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TIEFBLAU
UNTER DIR
Von Anne Ego
I
Dana sitzt, das geöffnete Fenster im Kreuz, wartend im locker besetzten
Operncafé. Sie hatte oft gewartet - gehend, stehend, mit beiden
Beinen fest auf der Erde oder mit einem angewinkelten an die Hauswand
gelehnt, schweigend oder schwatzend, rauchend, seltener trinkend, manchmal
schnupfend -, obwohl es nie ihre Stärke gewesen, das Warten, das
Durchhalten. Schauspielerin wäre sie gern geworden, wenigstens
Tänzerin. Sie kannte viele, aber keinen, der nah genug dran gewesen
wäre, um zum ersten Schritt zu verhelfen. Jetzt aber erwartet sie
jemanden, auf den sie setzt, ihren Freier aus Pretty Woman.
Die Tür fest im Blick, hält Dana Ausschau nach ihrem Be-Freier.
Sie war sich nie sicher, ob sie sich nicht hinsichtlich Tag, Stund und
Ort geirrt habe. Eine Unwägbarkeit, die ihr nichts ausmachte. Bisher.
Jetzt ist es anders. Einmal hatte sie die Location verwechselt, ihn
bereits unverhofft auf dem Rückweg gesehen, gewedelt,
geschrien, öffentliche Aufmerksam erregt. Er sah sie, blieb stehn,
ließ sie kommen, grinste und säuselte: "Bella Traviata,
übermorgen, vielleicht versuchen wir's da nochmal".
Sie hätte ihn jetzt gern eintreten gesehen, hat bereits sein Gesicht
vor sich, das reife, das unverbrauchte, seine offenen Augen, das Haar,
das auf dem Kopf und über der Lippe graumelierte. Nicht mehr jung
der Junge, aber wohlhabend. Und Wohlhabenheit hält jung. Da platzen
in ihre Gedankenverlorenheit hinein seine Anweisungen - man bleibe nicht,
gehe auch nicht, wie versprochen, shoppen, man fahre zu ihm raus, im
übrigen trinke sie zuviel und das falsche. Er hinterläßt
überzählig Geld auf dem Tisch und bietet seinen Arm. Er ist
keiner der wartet, der holt sich unverkrampft, wonach ihm ist. Dana
ist charmiert, daß ihm nach ihr ist.
In einer Eck-Kneipe mit Flipperautomaten-Flair hatte man sich zum ersten
Mal gesehen, und es sei, so er, das letzte Mal gewesen, daß man
sich hier treffe. Beim nächsten date erfuhr sie, daß der,
mit dem sie jetzt im Café Einstein saß, Mediziner sei,
der sein Interesse insbesondere auf Formschönheit, Farbkomposition
fokussiere und auch die Kamera zu führen wisse. Und, daß
sich aus ihr was machen ließe. Demnächst würde er sie
einem Produzenten vorstellen. Für's erste ward sie nur bei seinem
Nachbarn eingeführt, als Schauspielschülerin, draußen
im Grünen, wo sein Refugium stand. Auch das, sein Domizil, war
anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Der Garten weitläufig,
zugewachsen, wild, verwunschen das kleine Fachwerkhaus und wie zum Dornröschenschlaf
hingestellt. Gleich daneben das Blockhaus, geräumig wie ein Salon,
ausgestattet mit dem Bett einer Kurtisane, einer Kommode im Stil des
Rokoko, der Gobelin filigran chinesisch gearbeitet.
Den Tee nimmt man draußen, das Gebäck auch. Er pflegt lifestyle,
aber nicht ungebrochen, umgibt sich mit Teurem, durchsetzt von wohlberechnetem
understatement. So wie so ist es nicht ihre Welt - noch nicht. Sie wird
sie sich aneignen, sich ihr anverwandeln. Ein wenig hat sie schon bei
ihm gelernt. Dana war nie so, wie man sie wollte. Jetzt will sie so,
wie der will. Sie genießt die Änderung ihrer selbst, die
sich hier ankündigt.
Stephan mag Dana und beginnt sie zu lieben. So, wie er viele vor ihr
geliebt hat. Die Figur trifft seinen Geschmack, ihr Gesicht ist gut
geschnitten, ihr Haar blond, ihre gesamte Erscheinung so, daß
man sich mit ihr sehen lassen kann. Gewerbe und Drogen haben Spuren
hinterlassen, aber nur für Kenner erkennbar.
Dana erkennt in Stephan den weitgereisten Weltgewandten. Er ist kein
streetworker, keiner, der helfen will, lästig fällt. Kein
gesellschaftskritischer Künstler, der Nutten an der Potsdamer knipst
für die fortwährend geplante Photo-Ausstellung, auch kein
Arzt für Notfälle und Hausbesuche, der zum Quartalsende abrechnet.
Der lebt nicht, um zu arbeiten, der arbeitet nicht, um zu leben. Der
hat genug. Er ist nicht süchtig, raucht nicht, trinkt moderat,
nur Wein und nur vom Besten, nie am Nachmittag, nie gierig. Auch beim
Sex ist er nicht ungehemmt leidenschaftlich. Er ist Liebhaber. Er liebt
die Kunst und die, die die Kunst lieben. Er ist Sammler.
Stephan greift eine seiner Videokameras. Stets ist eine geladen, er
immer ready. Er kanns. Sie sieht es nach dem ersten Rücklauf:
Danas Gesicht im Gegenlicht, Danas Body im body und ohne, Dana mit ihm
im offenen Hemd. Er ist Kameramann, Regisseur, Akteur und Publikum.
Er ist der, den Dana braucht: einen, der was hat und der nie zittert.
"Ich fahre mit meinem Campingmobil zu ungewissen Zielen, wenn ich
nicht segle. Wenn ich segle, dann vornehmlich vor Salvadors Küste.
Das Tiefblau unter dir..." Sie hat sich das gemerkt. Und gerade
jetzt, da sein Haar vom Wind berührt wird, kann sie sich ihn gut
auf seinem Segelboot vorstellen und sich selber mit ihm auf und unter
Deck. Dana wird nicht zum ersten Mal aufgenommen. Nicht, daß seine
Sado-Maso-Streifen originell wären. Solche und sogar Snuff-Filme
sind seit einiger Zeit der Renner, sie selbst öfter mal Agierende
jedenfalls Mitspielende. Aber hier und nur hier genießt
sie die Rolle. Stephans Regie gibt ihr das Gefühl des Beachtetseins,
mehr noch: der Geborgenheit, die Gewissheit, da zu sein, zu existieren
Er habe noch was zu besorgen. Der Satz fällt abrupt, klingt
bedrohlich, seine Melodie nach Entzug. Ohne Vorwarnung leitet er ein
Ende ein. Sie ist verstimmt. Sie habe sich den Abend anders vorgestellt.
"Ich fahr dich."
"Mach schon. ich wollte hier nicht alt werden."
Parade mißlungen, Riposte verfehlt. Kälte zieht ein in diesen
Juni-Spätnachmittag. Unwohlsein regt sich. Sie beginnt sich zu
fürchten vor dem Kommenden. Wer zuerst auflegt hat gewonnen, sie
wird die Nacht reinholen, was durch diesen Tag versäumt ist. Er
macht es, wie geahnt und befürchtet. Den Autoschlüssel parat,
schreitet er den Trampelpfad entlang, öffnet - ganz Kavalier -
den Schlag auf Beifahrerseite und schließt ihn, nachdem sie eingestiegen
ist.
Auf der Alt Karow regen sich erste Zweifel, Beschwichtigungsstimmung
kommt auf. Sie vertreibt sie. Am Priestersteg packt sie die Wut. Sie
holt innerlich aus. Als der Wagen an der roten Ampel stoppt, fällt
ihr Blick auf seine Hand am Steuer. Aristokratische Hände sind
es nicht, nicht hager, eher breit, zart die Haut. Die Haut, der Spiegel
der Seele, ist glatt, feinporig, ohne Schuppen ohne Schorf, keine Rötung,
kein Kratzer. Der Mann steht voll im Saft. Beim Einbiegen in die Prenzlauer
Promenade, geschieht, was sie vermeiden wollte. Ihre Wut wird ohnmächtig.
"Du bist ja so still?"
Zwei Regungen, die sich gegenseitig behindern, verhindern eine Reaktion.
Er schaut rüber, grinst, oder lächelt er?
Auf der S-Bahn-Brücke findet sie ihre Potenz wieder.
"Fahr rechts ran!"
Er verlangsamt, hält, löst die Zentralverriegelung. Sie öffnet
die Wagentür, steigt aus, haut zu, bereut. Sie wär so
gern wie er: lässig, aber entschieden, nicht ostentativ, aber unverholen.
Wer sich aufregt, hat sich schon verloren. Wer es zeigt, verliert das
Gesicht und den Menschen, den er halten wollte.
Nie philosophierte sie nach dem Aussteigen, nie schaute sie Rücklichtern
hinterher. Auch jetzt, da es sie treibt, verzichtet sie. Wäre eine
Taxe in Sicht, hielte sie eine an. Sie schlendert weiter bis die Schlußlichter
abbiegen. Da trifft es sie wie eine Keulung. Sie hat tatsächlich
darauf gewartet, daß er wenden, zurückfahren, neben ihr halten,
und, wenn schon nicht um das Auto herumrennen und ihr den Schlag aufreißen,
so doch mindestens die Tür von innen öffnen und sie - ihretwegen
mit ironischem Unterton - bitten würde, wieder einzusteigen. Wenn
sie nicht eingetrocknet wären, wären jetzt Tränen über
die geschminkten Wimpern und weiter über die spannungslose Haut
hinuntergerollt. Nicht seinetwegen, nicht wegen des abhanden gekommenen
Regisseurs, ihrer selbst wegen. Vertane Zeit. Keinen Freier privat.
Keinen mehr. Jemals.
Vorbei an den Vietnamesen mit den steuerfreien Zigaretten, vorbei auch
am Händler mit Restbeständen aus dem sozialistischen Europa
und vorbei am Abendblatt-Verkäufer steigt sie die Steintreppen
runter auf einen zugigen Bahnsteig, patrouilliert in nervöser
Unruhe die Kante entlang bis zwei Scheinwerfer sich im weiten Bogen
heranschieben. Betäubt steigt sie ein und läßt sich
am nächsten Fensterplatz nieder. Allein, mit stierem Blick ins
hereinbrechende Dunkel.
Stephan schließt den Pavillon auf, setzt sich auf's eiserne Bett,
nimmt den Prospekt für Praxisbedarf zur Hand, blättert ihn
durch. Eine oszillierende Säge fehlt ihm. Wenn die Reizstromgeräte
bloß leichter zu beschaffen wären. Er revidiert seinen Bestand.
Das Präparierbesteck ist komplett: Nadeln, Pinzetten, Scheren,
Skalpelle, Klingen. Er notiert. Biopsy - scharf geschliffen, zum Hautstanzen
Fieberglasblätter...
Sein Pavillon ist sein Arbeitsplatz und der Ort seiner Wiederherstellung.
Um zu genesen, muß der Leidende aus seiner bisherigen Umgebung
raus und von seinen bisherigen Bezugspersonen isoliert behandelt werden,
fern von gesellschaftlichen Zwängen.
Seit geraumer Zeit braucht Stephan sie, die Therapie. Seitdem er eingebüßt
hatte, was ihm sicher schien, seither fand er, was ihm vorher abging.
Es gibt immer Subjekte, die sich eignen.
Heute sollte Danas Termin sein. Indessen hatte sich die richtige Stimmung
nicht einstellen wollen, auch die Instrumente fehlten, die passenden.
Nichts paßte. Stephan fühlt sich leer.
Er verläßt den Pavillon. Im Blockhaus gießt er sich
ein Glas ein, setzt den Videorecorder in Gang, die Helligkeitsstufe
auf Null und legt sich auf's 50.000-Mark-Bett. Er liebt das Summen des
Rekorders, noch mehr das Surren des Projektors, von dem er ehedem die
16-Millimeter-Streifen abgespult hat. Er ruft es sich zurück und
fällt in Trance
Stephan sieht sich in Grün mit Gummihandschuhen, über ihm
die OP-Lampe, unter ihm das fixierte Objekt auf dem Tisch, im Blickfeld
die Röntgenaufnahmen. Er fühlt den Zahnarztbohrer zwischen
Daumen und Zeigefinger, gleich wird er die Linke der blanken Schädeldecke
perforieren, präzis das Zielsubstrat treffen und den Führungsdraht
in die rechte Ponsseite schieben.
Stephan trifft sich in seinem Untermieterzimmer mit Dachschräge
bei der Lektüre von Originalarbeiten und Sekundärliteratur,
beobachtet sich beim Exzerpieren der wichtigsten Stellen, sieht sich
innehalten bei den Experimenten Zernovs, der die Beziehung interner
und externer Schädel-Hirnstrukturen am menschlichen Schädel
mit Elfenbein-Nadeln fixierte. Er hat sie vor sich, die Abbildung des
Encephalometers am Patienten: den Hauptring aus Aluminium, der an der
Nasenwurzel
ja, die Russen vor der Revolution - wie verhemmt
ist man vergleichsweise hier und heute.
Er fühlt sich im Klassenzimmer des Gymnasiums, und er fühlt,
wie er sich geniert vor dem Geistlichen, der GOtt überall sucht,
nur bestimmt nicht hier.
Er findet sich im Eßzimmer seiner Eltern am Frühstückstisch.
Sein Vater sägt das obere Drittel des Hühnereies ab und prüft
den Inhalt. Nicht die exakte Zeit gekocht: noch rotzig oder schon hart,
so scheint es; er redet nicht, und zwar deswegen. Man kennt das. Es
wird drei Tage anhalten. Vorausgesetzt, die Frühstückseier
sind an den jeweils drei aufeinanderfolgenden Tagen angemessen präpariert.
Andernfalls kommt es zum Eklat mit unberechenbarem Ausgang.
Stephan erlebt sich im Physicum und seinen Prüfer, der wissen will,
welche Farbmischung grau ergebe. Er fragt das wegen Stephans berühmten
Vorfahren, des Malers und Bildhauers. Stephan hat Familie, trägt
einen Namen. Name und Familie tragen ihn.
Stephan hört sich im adretten Anzug mit korrekt geknoteter Krawatte
um den gestärkten Kragen vor dem großen Eichenschreibtisch
seines Doktorvaters hektisch rapportieren: "Zwei wurden für
den Vorversuch geopfert, 16 sind operiert, vier getötet und histologisch
untersucht. Die Geweberandzonen um die Implantate zeigen streckenweise
feinste Blutungen. Stärkere proliferative Reaktionen der Umgebung
sind nicht erkennbar. Die lebenden Versuchstiere lassen kaum Verhaltensabweichungen
erkennen. Ich werde also die Implantate hinsichtlich Länge und
Anzahl steigern
"
Stephan hätte ihm, dem Größeren, so gern noch so vieles
gesagt, doch der murmelt "vielversprechend", ist bereits woanders
und winkt ihn lobend hinaus. Stephan hält das aus. Er hält
die Unterarme in Supination, Handflächen nach oben fast wie ein
betender Muslim und betrachtet sie. Sie haben ihre Sache gut gemacht,
diese Künstler-Hände. Stephan ist auf dem Weg zum Neurochirurgen.
Den da drin, den wird er in Grund und Boden publizieren, wenn er erst
groß ist, und wäre es posthum. Er beobachtet sich beim Ankleben
des Türschildes: "Doctorand W
"
Das Telefon reist ihn aus der Trance - Dina ist am Apparat. Nein Dana.
Selten jemanden so gehaßt. Wortlos knallt er auf. Eine erneute
Rückführung gelingt nicht. Seine Abneigung gegen Dana steigert
sich ins Ekstatische. Er wählt ihre Nummer, säuselt in die
mailbox, er treffe sie morgen am Wasserturm, setzt das Telefon außer
Funktion, spült eine Adumbran in sich hinein und bleibt schlaflos.
Morgen ist sie dran.
II
Wären nach seiner Geburt Astrologen zum Weisen erschienen, hätten
sie der Mutter prognostiziert: Das Kind ist von beständigem, ruhigem
Gemüt. Es findet seine Sicherheit in der Familie, in bewährten
Verhaltensmustern, es ist immun gegenüber Veränderungen, ist
hartnäckig, beharrlich. Seiner Liebe bleibt es treu, zufrieden
ist es mit sich, solide ist sein Denken, konservativ sein Standpunkt.
Gefällig wird es sein, das Kind, ein aktives soziales Leben führen,
Freunde haben, Erfüllung im Alltäglichen finden, den Alltag
mit Außerordentlichem füllen. Einen humanitären Beruf
wird es ergreifen, einen, der einen Verantwortung tragen läßt.
Stimmig, ausgewogen werden innere Natur und Erscheinungsbild sein. Die
"Sonne" steht im luftigen Element, im irdischen der "Mond",
sein Herz ist ruhig, der Verstand beweglich
Und ehe sie, die Horoskopisten, noch mehr über das Uranische des
Wassermanns und das Venerische des Stieres hätten sagen können,
hätte sie, die Mutter, zufrieden abgewinkt. Es ist genug, mehr
wär zuviel. So viel Glück mitten im Krieg.
Die Physiognomie seines Geburtsortes, eines Kurortes, dominieren Klosteranlagen
im klassizistischen Stil und eine Kuppel mit Weltniveau auf dem Dom.
Für Bildung sorgen Jesuiten, für gediegene Anzüge die
Schneiderei W
Hier wächst Stephan auf. Hier lernt er die
Qualität von Stoffen kennen und schätzen, den angemessenen
Schnitt, die Modeschöpfung und -imitation. Vormittags werden ihm
tote Sprachen nahegebracht und harte Wissenschaften, nachmittags die
Kunst der Meditation. Abends hört er die Madrigale "Voi mi
ponesti in foco" und "Madonna io mi consumo", Händels
Wassermusik und Beethovens Klavierkonzerte in Schellack und Vinyl gepreßt,
aus dem Radio und manchmal, wenn er mitdarf, erlebt er die Gambisten
der Schola Cantorum Basiliensis live. An manchem Sonntag fliegt die
Familie aus zu diesem Friedhof, um den Kindern den Engel, gemeißelt
vom Bildhauer W
, zu zeigen, zu jener vom Maler W
ausgeschmückte
Stiftskirche oder "Zum schönen Eck", ebenfalls vom Architekten
W
gebaut, eingerichtet und auch bewohnt.
Stephan hatte Vor-Bilder und war auch sonst nicht zu kurz gekommen.
Vom Vater gefordert, von der Mutter geliebt, von seiner Schwester verstanden,
durchlief er die Gymnasialzeit und war, als er das Reifezeugnis in der
Tasche den Kurort verließ, hinreichend ausgestattet, seine Berufslaufbahn
zu bestimmen und sein Leben zu entwerfen. Er hing mit respektabler Liebe
am Strengen, Geordneten, spartanisch Ästhetischen und wurde vom
Üppigen, Sinnfälligen angezogen. Seine Wahl fiel auf das Studienfach
Physik, und er schrieb sich an der nächstgelegenen Universität
ein.
Dort ist er ihr begegnet. Seit Tagen wurde sie zur Mittagszeit im Kolpinghaus
beobachtet. Den Löffel im Dessert, sieht er sie durch die Tür
verschwinden, läßt sein Besteck im Pudding, springt auf,
setzt ihr nach. Klein, dunkelhaarig, athletisch, eilt sie forschen Schrittes
irgendeinem Ziel zu. Wie ein Radler nach dem Etappensieg stößt
er's aus: "Ich mußte Sie unbedingt einholen. Ich weiß,
daß Sie heute das letzte Mal hier sind." Die Variante kennt
sie noch nicht. Sie gefällt ihr. Kindlich wirkt er, naiv, begeisterungsfähig,
anrührend sein aufgrund heftiger Bewegung leicht gerötetes
Gesicht, sein Wetterleuchten in den Augen. Ort und Zeit der nächsten
Zusammenkunft sind Sekunden später datiert. Die "Neue".
Sie ist in Eile, er nicht ihr Typ. Sie zieht die eher Hageren vor mit
konturierten Linien. Das Jungenhafte, Sprühende rührt sie
an, bleibt hängen und wird ihr Dezennien später, da er sich
einen Namen gemacht haben und sein Name in den Medien ihre Erinnerung
evozieren wird, wieder einfallen.
Stephan liebt Dina, Dina liebt Luigi, den Conte aus Mailand. Stephan
weiß es, und er weiß sich zu helfen: "Du mußt,
wenn du eine Frau kennst, ihre Mutter betrachten, dann weißt du,
wie sie später aussieht". Er hat sie gesehen, die Mutter.
Stephan ist Pragmatiker. Keiner, der grübelt. Er ist nicht Opfer,
er ist Interpret des Geschicks. Wie damals, als er merkte, daß
mit Fleiß allein nicht genug zu gewinnen war in der Physik.
Erziehungssache erklärte er, der ehemalige Jesuitenzögling,
seinem Vater, der eine angemessene Begründung für den einsemestrigen
Verlust an Zeit und Geld verlangte: "Engagement auf der Basis des
christlichen Glaubens, verbunden mit dem Dienst am Nächsten und
der Übernahme verantwortlicher Aufgaben in der Gesellschaft läßt
sich in der Medizin eher realisieren."
Jetzt ist er Doktorand, bald wird er Medizinalassistent sein, dann Assistenzarzt,
Facharzt, Professor und Chefarzt. Auf Dina hätte er verzichten
können. Er ist soweit. Auf die Demonstration seiner Filmkunst nicht.
"Mir haben tagelang die Brüste weh getan." Man lacht,
man ist locker, amüsiert sich über die Séance im Wald.
Man hat sich bewiesen, daß man frei und freizügig ist. Beide
fühlen sich ihrer Zeit voraus. Und sie sind es. Protagonisten.
Während seine Kommilitonen sich noch zu emanzipieren bemühen,
Studenten sozialwissenschaftlicher Fachbereiche mit Bärten im Gesicht
und Freundinnen mit fettigen Strähnen auf dem Kopf "In F...
kommt das Christkind, in Vietnam ist Krieg" skandieren und pummelige
Krankenschwestern auf Häubchen und Strümpfe verzichten. Ekelhaft.
Dina ist anders. Groß, schlank, blondes Haar mit Spannkraft, selbstsicher
balanciert sie in Pumps über's Kopfsteinpflaster ohne auszugleiten,
ohne hängenzubleiben. Dina, seine erste große Liebe.
Stephan beugt sich über die Käfige. Er beobachtet die Rekonvaleszenten.
Eine aus der letzten Serie wirkt desorientiert, findet ihr Ziel nicht,
hat vielleicht keins. Alle gedeihen, keine zeigt Symptome von Auszehrung.
Das gilt es zu dokumentieren. Stephan positioniert die Scheinwerfer,
mißt die Lichtstärke, drückt den Auslöser, seine
16mm-Kamera surrt. Er, der begnadete Photograph, beherrscht auch dieses
Instrument, die Kamera für laufende Bilder. Er, der talentierte
Kameramann, weiß sie nicht nur im Dienste der Ästhetik einzusetzen,
nein auch im Dienste der Wissenschaft. Nach fünf ist der Schneideplatz
frei. Stephan schließt von innen ab und schiebt Sonderschicht.
Das Ambiente hätte geeigneter nicht sein können: Schonung,
gebrochenes Licht, sichtbare Strahlen über dem Paar. Grünes
Gras, an braunen Zweigen dunkelgrüne Nadeln, abgestimmt auf Dinas
Blond. Eine Farben-Symphonie. Ein gelungener Oktobertag. Sie ohne alles,
er im Anzug mit ungelockerter Krawatte um den Hals, die Brennweite exakt
eingestellt. Dina kommt gut. Die weiße Haut, das lange Haar, die
changierenden Grüntöne um sie herum und er, der ihre wohlgeformten
Brüste knetet und walkt, als gälte es, das Material für
diesen Menschen erst einmal zu homogenisieren, ehe es geformt würde.
Er wirkt souverän. Nur hier, hier fingert er ungelenk wie ein Oberprimaner.
Hier muß geschnitten werden. Das Szene soll rund sein. Und dort,
da wirkt sie ordinär. Er zieht sich die Baumwollhandschuhe über,
greift die Schere.
Stephan imaginiert seinen Vater. Die Schere riesig, die Schnittführung
gekonnt, präzis. Angewandte Kunst. Die Kunst, einer mittelgroßen,
mittelblonden, mittelständischen Person mittleren Alters zu Ausstrahlung
zu verhelfen. Sie zur Persönlichkeit aufzufächern, zu einem
Mann von Welt, zu einer Dame der Hautevolée.
Nach drei Stunden ist der Streifen präpariert. Arrangieren kann
er, Filme drehen, cutten. Dina ist - Dina war seine große Liebe.
Stephan eilt ins Versuchslabor und sieht es sofort: Die Dunkle ist weg.
Ungläubig starrt er durchs Gitter, prüft er das Schloß.
Von der Hausratte keine Spur. Stephan glaubt es nicht. Heute hatte er
mit der Exekution der letzten Serie beginnen wollen - und jetzt das.
Aus Not nur hatte er die reingenommen. Er hatte nicht genug Albinos.
Die war von Anfang an prominent, mußte immer mit der Zange angefaßt
werden. Auch heute, für den letzten Akt, hätte sie ihm Handhabungsprobleme
bereitet. Er weiß auch Verlusten einiges abzugewinnen. Er hadert
nicht. Beobachtet hat er sie und gefilmt. Das Gesetz der Serie ist erfüllt,
auch ohne sie. Er greift die große Schere, enthauptet auf einen
Satz, holt die bereits fixierten Gehirne aus der Lösung, greift
nach dem scharfen Skalpell, schneidet das erste an, fährt Scheibchen
für Scheibchen fort bis er die Spitze des Mandrins sieht, zückt
die Pinzette, zieht den Draht 'raus, paraffiniert, positioniert den
Block auf dem Mikrotom, hangelt die filigranen Gewebsschnitte aus dem
Wasser, plaziert sie auf dem Objektträger, deckt sie zu, färbt
sie ein, legt sie unters Mikroskop. Alles läuft wie geschmiert.
Ein Blick durchs Okular: eine Wonne diese Markscheiden - eine Symphonie
in Silber.
Die Medizinalassistentenstelle hat er schon. Den Termin für das
Staatsexamen wird er heute erfahren. Stephan etikettiert die Objektträger,
sortiert die histologischen Präparate in die Kassette mit der Aufschrift
"Resistance" ein. Er wird sie mitnehmen in die Zukunft.
III
Stephan trifft, wie gewußt, Dana am Wasserturm. Sie springt, wie
erwartet, auf, als sie ihn sieht. Man fährt zu ihm. Er lenkt wortlos
den Wagen. Sie will die erneute Chance nicht zerreden. Stephan repetiert:
Der Plan, ein neues Haus aufs Grundstück zu stellen, ist
fallengelassen, das Flugticket bestellt, das Visum noch gültig,
das Schließfach für Monate gemietet, der Laser-Skalpell angeschafft,
die Operation in toto durchdacht, die Müllsäcke bereitgelegt,
die Plätze für Dana in parte noch unbestimmt. Schweigend betreten
sie den Pavillon. Bühne und Requisiten sind unverändert. Die
Videokamera ist schräg über dem eisernen Bett positioniert.
Dana hat die Rolle oft gespielt. Sie ist ihr vertraut. Heut ist
es anders, irgendwas ist nicht wie sonst. Nicht, daß er aggressiver
wäre, eher gleichgültig, lustlos, abwesend.
Stephan ist, als schwenke er den äthergefüllten Glasbehälter
hin und her - die Ratte kippt um. Er kommt zu sich und zurück zu
Dana. Stephan liebt Frauen. Er ist oft gelobter Liebhaber. Heute liebt
er, bis sie erkaltet.
Stephan verläßt den Pavillon. Es regnet. Wie damals als sein
Examen passierte eine Rhapsodie in Grau. Kaum zurück in
der Studentenunterkunft, steht der erste Agent in der Tür, um ihn
zu versichern: "'Und hier sind meine gesammelten Werke' sagt der
Arzt zum Dichter auf dem Friedhof, holt aus und schwingt seine Rechte
Richtung Gräber." Der frisch Examinierte reagiert auf das
vielgehörte Zitat wie ein erfahrungsträchtiger Chefarzt kurz
vor seiner Emeritierung: "Ja, die Fehler der Ärzte werden
schwerer gewogen als die anderer, als wenn die sich nie irren dürften."
Man echauffiert sich noch über Politik und Sozialdemokraten: "Wenn
ich den in der Familie hätte, würd' ich mich schämen,
und sowas haben wir sogar in Regierung". Die "Neue" ist
auch da - zwecks Gratulation und Abschied. Er hat sie aus Not hereingenommen,
um die große Blonde durch ihr Gegenteil zu verdrängen. "Wie
kann man nur nach B... ziehn?" bemerkt er mißfällig,
zückt ein Kuvert mit seiner künftigen Adresse in G
und
gibt es ihr mit auf den Weg. Eine ephemere Erscheinung. Nie mehr gesehn.
Auch hier nicht, in B
Er gießt sich Champus ein, setzt den
CD-Player in Gang und aktualisiert seinerzeitige Bilder: Sinnend verfolgt
er die Runden seines Carassius auratus auratus im Glas. Sein Fisch muß
ohne Wasserpflanzen auskommen. Stephan liebt die freie Sicht auf's Objekt.
Er wird ihn jetzt nicht füttern. Er liebt das Klare, Reine, Ungetrübte,
die gleichförmige Bewegung seines Goldroten im klaren Wasser. Stephan
braucht Gleichförmigkeit. Sie verleiht Gewißheit, Sicherheit,
das Gefühl der Dauerhaftigkeit. Er genießt Händels Wassermusik
aus der Konserve. Keiner hustet, keiner applaudiert. Er schätzt
die moderne Technik. Sie garantiert Reproduktion, transponiert Altbewährtes
in das Jetzt und die Zukunft, macht Außergewöhnliches beliebig
wiederholbar.
Stephan kehrt in sein Laboratorium im Pavillon zurück und beginnt
mit der Sektion. Die Kamera läuft. Er ist nicht bloß raffinierter,
ausdauernder Liebhaber, er ist auch Dokumentar.
IV
Als eine von Danas Brüsten aus dem Oder-Havel-Kanal gezogen wird,
segelt Stephan auf dem tiefblauen Atlantik vor Salvadors Steilküste.
Als die Erde die Sonne ein weiteres Mal umrundet hat, ist eine Immobilie
im gutsituierten Stadtteil sein eigen, eines ihrer Fenster mit Wolldecken
verhängt, eines der Betten mit Scheinwerfern umstellt, eine der
Truhen mit Ketten, Peitschen, Handschellen aufgefüllt, eine Schublade
mit Spritzen, Schlafmitteln, Skalpellen, Videos vollgestopft. Sonst
ist alles wie früher, nur besser, größer, mondän.
Hier gibt es Straßenkinder, sind Schwangere verfügbar, hier
ist alles zu haben. Und wer hat, der kann. Es ist ein freies Land. Zum
Geburtstag gönnt er sich eine weitere. Leicht-sinnig lädt
er sie nach dem Fest in den Kofferraum - und läßt sich sehen.
So kommt er diesen Hochsommer zur Ruhe und bringt es zu seiner ersten
Publikation. Er sitzt und gibt ein Fernsehinterview: Man erfährt
von seinem Verlust an sexueller Potenz, der folgenden Medikation, ihrer
pubertäre Gelüste produzierenden Nebenwirkung und darüber,
daß er nun seine Freiheit verloren und das Leben also seinen Sinn
eingebüßt habe.
Die Depression gibt sich wieder. Ein Top-Anwalt, der es versteht, Verfahren
in die Länge zu ziehen, hat bereits sein Mandat. Die 19 Morde -
oder waren es doch nur 13 oder vielleicht 4 - nichts Genaues weiß
man bleiben Gerücht. Von den zahllosen, mindestens aber
90 Mißhandelten sind 7 für den Zeugenstand zu gewinnen. Mit
mehreren Jahren Haft müsse er schon rechnen, könne aber bei
guter Führung nach zweien entlassen werden. Und daß er sich
zu führen weiß, hat er genugsam bewiesen: bei den ehemaligen
Kommilitonen und Dozenten genießt er den Nachruf eines Strebsamen,
Ehrgeizigen, Zielgerichteten; als freundlich, zuvorkommend, geschliffen,
gepflegt, großzügig, intelligent, gebildet sowieso charakterisieren
ihn die, die ihm in verschiedenen Privatsphären begegnet sind;
ohne Ansehung und Anhörung der Person erkennt ein namhafter deutscher
Psychoanalytiker in ihm den entwicklungsgehemmten Menschenfreund, und
den Versager im Bett, der vermutlich von einer Hure ausgelacht wurde,
ein amerikanischer Psychologe. Das gibt ihm einen Stich, aber wenn's
nutzt?!
Vorderhand ist ihm in seiner Komfort-Zelle noch Damenbesuch gestattet,
auch ehemalige Opfer kommen. "Es gibt keine Hinweise darauf, daß
er in Brasilien gemordet hat", heißt es, wo und weshalb er
verurteilt werde, sei noch offen. Er jedenfalls fordert eine Geburtsurkunde
aus der Heimat an. Eine hiesige Schönheit wird ihn heiraten und
ihm dauerhafte Bleibe im Gastland verschaffen.
Doch dann passierts - einmal zu oft zu viel dokumentiert. Das
Video ist gefunden, die Sektion deutlich genug erkennbar, auch er, der
Zergliederer, und das Kalenderblatt, das er seinerzeit im Juni achtlos
hängengelassen hat. Man kombiniert, rekonstruiert, bringt sie zusammen
- ihn und Dana. Sie ist raus, die Sache in B
Jetzt will ihn das
Vaterland wieder. Auslieferung. Ein Prozeß würde folgen.
Die Boulevardpresse würde Verlauf und Ausgang publizieren. Der
Angeklagte hat Familie, trägt einen Namen, der verpflichtet. Mit
dem Jogginghosengummi am Fenstergitter bewahrt er die Seinen vor dem
Kommenden. Die Leiche bleibt, der Totenschein wird verschickt. Gelungene
Schadensbegrenzung. Die Akte Stephan W
wird geschlossen.
© A. Ego
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