Ketzer und Gralssucher

 

Doch die unterdrückten Impulse eines mit Natur, Kosmos und Freiheitswillen verbundenen Christentums tauchten für Steiner in den häretischen Strömungen des 12. und 13. Jahrhunderts wieder auf: besonders in den Gralssagen, die ungefähr zeitgleich in Frankreich, England und Deutschland entstanden. Steiner besuchte etwa die Burg des keltisch-christlichen Königs Arthurs in Tintagel/ Cornwall und beschäftigte sich intensiv mit der Parzival-Dichtung des Wolfram von Eschenbach. Diese galt ihm als die bedeutendste Darstellung eines "inneren Christentums" neben dem allseits herrschenden "Kirchenchristentum".

Wie bereits der germanische "Siegfried", beschreibt auch "Parzival" für Steiner einen modernen Individuations- und Einweihungsweg. Sein Vater ist unbekannt, Bindungen an Sippen und Ahnen existieren nicht und er trennt sich von seiner Mutter, um einen eigenen Weg im Leben zu finden.


Zunächst stolpert er nur tölpelhaft von einer Dummheit zur anderen, bis allmählich ein selbstbewusstes und mitfühlendes Individuum aus ihm wird, das aus freien Stücken einen Glauben annehmen kann. Ihn, wie auch die Tafelrunde des keltischen Königs Arthur, nennt Steiner ein "geistiges Rittertum des Herzens", das eigentlich im frühen Mittelalter einen neuen Impuls für das spirituell abgewirtschaftete Europa bringen sollte.

Interessanterweise entsteht parallel zu diesen Dichtungen auch das "Nibelungenlied", in dem Steiner jedoch nur das tragische Dokument eines Übergangs, aber nichts Zukunftsweisendes sieht. Die "Nibelungen" verkörpern für ihn noch die alte Stufe der germanischen "Waldmenschheit" in ihren rohen Instinkten, die erst in der Erfüllung von Blutrache ihre letzte Befriedigung finden. Siegfried weise schon einen neuen Weg, scheitere aber an seiner durch das Gold aufgestachelten Hybris. Dieses gebe man zwar am Ende der "Nibelungen" wieder an die Fluten des Rheins zurück, habe aber nicht dessen Verwandlung zu "geistigem Gold" geschafft, was erst im Symbol des "Grals" gelänge.

Doch auch dieses "geistige Gold" wird korrumpiert. Abermals scheitert das Projekt eines von Rom unabhängigen Christentums und wird - wie auch Arianer, Katharer, Waldenser und andere "Ketzer" - in den Untergrund der abendländischen Geistesgeschichte verbannt. Die Gralsmythen wurden nie Bestandteil der christlichen Kirche und flackerten nur immer wieder unruhig in diversen subversiven Strömungen auf, als repräsentierten sie ein zu Unrecht Vergessenes und Verdrängtes. Steiner nennt sie "noch ungehobene Schätze des Geisteslebens", und bis heute arbeitet die Anthroposophie (wie etwa auch die Tiefenpsychologie in der Nachfolge C.G.Jungs) an ihrer Rehabilitierung.

Ein organischer Übergang zwischen der keltisch-germanischen Welt und dem Christentum scheint gescheitert zu sein: für Rudolf Steiner ein fast tragisch zu nennendes Ergebnis von Machtpolitik und materialistischen Bestrebungen, da in seinen Augen die heidnischen Kulturen Mitteleuropas durchaus zu christlicher Weiterentwicklung angelegt waren. Gründete Steiner die anthroposophische Bewegung auch als Projekt zur Wiedergutmachung dieses Scheiterns?

Immerhin geht - wie wir bereits andeuteten - seine Vorstellung von Christentum nicht auf Kosten älterer Mythenweisheiten, sondern beerbt und transformiert sie zu einer neuzeitlichen "Geisteswissenschaft", die auch Anregungen der modernen Naturwissenschaft aufnimmt. Steiner errichtete für die anthroposophische Bewegung in Dornach (Schweiz) ein Gebäude, das sogenannte "Goetheanum", das durchaus als eine Art moderne Tempel- und Mysterienstätte verstanden werden kann, wenn man mit diesen Begriffen nichts Abgehoben-Diffuses verbindet.

Wir wollen uns diesem ungewöhnlichen Bauwerk einmal wie einem steingewordenen Sinnbild nähern und von dort aus weiter ergründen, inwieweit die Anthroposophie als eine zeitgemässe Synthese von "Heidenweisheit" und "Christus-Impuls" verstanden werden kann.

 

Kaiser und Päpste   Der Tempel von Dornach