"Aufheben"

   
 

Für Rudolf Steiner (1861-1925), den Begründer der Anthroposophie, gehörte die Erscheinung von Jesus Christus zu den herausragenden Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Er sprach von dessen Taten und Leiden als "Christus-Impuls", der der Evolution in materialistisch verfinsterter Zeit neue Anregungen gegeben habe, ohne die sie nicht weitergekommen wäre.

Die wichtigste Neuerung des Christentums sah Steiner in der Loslösung des Menschen von alten Bluts- und Stammesbindungen, die es ihm ermöglichten, eine eigene Ich-Kraft zu entwickeln. Wenn Jesus zu seinen Jüngern sagt, sie müssten Vater und Mutter, Schwester und Brüder verlassen, um ihm zu folgen, spricht er so etwas an.


Ebenso revolutionär sei der in der Bergpredigt geäusserte Gedanke der "Feindesliebe" gewesen, der radikale Verzicht auf das Sippengesetz der Blutrache. Nächstenliebe kannten auch die "Heiden", aber Feindesliebe verlangt eine wesentlich höhere Objektivierungsleistung, die ihre Wertschätzung auf jeden Menschen ausdehnt. Der in Jesus Christus verkörperte neue Gott ist kein Stammesgott mehr, sondern ein universaler: Er lässt "seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte."

Für Steiner war zum Zeitpunkt der Erscheinung Christi die Gültigkeit der alten Naturreligionen abgelaufen. Ihre Beseelung von Flüssen, Steinen und Bäumen stand einer Beseelung des menschlichen Ichs im Wege und ihre Anbetung von statischen Sonnen- und Mondabläufen dem Prinzip geistiger Entwicklung. Die heidnischen Religionen waren zu sehr den Gesetzen des Blutes und der kosmischen Zyklen unterworfen, um Freiräume für die Ausgestaltung des Individuums zuzulassen. In der Figur des Jesus Christus war für Steiner das Göttliche aus kosmisch-unnahbaren Fernen auf die Erde hinabgestiegen, um in Gestalt eines mitleidenden Geschöpfes den Menschen zu signalisieren, dass sie nun selber "Tempel" für die Erkenntnis des Übersinnlichen würden. Es sei nun an der Zeit, transzendente Erfahrungen durch eigene Gedankenkraft zu machen, ohne Mithilfe der in den alten Mysterien üblichen Rituale und geistigen Lehrer.

Trotz solcher Divergenzen wurde Steiner jedoch nie zum Gegner von ausser- oder vorchristlichen Religionsformen. Er hegte nicht nur zeitlebens eine tiefe Bewunderung für die Mythologie der alten Inder, Ägypter oder Griechen, sondern interessierte sich auch für die religiöse Welt der Megalithvölker, Kelten und Germanen. In ihnen sah er ein wichtiges Erbe aus der Vorgeschichte Mitteleuropas, aus dem man immer noch spirituelle Anregungen schöpfen könne, auch wenn die Zeit dieser Kulturen eigentlich abgelaufen sei.

Ein Christentum im Sinne Rudolf Steiners konnte nicht aus der Dämonisierung dieser "Heidenweisheit" bestehen, sondern wollte diese beerben und weiterentwickeln. Die Hegelsche Dialektik kennt eine schöne dreifache Definition des Wortes "aufheben": Gutes bewahren, Verbrauchtes höherentwickeln und Unzeitgemässes zum Verschwinden bringen. Vielleicht kann man sich so das Verhältnis von Christentum und Heidentum im Sinne Steiners vorstellen.

Die gewalttätige Machtpolitik der Franken oder der römischen Päpste war für ihn undiskutabel und er hielt deren Zwangsbekehrungen für Verhinderungen von organischen Entwicklungsversuchen, deren Realisierung vermutlich ein anderes Geistesleben in Europa zur Folge gehabt hätte. Vielleicht sah Steiner sogar die von ihm entwickelte Anthroposophie als ein Stück Wiedergutmachung dieser Schäden an. Nicht umsonst tauchen in seinen Schriften und in denen seiner Nachfolger die vorchristlichen Mythen bemerkenswert oft auf und werden mit grösstem Interesse behandelt. Sie gehören auch zum Unterrichtsstoff der von Steiner gegründeten Waldorf-Schulen.

 

 

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