Telford Taylor (1908-1998), US-Chefankläger der Nürnberger Prozesse und später Professor für Internationales Recht an der Columbia Universität New York, schrieb 1970 das aufsehenerregende Buch "Nuremberg and Vietnam". Darin stellte er die Frage, ob die an den Massakern von My Lai (Vietnam 1968) schuldigen US-Generäle ähnliche Schuld auf sich luden wie Hitlers Kommandanten, die Polen, Russland etc. überfielen und dabei vorsätzlich unschuldige Zivilbevölkerung töteten.

Auf Seite 144f der deutschen Ausgabe ("Nürnberg und Vietnam"- Eine amerikanische Tragödie, München-Wien-Zürich 1971) präsentiert Taylor zwei Augenzeugenberichte, die sich auf erschreckende Weise gleichen: der eine bezieht sich auf Erschiessungen von Juden durch die SS 1944 in Dubno/Ukraine, der andere auf die Tötung von mehreren hundert Zivilpersonen durch GI's in Vietnam.


Auch hier wurden unschuldige Menschen an einem Graben zusammengetrieben, der als Massengrab dienen sollte und mit MG-Salven ermordet. Danach sitzen die Soldaten auf einem Erdhügel und essen, während "einige da unten noch atmeten. Sie waren ganz schön zusammengeschossen ... Auf ärztliche Hilfe konnten sie nicht hoffen, und so erschossen wir sie." (145)

Die amerikanische Bevölkerung reagierte auf solche Berichte mit Leugnung und Verdrängung. "Ich kann es nicht glauben, dass ein amerikanischer Soldat vorsätzlich Zivilisten erschiesst", sagte etwa Alabamas Gouverneur George Wallace: "Alle Greueltaten in diesem Krieg wurden von Kommunisten begangen." Andere hielten die Berichte für erfunden oder für unglaubwürdig, da sie "allem widersprachen, was ich je über Amerika erfahren habe." (177) Taylor spricht diesbezüglich von einem "Hang zur idealisierenden Legitimation", der in Amerika immer schon kriegerische Einmischungen in fremde Länder begleitet habe. (216)

My Lai war jedoch nur eines der  Verbrechen der USA in Vietnam. Dazu kamen noch "gewaltsame Umsiedlung vieler Millionen Familien aus den ländlichen Gebieten unter katastrophaler Vernachlässigung der Sorge für ihre Gesundheit und der Wahrung der menschlichen Würde; Komplizenschaft der Amerikaner bei der Folterung der Gefangenen durch ihre Schützlinge, die Südvietnamesen; 'sportlicher Ehrgeiz' im Dienste einer möglichst hohen Todesquote unter gröblichster Verletzung der Bestimmungen zur Gefangennahme des Feindes; Verwüstungen weiter Teile des Landes zum Zwecke der leichteren Aufstöberung des Vietkong ..." (175)

"Kein Mensch in Vietnam wird uns jemals für unsere Intervention danken", so schliesst Taylor sein Buch und bezeichnet Amerika als einen kraftvollen Riesen, der aber jeden Augenblick geneigt ist, all das in Stücke zu schlagen, was er gerade zu retten versucht. "Wir haben es irgendwie nicht geschafft, die Lektionen zu lernen, die wir in Nürnberg lehren wollten und genau dieses Versagen ist die Tragödie des heutigen Amerika." (241)

 

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