Kreuz und Lebensbaum


Der Anthroposoph Rudolf Kutzli entwickelte Steiners Bemerkungen zum Arianismus anhand konkreter kunstgeschichtlicher Untersuchungen weiter. In seinem Buch "Langobardische Kunst" zeigt er, wie wichtig dem Arianismus neben Toleranz und Individualität auch eine enge Verbundenheit mit den Kräften der Natur war, die im herkömmlichen Christentum eher eine untergeordnete Rolle spielte. Auch dies stellte eine Verbindung zu der früheren Religion der Germanen dar, die man nicht abzuschneiden, sondern organisch weiterzuentwickeln versuchte.

So weist Kutzli etwa auf den Reichtum von Pflanzenmotiven in der Kirchenkunst der Langobarden hin, die sich mit dem neuen Kreuzsymbol nicht nur vertragen, sondern es manchmal geradezu umweben oder von innen beleben: Zeichen einer quellenden Vitalität und Daseinsfreudigkeit, die nur wenig mit vergeistigter Askese oder dogmatischer Reglementierung zu tun hat. In manchen Ornamenten scheint sogar das altheidnische Symbol des Lebensbaumes eine Vermählung mit dem Kreuz eingegangen zu sein:


 
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Zuweilen finden sich auch Tierornamente (etwa Widder, Wolf, Einhorn) , wie man sie z.B. aus der Kunst der Wikinger kennt: ebenfalls Sinnbilder für das Wirken elementarer Naturkräfte, die der Mensch nicht einfach leugnen oder überspringen kann.


Die arianischen Langobarden hielten neben dem Christusglauben auch noch lange an heidnischen Jenseitsvorstellungen fest. Dies beweisen etwa Grabbeigaben wie Waffen und Speisen, aber auch aus Seide geflochtene Kreuze, die man in einem Baumsarg fand. Der Verstorbene fuhr zu den Toten in einem schiffsähnlichen, aus dem Material der "Weltesche" hergestellten Behältnis und hatte gleichzeitig das christliche Symbol von Leiden und Auferstehung bei sich: e
in in seiner Schlichtheit bewegender archäologischer Fund, der eine Plastik des modernen Bildhauers Joseph Beuys sein könnte, der sich übrigens mit ähnlichen Themen beschäftigte.
Hauptelement der langobardisch-arianischen Kunst war jedoch das Flechtbandornament, das diese zu wahrer Formvollendung brachte und das heute noch in zahlreichen Kirchen Italiens zu bestaunen ist. Diese rätselhaften Chiffren der Unendlichkeit sind übrigens nicht nur schön anzuschauen, sondern Kutzli empfiehlt, sie auch nachzuzeichnen, um den in ihnen materialisierten Geist besser nachzuvollziehen.

Kutzli deutet die unregelmässig wuchernde und vielfach variierte Linienführung als Bestreben, neue und individuelle Impulse in z.T. schon erstarrte Formen zu bringen: sozusagen Wellen des göttlichen Weltatems, die man vorher schon in Luft und Wasser gespürt hatte und die nun mit christlicher Symbolik zusammengebracht werden sollten. Sieht man sich Beispiele römisch-byzantinischer Künstler an, so spürt man deutlich den Unterschied: Hier ist vieles schon zum toten Ornament und äusserlichen Prunk erstarrt.


Demgegenüber zeigt eines der eindrucksvollsten langobardischen Werke, wie unerschöpflich, unberechenbar und spielerisch Geistiges aus dem Mund einer Gottheit über die Erde zu wuchern beginnt: Ist es ihr alter Gott Odin, der den Menschen die Sprache brachte und nun weiter neben Christus wirken darf oder ein neuer kosmischer Schöpfer, der aus sich gleichermassen vibrierende Strukturen von Pflanzen und Adlerflügeln entlässt?


   
 
 
 

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