| Ketzer
und Gralssucher |
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Doch die
unterdrückten Impulse eines mit Natur, Kosmos und Freiheitswillen
verbundenen Christentums tauchten für Steiner in den häretischen
Strömungen des 12. und 13. Jahrhunderts wieder auf: besonders in
den Gralssagen, die ungefähr
zeitgleich in Frankreich, England und Deutschland entstanden. Steiner
besuchte etwa die Burg des keltisch-christlichen Königs
Arthurs in Tintagel/ Cornwall und beschäftigte sich intensiv
mit der Parzival-Dichtung
des Wolfram von Eschenbach. Diese galt ihm als die bedeutendste Darstellung
eines "inneren Christentums"
neben dem allseits herrschenden "Kirchenchristentum". |
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Doch auch dieses "geistige Gold" wird korrumpiert. Abermals scheitert das Projekt eines von Rom unabhängigen Christentums und wird - wie auch Arianer, Katharer, Waldenser und andere "Ketzer" - in den Untergrund der abendländischen Geistesgeschichte verbannt. Die Gralsmythen wurden nie Bestandteil der christlichen Kirche und flackerten nur immer wieder unruhig in diversen subversiven Strömungen auf, als repräsentierten sie ein zu Unrecht Vergessenes und Verdrängtes. Steiner nennt sie "noch ungehobene Schätze des Geisteslebens", und bis heute arbeitet die Anthroposophie (wie etwa auch die Tiefenpsychologie in der Nachfolge C.G.Jungs) an ihrer Rehabilitierung. Ein organischer
Übergang zwischen der keltisch-germanischen Welt und dem Christentum
scheint gescheitert zu sein: für Rudolf Steiner ein fast tragisch
zu nennendes Ergebnis von Machtpolitik und materialistischen Bestrebungen,
da in seinen Augen die heidnischen Kulturen Mitteleuropas durchaus zu
christlicher Weiterentwicklung angelegt waren. Gründete Steiner die
anthroposophische Bewegung auch als Projekt zur Wiedergutmachung dieses
Scheiterns? Wir wollen uns diesem ungewöhnlichen Bauwerk einmal wie einem steingewordenen Sinnbild nähern und von dort aus weiter ergründen, inwieweit die Anthroposophie als eine zeitgemässe Synthese von "Heidenweisheit" und "Christus-Impuls" verstanden werden kann.
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