Beide sind überglücklich, aber der Alte drängt darauf, den Runenberg zu verlassen: "Laß uns gehen, dass wir die Schatten des Gebirges bald aus den Augen verlieren. Mir ist immer noch weh ums Herz von den steilen, wilden Gestalten, von dem gräßlichen Geklüft, von den schluchzenden Wasserbächen; lass uns das gute, fromme, ebene Land besuchen."

Der Vater beschwört das christlich fromme und "gute" Land gegen die Wildnis der heidnischen Berge, aber der Bazillus des Untergangs ist schon ins Herz seines Sohnes eingepflanzt.

Ein Fremder besucht das Dorf, der in Christians Familie aufgenommen wird und irgendwann - als er für eine längere Reise verschwindet - vertrauensvoll sein Geld bei ihm deponiert.

 

Doch dieses Vertrauen wird von Christian missbraucht, in dessen Seele eine unerklärliche materielle Gier erwacht. Jede Nacht steht er auf und wühlt in den Goldstücken des Fremden herum: "Seht, wie tief der rote Glanz in mein Herz hineingeht, horcht wie es klingt, dies güldene Blut", teilt er seinem schockierten Vater mit, der ihn anfleht, seine dunklen Gedanken unter Kontrolle zu halten und wieder mehr in die Kirche zu gehen.

Doch Christian beginnt immer mehr den Verstand zu verlieren. Eines Tages trifft er im Wald den Fremden wieder, der sich aber bald als hässliches Weib entpuppt, das wieder die Tafel mit den magischen Schriftzeichen bereithält. Christian verschwindet in irgendwelchen Erdschächten, um dort "Schätze" zu bergen und gilt seither im Dorf als vermisst.

Nur einmal trifft ihn seine Frau Jahre später wieder: zerlumpt, bärtig und mit einem grünen Laubkranz um den Kopf. Er schleppt einen Sack Steine mit sich herum, von denen er glaubt, dass es "noch nicht polierte Juwelen" seien, deren "Feuer" noch im Innern schlummere. Mit einem Stein haut er ein paar Funken heraus und verschwindet wieder im Dickicht: Er müsse zurück zu seiner "Schönen, Gewaltigen", womit das hässliche Waldweib gemeint ist, mit dem er jetzt zusammenlebt.

Tieck warnt in seiner Erzählung, die vermutlich auch eigene Ängste und Sehnsüchte thematisiert, vor den dämonischen Aspekten heidnischer Naturreligion, die eine unvorbereitete Seele verhängnisvoll überfluten können. Christian hört in der Natur nur noch böse, aufstachelnde und seine Gier reizende Stimmen: Die wilden Zacken des "Runenberges" und der "Runenschrift" haben archaische Schichten seines Unterbewusstseins aufgerissen, die von Vernunft oder christlicher Moral nicht mehr gebändigt werden können.

So muss er der herandrängenden Psychose nachgeben und sich vollends in die Zauberwelt einpuppen, die der mysteriöse Berg in seiner Seele hervorgerufen hat.

Anders als in Eichendorffs "Marmorbild" regiert bei Tieck jedoch kein versöhnlicher und mit christlichen Heilsversprechungen aufwartender Schluss: Eigentlich bleibt es offen, ob der Autor eine Rückkehr seines Helden ins "fromme" Dorf befürwortet oder ob er ihm lieber zu seinem bizarren Waldweib folgen würde. Vielleicht verwandelt dieses sich ja wieder zurück in die schöne Frau und belohnt den Helden - wie Frau Venus den Tannhäuser - mit geheimnisvollen Abenteuern und erotischen Verführungen?

Tieck lässt sich Christian am Schluss der Geschichte "still" umdrehen und im Wald verschwinden: Hektik, Angst und Trauer sind aus ihm verschwunden. Er wirkt nicht wie ein bedrohlicher Amokläufer oder verzweifelter Selbstmordkandidat, sondern eher wie ein Satyr in sanftem Wahnsinn, der sich nun in seinem eigenen Kosmos eingerichtet hat.

 

 

 


 

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Atalante 3