Kaiser und Päpste

 

Für Rudolf Steiner endet dieser arianische Sonderweg des Christentums mit dem Dominieren des germanischen Stammes der Franken. Mit der durch Papst Leo III. vollzogenen Kaiserkrönung Karls des Grossen (800 n.Chr.) treten Machtstreben und Materialismus in den Vordergrund und verknüpfen sich in unheilvoller Weise mit dem europäischen Christianisierungsprozess. Indem die fränkischen Könige den Papst vor den arianischen Langobarden schützen, erwerben sie sich dessen "Salbung" und fühlen sich nun selbst als Stellvertreter Gottes auf Erden.

Karl der Grosse unternimmt harte Missionskriege gegen die heidnischen Sachsen und deportiert Tausende von ihnen in entfernte Regionen seines Reiches. Seine rigide Fiskalpolitik nimmt
dem Volk einen Grossteil seiner Besitztümer weg und übergibt sie der Kirche, die dadurch reicher wird und nun auch rechtliche Gewalt bekommt. Ein machtvoller und vermögender Zentralismus entsteht (etwa in Bischofssitzen wie Paderborn und Erfurt) und der Gegensatz zwischen Grossgrundbesitzern und Hörigen wächst - laut Steiner einer der Gründe für die späteren Bauernkriege.


Auch Künstler nehmen diese Spannungen wahr und formulieren sie in ihren Werken, etwa der deutsche Minnesänger Walter von der Vogelweide (1170-1250). Rudolf Steiner zitiert ein Gedicht von ihm, in dem der Wunsch besungen wird, dereinst wieder Ehre, weltliches Gut und Gottgefallen "in einem Schrein" zusammenzuhaben, ohne dass eines davon "verdürbe". "Fried und Recht" - so Walter - seien momentan "todeswund", und ehe sie nicht gesunden würden, könnten auch die religiösen Dinge nicht gut gedeihen.

Die Klöster üben nicht nur spirituelle und rechtliche Macht aus, sondern haben auch das Bildungsmonopol inne. Zwar konzediert Steiner, dass von solchen Orten auch bedeutende geistige Leistungen ausgingen, aber er beklagt das Auseinanderklaffen von lateinischer Gelehrsamkeit mit dem Anliegen des einfachen Volkes. Dieses verkümmert immer mehr zu einer ungebildeten, entrechteten und verarmten Masse, aus der dann viele Besitzlose und Fahrende zur Teilnahme an den Kreuzzügen angeworben werden: für Steiner ein weiterer Tiefpunkt in der Geschichte des Christentums, der zwar auch arabische Kultur und Wissenschaft nach Mitteleuropa bringt, aber vor allem das unheilvolle Phänomen der Zwangsbekehrung weiterführt. Von der Toleranz des Arianismus scheinen die Verhältnisse nun weit entfernt zu sein.
 

Kreuz und Lebensbaum   Ketzer und Gralssucher