Bösen" für die innere Stabilität der Gesellschaft herhalten müssen. Zuweilen tauchen in Hollywood-Produktionen übrigens auch Araber als schmuddelig-gefährliche Unholde auf, die die Sauberkeit amerikanischer Vorgärten zu gefährden drohen (z.B. in "True Lies", "Akte Jane", "Not without my daughter").

Zu einem solch dualistischen Denken passt der Satz, den Ronald Reagan 1982 in einer Rede vor der amerikanischen Bundesvereinigung der christlich-fundamentalistischen "Evangelisten" sagte: "Schon immer war ich der Meinung, dass unser gesegnetes Land zu etwas ganz Besonderem auserwählt ist, dass die göttliche Vorsehung diesen grossen Kontinent genau hier, zwischen den Ozeanen, plaziert hat, damit alle freiheitsliebenden und frommen Menschen in der ganzen Welt hierher finden können." (5) Reagan wiederholte diese Äusserung noch während verschiedener anderer Gelegenheiten, etwa bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Freiheitsstatue. Die von ihm gewählte Terminologie findet sich auch bei seinen Nachfolgern wieder und deutet, wie viele Kultstätten und Feiertage Amerikas, in die Richtung einer "civil religion".

So ist allein Washington voll von "Memorials", in denen grosse US-Politiker oder berühmte Armeen wie Helden bzw. Märtyrer gefeiert werden: monumentale "Heiligtümer", die auf seltsame Art und Weise Patriotismus, Ahnenkult und christlich-fundamentalistisches Denken miteinander vereinigen. Abraham Lincoln, George Washington, Thomas Jefferson oder die Kennedys sind hier keine Menschen mehr, sondern überdimensionale mythische Figuren, die manchmal sogar auch mit Jesus Christus oder Moses verglichen werden.

Ebenso überhöht sind die nationalen Feiertage: "Thanksgiving" erinnert an die Landung der Pilgerväter in Massachussets, die sich wie das Volk Israel fühlten, das nach der Flucht aus der Sklaverei nun in Amerika das "Neue Zion" aufbauen wollte. Der 4. Juli gemahnt an die Gründung der Republik, Geburtstage an die verschiedenen Präsidenten und der "Columbus-Day" an die Entdeckung des neuen "Gelobten Landes" im Westen. Die "göttliche Vorsehung", die nach Ronald Reagan einst die USA als Musterland ausgesucht hatte, findet sich übrigens auch in dem Wort "Providence" wieder, das zahlreichen amerikanischen Städten als Name dient. (6)

Vom Verständnis der US-Geschichte als "Heilsgeschichte" bis zum "amerikanischen Missionarismus" war es nur ein logischer Schritt: Seit jeher vereinigen sich darin sowohl ein gutgemeinter Weltverbesserungswunsch, als auch aggressive Tendenzen. So wahr es ist, dass die USA Deutschland vom Faschismus befreiten, so wahr sind auch ihre imperialistischen Aktionen, die von der Vernichtung der Indianer über die Versklavung der Schwarzen bis zu den Kriegen in Korea, Vietnam, Kambodscha, Irak etc. reichten. Das einzelne Individuum, das an den Folgen des New Yorker Terroranschlages starb, war für solche Untaten nicht verantwortlich, aber Dutzende von amerikanischen Politikern, Generälen, Wirtschaftsführern und Geheimdienststrategen der vergangenen Jahrzehnte.

Samuel Huntington sprach in seinem berühmten Buch vom "Kampf der Kulturen" und viele Indizien rund um den 11.September lassen zumindest die Frage auftauchen, ob sich mit Begriffen wie "crusade" und "Heiliger Krieg" nicht zwei fundamentalistische Positionen gegenüberstehen. Europa ist hier - als gebranntes Kind - pragmatischer, wenn es nur von der Verteidigung der "Vernunft" und der "Menschenrechte" spricht. Aber die USA lieben doch immer wieder Kultformen und pathetische Sprachbilder, die auf ein christlich-apokalyptisches Erbe zu verweisen scheinen.

Was aber ist das "Böse", als das man den jeweiligen Gegner zu disqualifizieren trachtet? Kann es mit B-52 Bombern oder Selbstmordattentätern ausgelöscht werden? Mit der Kampfformel "Gott gegen Satan" scheinen wir nicht weiterzukommen, weil jede Seite sie nur mit den ihr genehmen Inhalten auffüllt.

Wer ist "Satan"?

Solange man an Begriffen wie "Satan" und "das Böse" in einem streng dualistischen Sinn festhält, gibt es weder Verständigung noch ein Durchbrechen des Kreislaufes von Dämonisierung und Gewalt. Nie konnte man dies deutlicher sehen als gerade heute.

Auch wenn einzelne militärische Aktionen im Kampf gegen Terrorismus und Taliban-Regime durchaus sinnvoll erscheinen, können dadurch die grundsätzlichen Probleme im Hintergrund nicht gelöst werden. Wir wollen nicht zu früh alles Religiöse wegwischen und nur noch in säkularisierten Begriffen über die aktuellen Konflikte nachdenken, sondern einmal nachschauen, was Christentum bzw. Islam über das "Böse" wirklich zu sagen haben.

Erstaunlich war für mich die Entdeckung, dass die Figur des "Satan" im Koran - hier genannt "Iblis" - nicht nur differenzierter als im Denken der Islamisten ist, sondern auch vielschichtiger als in der Bibel, genauer gesagt im Neuen Testament.

Was das Christentum bereits ein paar hundert Jahre nach seiner Gründung ausblendete bzw. in seine apokryphen Texte verbannte, ist hier noch lebendig: die Herkunft des "Teufels" aus der Schar der Engel, seine Feuer-Natur und seine Verbannung aus dem Himmel infolge der Weigerung, den aus Lehm geschaffenen Menschen anzubeten. Allenfalls das Alte Testament kennt noch eine positiv-negative Doppelnatur Satans, der etwa in der Hiob-Erzählung als durchaus notwendiger "Berater Gottes" auftaucht.

Noch weiter in seiner Beurteilung gehen bestimmte mystische Traditionen des Islam, etwa der Sufismus. Hier gibt es Fortspinnungen der Satans-Legende, die davon berichten, wie der gefallene Engel seinem Schöpfer vorwirft, ihn ungerecht behandelt zu haben. Gott sei aus mehreren Gründen mitverantwortlich für seine "hybride" Weigerung, als Feuerwesen vor einem Lehmklumpen niederzuknien. Erstens habe Gott Satan bewusst als strahlendes und überlegenes Geschöpf geschaffen, dessen Wesen die "Glut" und nicht der "Staub" sei. Und zweitens sei dieser sein treuester Engel, weil er mit der Idee des Monotheismus wirklich ernst mache: Indem er darauf verzichte, den neugeschaffenen Menschen anzubeten, erfülle er nur Gottes Forderung, dass man ausser ihm keine anderen Götter verehren solle. (7)

Gott scheint durch diese Anmerkungen seines einstigen Lieblingsengels tatsächlich angerührt zu werden und verzichtet auf dessen vollständige Eliminierung. Seine endgültige Beurteilung soll auf den Jüngsten Tag verschoben werden, bis dahin dürfe er als "Verführer" den Menschen in seiner Glaubensstabilität testen. Manche Sufi-Mystiker nennen ihn das "Schwarze Licht", das das "Weisse Licht" Gottes vor Entheiligung schütze, ein notwendiges und hochspirituelles Wesen, das letztlich unschuldig sei und wichtige Evolutions-Aufgaben erfülle.

Besondere Kontur bekommt eine solche Auffassung des "Bösen" etwa auch in der Lyrik des pakistanischen Dichters Muhammad Iqbal, der oft von der Traurigkeit des gefallenen Engels berichtet: In Iqbals Gedichten beschwert sich Satan z.B. bei Gott, dass er keine rechte Lust mehr am Kampf habe, da der Mensch so schnell allen Versuchungen erliege und kein rechter Gegner für ihn sei. Oder er macht sich über den immer treuen und in Gottesgedanken versunkenen Erzengel Gabriel lustig: "Ich steche Gottes Herz wie ein Dorn - aber du ... nur immer Allah Hu! Allah Hu! Allah Hu!"(8)

Gerade in der schillernden Ambivalenz Satans sieht der mystische Islam eine Brücke, um in höhere geistige Welten aufzusteigen. Der über Satan meditierende Sufi-Novize soll sich über diese Figur nie sicher sein können, sondern ihr gegenüber immer Hoffnung und Furcht zugleich hegen. Dies halte ihn wach und stark. Eine Auffassung, die sich so weder im Christentum noch im Denken radikaler Muslime findet. Allenfalls die Anthroposophie Rudolf Steiners reicht mit ihrer Deutung des "Luzifer"-Begriffes in ähnliche Regionen und wäre heute geeignet, dem Christentum eine verlorene Tiefendimension zurückzugeben. (9)

Ausblick

Interessant also die Feststellung, dass in bestimmten Richtungen des Islam Deutungen des "Bösen" existieren, die die heute inflationären Metaphern von "Kreuzzug" und "Heiligem Krieg" weit hinter sich lassen. Diese Simplifizierungen mögen etwas über Potentiale von Angst und Hass aussagen, aber sind ungeeignet für einen Dialog zwischen den Religionen, wie er zur Zeit dringend erforderlich erscheint. Dieser müsste eher dazu führen, dass jede Seite lernt, das in den anderen projizierte "Böse" auch in sich selbst zu sehen: Die mit ihrem Materialismus ja auch nicht vollkommen glückliche westliche Welt könnte die religiöse Leidenschaft des Orients für die Reflexion über eigene Defizite nutzen, während Islamisten lernen müssten, im europäisch-amerikanischen Lebensstil mehr als nur sündhafte Dekadenz zu sehen. Dass dies vielleicht manchmal schwerfällt, muss man ihnen angesichts mancher westlicher Skurrilitäten zumindest einräumen: Was soll ein gläubiger und wenig begüterter Muslim etwa mit der Nachricht anfangen, dass sich Nicole Kidman zusammen mit Robbie Williams nackt für eine Weihnachts-CD ablichten liess und dabei nur ein Diamanthalsband für 20 Millionen Dollar und eine Handtasche für 3,6 Millionen Dollar trug, die "gerade ihre Scham bedeckte". Dass der Muslim dabei nicht nur an europäische Werte wie Aufklärung oder Menschenrechte denkt, mag verständlich sein.

"Freiheit" und "Säkularisierung" des Westens brachten nicht nur materiellen Aufschwung mit sich, sondern führten auch dazu, dass spirituelle Bedürfnisse des Menschen abgewertet bzw. in einen unverbindlichen Privatraum abgeschoben wurden, von wo aus keine Beeinflussung offizieller Werte mehr möglich sind. Umgekehrt fixierte sich der Islam - vielleicht auch aus Trotz und Unterlegenheitsgefühl - auf vergangene Denkstrukturen und entzog sich weitgehend der Auseinandersetzung über die Frage, wie "absolute Werte" mit Demokratie und Individualität kompatibel seien. Der Anschlag vom 11.September machte vor allem klar, dass beide Seiten definitiv zu wenig voneinander wissen und dass ein Dialog - wenn überhaupt - nur in ganz kleinen Kreisen stattfindet. Nahezu katastrophal mutet angesichts solcher Defizite die Tatsache an, dass in den letzten Jahren die europäischen Kulturinstitute (Amerikahaus, British Council, Goethe-Institute) wegen "Sparmassnahmen" ihre Präsenz im Orient drastisch verringerten.

Über die Lösung ökonomischer und politischer Probleme (Naher Osten) hinaus scheint es daher von grösster Wichtigkeit zu sein, in Kultur, Alltag und Erziehung mehr über andere Religionen zu lernen und zwar tiefgehender als es Schlagworte wie "Toleranz" und "Multikulti-Vielfalt" bezeichnen. Dies sind eher Verlegenheitsfloskeln einer säkularisierten Welt, die gar nicht mehr nachvollziehen kann, dass Religion für viele Menschen mehr ist als zusätzliche Freizeitunterhaltung. "Integration" kann aber auch nicht heissen, dass Muslime den Komfort des Westens übernehmen, aber in Glaubensmustern verharren, die Individualität, Rationalität und Gleichberechtigung niedriger bewerten als religiöse Hingabe.

Beide Kulturen sind hier gefragt, grundsätzliche Probleme auf einer tieferen Ebene als bisher zu diskutieren. Rein formale Toleranz im Sinne von "Ich tu dir nix, wenn du mir nix tust" ist dabei zu wenig. Sie mag einen humanen Umgangston beschreiben, aber das Entscheidende wird die Ausbildung eines stärkeren Imaginationsvermögens für andere Kulturen sein: die Fähigkeit, sich plastisch in andere (auch bedrohliche) Gefühlslagen, Sehnsüchte, Ängste und Zwiespalte hineinversetzen zu können, um von dort aus gemeinsame Lösungswege zu suchen.

Mir persönlich halfen dazu z.B. einfühlsame TV-Dokumentationen, die gerade nach dem 11. September verstärkt zu sehen waren, besonders bei Sendern wie "Phönix", "3-sat" oder "arte". Solche Filme, etwa über Afghanistan, den Islam oder New York nach dem Desaster, hinterliessen intensivere Eindrücke als jede Nachrichtensendung, Politiker-Rede oder wissenschaftliche Analyse. Sie boten mir vielschichtige, unaufgeregte und nicht wertende Innenansichten des Anderen und geleiteten meine Phantasie in produktive Zwischenbereiche jenseits von Begriffen wie "Gut" und "Böse", "Kreuzzug" und "Heiligem Krieg". Eine meiner Hoffnungen dieser Tage ist, dass solche Beiträge aus ihrer bisherigen "Kulturnische" herausgenommen und zum alltäglichen Bestand von Bildung und Information werden.

 

Anmerkungen:

1) Gilles Kepel: Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch, München/Zürich 1991, 156

2) ebd. 174

3) Christopher Hitchens: Die Akte Kissinger, Stuttgart/München 2001

4) ebd. 50f

5) Gilles Kepel: Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch, München/Zürich 1991, 174

6) Hans-Diedrich Fuhlendorf: "Rückkehr zum Paradies oder Erbauen des Neuen Jerusalem - Geschichtsbetrachtungen in apokalyptischer Zeit" , Flensburg 1992, S. 229ff

7) Peter J. Awn: Satan's Tragedy and Redemption: Iblis in Sufi Psychology (Leiden 1983)

8) Annemarie Schimmel: Die Gestalt Satans in Muhammad Iqbals Werk (in: Kairos 5, 1963)

9) Rudolf Steiner: Das Mysterium des Bösen, hrsg. von Michael Kalisch (Stuttgart 1993)