"Druidensteine"

  Die ersten Zeugnisse europäischer Religion erblickte Steiner in den Megalithbauten Grossbritanniens, die er während mehrerer Vortragsreisen aufsuchte. Er nannte diese mit der Aura des Mysteriösen umgebenen Dolmen und Steinkreise "Druidensteine" oder "Sonnenzirkel". Obwohl ihre steinzeitlichen Erbauer noch keine Buchstabenschrift kannten, vermutete Steiner, dass sie die "kosmische Schrift" lesen konnten: Zusammenhänge von Sternenbahnen mit Tages- und Jahreszeiten, Wachstums- und Pflanzenkräften, die von "Priestergelehrten" genau beobachtet und für soziale Zwecke fruchtbar gemacht worden seien.


An der Art der Schatten, die die Sonne an den aufgerichteten Kultsteinen warf, hätten sie bspw. erkannt, wann der Weizen gesät oder der Zuchtstier durch die Herde geführt werden musste. Durch aufmerksame Beobachtung dessen, was "Frost"- und "Feuergeister" mit den Pflanzen machten, seien sie auf Techniken gekommen, um die in der Natur schlummernden Heilkräfte zu entbinden.

Die "Druidenpriester", wie Steiner diese archaischen Forscher nannte, hätten gerne das Dunkel von Ganggräbern oder Dolmenschatten aufgesucht, um sich - ungestört durch das physische Licht - ganz in die Kräfte der "inneren Sonne" zu versenken.


Steiner meint damit Fähigkeiten der Konzentration und Willensschärfung, die sich nicht nur vom äusseren Schein ablenken lassen, sondern dem inneren Leben der Natur nachzuspüren versuchen. Er nennt dies auch die "Schau der Sonne um Mitternacht": kein Aufgehen im goldenen Glanz des Tagesgestirns, sondern das Hindurchschauen durch Sonnenkraft und Sonnenbahn auf verborgenere kosmische Gesetze.

Dies ist für uns, die wir die Sonne nur noch als Gasball sehen, schwierig zu verstehen. Helfen mag die Erinnerung daran, dass alte Völker in ihr immer auch eine Gottheit erblickten (Apollo, Helios, Baldur, Ahura Mazda), deren Kräfte mehr konnten als nur physisch erwärmen. Vielleicht gemahnen Relikte unserer Sprache noch daran, wenn von "Erleuchtung" oder "Ausstrahlung" die Rede ist, wenn einem "etwas dämmert" oder "ein Licht aufgeht".

 

Unser moderner Verstand ist so erzogen, dass er darin nur noch äusserliche Analogien sehen mag: verhängnisvolles Erbe der cartesianischen Trennung von "res cogitans" (Denkender) und "res extensa" (Aussenwelt), die immer noch unser Denken bestimmt. Steiner jedoch glaubte, dass die alten Völker in allem Materiellen eine Chiffre für Geistiges wahrnahmen: Hinter dem Gasball der Sonne standen für sie - wie für ihn - gewaltige und von hoher Intelligenz durchwobene Kräfte, die dieses Gestirn überhaupt erst geschaffen hatten und durch es hindurch weiter zu den Menschen sprachen. In diese Kräfte konnte der "Druide" sehen und ihnen Weisungen für den Wohlerhalt seiner Sippe entnehmen. Der Blick ins Übersinnliche war - laut Steiner - kein "wolkenkuckucksheim Göttlich-Geistiges", sondern diente immer auch lebenspraktischen Zielen.
 

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