"Götterdämmerung"

   
  Auch die Kelten und Germanen, die später die Megalithbauten für ihre Opfer- und Kultzeremonien nutzten, besassen für Steiner ein solch ausgeprägtes Wissen um die Kräfte hinter der sichtbaren Welt: Das Reich ihrer Götter und Symbole war für ihn Ergebnis von "Schauungen", nicht blosse Erfindung einer regen Volksphantasie.

In seinem Buch "Die Mission der einzelnen Volksseelen" hat Steiner sich recht ausführlich mit der germanischen Mythologie beschäftigt. Er sah in ihr keinen radikalen Gegensatz zum Christentum, sondern Anlagen, die einen organischen Übergang von heidnischer zu christlicher Spiritualität durchaus möglich gemacht hätten.


Für Steiner thematisieren die germanischen Mythen vor allem spannungsgeladene Übergangszustände der Evolution. Anders als die griechischen, hätten die germanischen Sagen nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft geschaut. Die Figur
des "Siegfried" z.B. antizipiere schon den freien, von Götterherrschaft befreiten Einzelmenschen, was auch bereits im Begriff der "Götterdämmerung" angelegt sei. Vor allem das Ende der "Edda" betone immer wieder, dass die alte Zeit abgelaufen und eine neue im Anbrechen sei: für Steiner die Ahnung des bevorstehenden Christus-Ereignisses.

Auch in der germanischen Sagenfigur des "Loki" sah er ein Moment der Bewegung, das es so in den abgeklärteren Mythen etwa der Griechen nicht gäbe: Loki, ein mephistoartiger Halbgott, streue Feuer, produktive Unruhe und die Glut der Empörung in die Beziehung zwischen Menschen und Göttern und befördere so emanzipatorische Bestrebungen und Loslösungen. Am Ende bringen seine Aktivitäten die Götterburg Walhall zum Einsturz.

Steiner unterstützte nicht die - schon zu seiner Zeit - von Neuheiden und Rechten propagierte Hasskampagne gegen das Christentum, das nur als aufgezwungener Gegensatz zur "heilen" Heidenwelt gesehen wurde. Gerade das in den germanischen Sagen immer wieder aufdämmernde Ichbewusstsein sei ein entscheidendes Bindeglied zu den Prozessen gewesen, die das Christentum in die Wege geleitet habe: Abtrennung des Menschen von der Bindung an Sippen, Ahnen und Götterentscheidungen und seine Befreiung zu selbständigem Denken, zum Erkennen von Individualität als eigentlichem Signum des "Göttlichen".

Nicht nur in "Siegfried" sah Steiner so etwas angelegt, sondern im tragischen Lebensgefühl vieler germanischer Helden, die selbst im Untergang noch ihre Seele aufrechtzuhalten versuchten. "Siegfried" scheitere zwar noch und werde von den "alten Kräften" niedergerungen, aber in ihm blitzten schon Zukunftsimpulse auf, die dann später etwa vom Gralshelden "Parzival" erfolgreicher fortgeführt würden.

Natürlich wusste Steiner auch um die Gewaltherrschaft, die die Kirche während langer Geschichtsperioden ausgeübt hatte, in denen eher Folter und Schwert als Freiheit und Individualität herrschten. Aber er sah in der heidnisch-christlichen Übergangsphase der ersten Jahrhunderte auch andere Bestrebungen in Europa, die organischere Entwicklungen im Auge gehabt hätten.

Ähnlich wie der in den keltischen Ländern vollzogene "sanfte" Wechsel von Druidentum zu Christentum (siehe "Von Callanish zu Christus") habe Ähnliches bei bestimmten germanischen Stämmen (Goten, Langobarden etc.) stattgefunden. Steiner meint hier den "Arianismus", eine Art germanischen Sonderweg des Christentums, der jedoch auch bald von der römischen Kirche ausgelöscht wurde.

 

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