Als eine von Danas Brüsten aus dem Oder-Havel-Kanal gezogen wird, segelt Stephan auf dem tiefblauen Atlantik vor Salvadors Steilküste. Als die Erde die Sonne ein weiteres Mal umrundet hat, ist eine Immobilie im gutsituierten Stadtteil sein eigen. Eines ihrer Fenster wird mit Wolldecken verhängt, eines der Betten mit Scheinwerfern umstellt, eine der Truhen mit Ketten, Peitschen, Handschellen aufgefüllt, eine Schublade mit Spritzen, Schlafmitteln, Skalpellen, Videos vollgestopft. Sonst ist alles wie früher, nur besser, größer, mondän. Hier gibt es Straßenkinder, sind Schwangere verfügbar, hier ist alles zu haben. Und wer hat, der kann. Es ist ein freies Land. Zum Geburtstag gönnt er sich eine weitere. Leichtsinnig lädt er sie nach dem Fest in den Kofferraum - und läßt sich sehen.

So kommt er diesen Hochsommer zur Ruhe und bringt es zu seiner ersten Publikation. Er sitzt und gibt ein Fernsehinterview: Man erfährt von seinem Verlust an sexueller Potenz, der folgenden Medikation, ihrer pubertäre Gelüste produzierenden Nebenwirkung und darüber, daß er nun seine Freiheit verloren und das Leben also seinen Sinn eingebüßt habe.

Die Depression gibt sich wieder. Ein Top-Anwalt, der es versteht, Verfahren in die Länge zu ziehen, hat bereits sein Mandat. Die 19 Morde - oder waren es doch nur 13 oder vielleicht 4 - nichts Genaues weiß man – bleiben Gerücht. Von den zahllosen, mindestens aber 90 Mißhandelten sind 7 für den Zeugenstand zu gewinnen. Mit mehreren Jahren Haft müsse er schon rechnen, könne aber bei guter Führung nach zweien entlassen werden. Und daß er sich zu führen weiß, hat er genugsam bewiesen: bei den ehemaligen Kommilitonen und Dozenten genießt er den Nachruf eines Strebsamen, Ehrgeizigen, Zielgerichteten; als freundlich, zuvorkommend, geschliffen, gepflegt, großzügig, intelligent, gebildet charakterisieren ihn die, die ihm in verschiedenen Privatsphären begegnet sind. Ohne Ansehung und Anhörung der Person erkennt ein namhafter deutscher Psychoanalytiker in ihm den entwicklungsgehemmten Menschenfreund, und ein amerikanischer Psychologe den Versager im Bett, der vermutlich von einer Hure ausgelacht wurde. Das gibt ihm einen Stich, aber wenn's nutzt.

Vorderhand ist ihm in seiner Komfort-Zelle noch Damenbesuch gestattet, auch ehemalige Opfer kommen. "Es gibt keine Hinweise darauf, daß er in Brasilien gemordet hat", heißt es, wo und weshalb er verurteilt werde, sei noch offen. Er jedenfalls fordert eine Geburtsurkunde aus der Heimat an. Eine hiesige Schönheit wird ihn heiraten und ihm dauerhafte Bleibe im Gastland verschaffen.

Doch dann passiert’s - einmal zu oft zu viel dokumentiert. Das Video ist gefunden, die Sektion deutlich genug erkennbar, auch er, der Zergliederer, und das Kalenderblatt, das er seinerzeit im Juni achtlos hängengelassen hat. Man kombiniert, rekonstruiert, bringt sie zusammen - ihn und Dana. Sie ist raus, die Sache in B… Jetzt will ihn das Vaterland wieder. Auslieferung. Ein Prozeß würde folgen. Die Boulevardpresse würde Verlauf und Ausgang publizieren. Der Angeklagte hat Familie, trägt einen Namen, der verpflichtet. Mit dem Jogginghosengummi am Fenstergitter bewahrt er die Seinen vor dem Kommenden. Die Leiche bleibt, der Totenschein wird verschickt. Gelungene Schadensbegrenzung.

Die Akte Stephan W… wird geschlossen.
 

Anne Ego (1952-2007) studierte Geschichte und Philosophie und lebte in Berlin. 1991 Promotion über den "Animalischen Magnetismus", danach Lehrbeauftragte und Autorin. In Atalante 4 veröffentlichte sie bereits den Essay "SAFAR" über eine Reise durch den Iran.

Neben dieser gekürzten Online-Version gibt es auch noch die Originalfassung des Textes.

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