GALERIE:    Der mexikanische Maler Francisco Toledo (geb. 1940)

 

Während in Europa "heidnische" Elemente nach dem Sieg des Christentums nahezu völlig verschwanden, ist dies im südamerikanischen Raum anders: Hier haben sich trotz der Christianisierung archaische Vorstellungen und Religionsformen erhalten und wirken vor allem in den Bereich der modernen Kunst hinein.

Ein faszinierendes Beispiel dafür ist der 1940 in Juchitán/ Mexiko geborene Maler Francisco Toledo, der indianischen Ursprungs ist. Seine Familie stammt aus der 2000 Jahre alten Kultur der Zapoteken, deren Mythen und Plastiken indirekt auch Eingang in sein künstlerisches Reich finden.

Dabei imitiert Toledo nichts, sondern kommuniziert mit den Intuitionen und Bildern seiner Vorfahren, um sich daraus Anregung zu holen. Aus diesem Prozess entstehen neue und interessante Werke der avantgardistischen Kunst, die zwar manchmal Ähnlichkeit mit den alten Vorlagen aufweisen, aber immer auch zeitgenössische Elemente enthalten: So wurde Toledo nach eigenen Angaben ebenso von z.B. Paul Klee als von altindianischer Mystik beeinflusst.

Einen grossen Raum in seinem Werk nehmen die Tiere ein: Sie stehen wohl stellvertretend für die bedrohte und entheiligte Natur, für die Gewalt, die Südamerika von seinen Eroberern angetan wurde.
     

Die Skulptur "Die Kanone von Juchitán" zeigt zwei schreiende Hasen, die mit einem grossen Kanonenrohr verbunden sind, das gleichzeitig wie ein Penis aussieht. Das Tier links befindet sich in einer Kreuzigungshaltung, was an die gewaltbringende Verbindung von Christianisierung und Kolonisierung erinnert. Einer von Toledos Vorfahren war der berühmte Revolutionär Licenciado "Che" Gómez, der von mexikanischen Truppen ermordet wurde, nachdem er 1911 eine separatistische Revolte geleitet hatte.

Ähnliche Assoziationen ruft das Bild "Kreuzigung einer Wespe" hervor:

   

Im künstlerischen Reich von Toledo existiert - wie in der Mythologie der Indianer - keine Hierarchie, die den Menschen über Tier, Pflanze und Mineral stellt. Ähnlich dem Buddhismus werden hier nur Übergänge und graduelle Unterschiede gesehen, darüberhinaus aber vor allem die Einheit allen Lebens betont.

Das Christentum jedoch verkündete die Botschaft des "Machet Euch die Erde untertan!" und dämonisierte Tierformen, die nicht in seinen Kanon von "Friedfertigkeit" passten. Gerade solchen Geschöpfen scheint Toledos Sympathie zu gehören:


In energiegeladenen Formen und glühenden Farben versucht der Maler etwas von dem Bann wiedergutzumachen, den die Kirche bestimmten Tieren auferlegte, indem sie sie zu Gefährten des Satans erklärte.

Demgegenüber erinnert sich Toledo, wie fasziniert er als Kind z.B. vom Lärm der Kröten war, der sich während der Mondnächte der Regenzeit zu einem überwältigenden Crescendo steigern konnte. Er erlebte auch, wie man ihr Gift als Heilmittel gegen körperliche und seelische Krankheiten benutzte und "Patienten" ans Wasser führte, wo ihnen ein mit Kröten gefüllter Schal um den Hals gelegt wurde. Die indianischen Heiler sahen das Gift dieser Tiere nicht als etwa "Böses" an, sondern wussten den von ihm ausgehenden Schock therapeutisch zu nutzen - eine schöne Parallele zu den Erkenntnissen des mittelalterlichen Arztes Paracelsus, der diese Erkenntnis einmal so formulierte: "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht's, dass ein Ding kein Gift sei."

Auch in dem indianischen Mythenbuch Popol Vuh gilt die Kröte als Überbringer wichtiger Botschaften aus der Unterwelt, die jedoch von einer Schlange gefressen wird, die wiederum ein Falke verschlingt: Symbol für eine Verschlüsselung "niederer" Informationen, die erst wieder rückverwandelt werden müssen, bevor man sie lesen kann?

Toledo versucht nicht nur in geheimnisvollen Porträts das fremdartige Leben der "verdammten Kreatur" einzufangen, sondern er liebt es auch, sich - wie ein Schamane - selbst in ein Tier zu verwandeln. Dazu verhelfen ihm Masken, Kostüme und animalische Requisiten:

Der Schamane nimmt in Trance die Gestalt bestimmter Tiere an, um deren besondere Fähigkeiten (Fliegen, Nachtsichtigkeit, Fruchtbarkeit etc.) für seine Reisen in Himmel und Unterwelt nutzen zu können.

Toledo spielt dies - nicht ohne Humor - im künstlerischen Raum nach: Will er die Potenz eines Kaimans für seine Liebeskünste nutzen oder das Gift eines Skorpions, um einen Gegner damit zu ärgern?

Andere Bilder umkreisen etwa die ruhige Beharrlichkeit der Schnecke, das Behende des Affen oder die gesammelte Kraft eines Stieres: Erinnerungen an eine Welt von verborgenen und "heiligen" Energien, die als animalisches Erbe auch im Menschen von vitaler Wichtigkeit sein können.

In seinem Werk ruft Toledo auf spielerische Art Erinnerungen an vorchristliche Glaubenssysteme auf, die sich der Welt noch animistisch näherten und ein eher einfühlendes als distanziertes Verhältnis zur Natur pflegten. Vieles von solcher Sensibiltät scheint für den Maler heute verloren:

"Ich glaube nicht", so seine eher pessimistische Einschätzung , "dass es eine grosse Überlebenschance für irgendjemand oder irgendetwas gibt – für Globalisierung oder für eine Antwort auf Globalisierung, die Erhaltung beinhalten würde, nicht mal für Natur – Da ist so ein mächtiger Zug in Richtung totaler Zerstörung – Ich glaube nicht, dass er durch irgendetwas gestoppt werden könnte. Die Kosten der Zivilisation sind so hoch. In Mexiko holzen die Leute alle Bäume ab, zerstören ihre Wälder und dann kommen die Erdbeben, die grossen Regenfälle und waschen alles hinweg ... Was ich tue, tue ich ohne Hoffnung auf einen bleibenden Effekt. Ich mache diese Dinge, weil ich fühle, dass es meine Pflicht ist und weil ich die Möglichkeiten habe, sie gerade in diesem Moment zu tun."

Dennoch verharrt der Künstler nicht in Klage oder Passivität. In der seit Urzeiten von indianischer Kultur bestimmten Stadt Oaxaca gründete Toledo verschiedene Kultur-und Bildungseinrichtungen, um vor allem mit dem Medium der Kunst eine grössere Sensibilität für Tradition und Natur dieser Region auszubilden: Dazu zählen u.a. eine Blindenschule, ein Museum für moderne Kunst mit Sammlungen altindianischer Objekte sowie Zentren für Fotografie und Grafik mit Bibliotheken und Ausbildungsstätten.

 
 
Für den mehr öffentlichen "Gebrauch" seiner Arbeit gestaltete Toledo in Oaxaca einen Garten ("El Pochote") , der aus lokalen Pflanzen und Materialien besteht und in skurril-verspielter Weise auf Gestalten seines künstlerischen Kosmos anspielt.

Nachtrag: Nach neuesten Meldungen hat Toledo nun doch seine Heimat verlassen und ist nach Los Angeles gezogen. Seine Unterstützung von Kultur-und Bildungseinrichtungen in Oaxaca betreibt er weiter, aber das geistig-politische Klima Mexikos schien ihm in letzter Zeit nicht mehr zugesagt zu haben. Es ist anzunehmen, dass die jetzige Regierung in ihrer Mischung aus rechter Gesinnung und Katholizismus weder mit der Freizügigkeit seiner Kunst noch mit ihren Bezügen zur altindianischen Kultur etwas anfangen kann. Die vorchristliche Kultur Mexikos ist für sie blosse Barbarei und allenfalls für touristische Einnahmen gut.


 
Atalante 3