Der Tempel von Dornach
  In seinem Buch "Wege zu einem neuen Baustil" nennt Rudolf Steiner das Goetheanum selbst einen Tempel: "In gewisser Beziehung sollen wir ja einen Tempel bauen, der zugleich etwa wie dies die alten Mysterienstätten waren, eine Lehrstätte ist." Um bestimmten Einwänden zuvorzukommen, zitieren wir gleich eine andere Stelle im selben Werk: "Eine Sekte, irgendeine Gemeinschaft, die diese oder jene Dogmen vertritt und verbreitet, wollen wir nicht sein."

Steiner stellt also ausdrücklich einen Bezug zu den Kultstätten älterer Religionen her, erläutert aber auch den Unterschied zu ihnen. Ein griechischer Tempel oder ein keltischer Hain waren noch nahezu menschenleer und nur von Licht und Luft durchflutet. Die christlichen Kirchen dagegen schotteten sich ganz von der Natur ab, um Innerlichkeit und Ich-Kraft des Menschen zu fördern. Ein zeitgemässer "Tempel" im Stile des Goetheanums muss beides miteinander verbinden und zwar im Stil moderner Architektur.

Damit konzentrierte Ich-Kraft und Naturverbundenheit zusammenkommen, fordert Steiner für das Goetheanum eine nach aussen hin transparente Form. Dies wird jedoch nicht - wie in fast allen anderen zeitgenössischen Bauten - durch Glas erzielt, sondern durch abgerundete Formen. Das Goetheanum, so sagt Steiner, soll Wände haben und doch auch nicht: Durch die runden, besser gesagt organischen Formen, ist der Besucher intensiver mit der ihn umgebenden Natur verbunden als durch Glaswände, die nur den Augensinn befriedigen. Über die organischen Formen aber kommuniziert man mit tieferen Naturebenen: nicht nur mit der "schönen" Aussenfassade, sondern mit den Wachstums- und Bildekräften, die bspw. im Inneren der Pflanzenwelt weben.
Das erste Goetheanum (Fotos) war noch ganz aus Holz gebaut, aber man verzichtete nach dessen Brand im Dezember 1922 auf einen Wiederaufbau im selben Material. Holz blieb beim zweiten - aus Beton gebauten - Gebäude gleichwohl ein häufig verwendeter Werkstoff, etwa bei Türen, Fenstern und in Innenräumen. Die Linien und Strukturen des Hauses, die Steiner selbst an vielen Architekturmodellen entwickelte, nannte er "lebendige Ätherformen", durch die höhere Weltkräfte sichtbar gemacht werden sollten:

"Belauschen wir die ätherischen Formen der Pflanzen und bilden wir sie nach in unseren Formen an den Wänden ... dann schaffen wir die Kehlköpfe, durch die die Götter zu uns sprechen können."

Dieser Satz kann durchaus als ein wichtiges "Glaubensbekenntnis" der Anthroposophen gelesen werden: eine geistige Zielrichtung, die sich nicht nur im Goethanum architektonisch versinnbildlicht, sondern auch in vielen Forschungszweigen weiter verfolgt wird. Interessanterweise spricht Steiner von "Göttern" und nicht von "Gott": Wie ist das angesichts seines Bekenntnisses zum Christentum zu verstehen? Die Anbetung von "Göttern" gehört doch laut Bibel zum überholten Götzendienst heidnischer Kulte und wurde längst durch den "Einen Gott" ersetzt?




Ketzer und Gralssucher   "Kosmisches Christentum"