"Kosmisches Christentum"    

Mit "Göttern" meint Steiner nicht das Arsenal der alten polytheistischen Religionen (Zeus, Wotan, Jupiter etc.), sondern schöpferisch-regulative Kräfte, die Natur und Weltall durchweben und verantwortlich für Evolution, Wachstum und Formenvielfalt sind. Er leugnet damit nicht die durch das Mikroskop zu beobachtenden biochemischen Prozesse, aber sieht ihnen nur die Aussenseite für eigentlich geistige Vorgänge. Diese weben im Inneren eines Kristalls und eines Samenkorns genauso wie beim Wachstum eines Embryos, beim Zerfall einer Sonne oder in unseren Denkprozessen.

Steiners "kosmisches Christentum" möchte an diese subtile Welt hinter der sichtbaren Naturkulisse erinnern und knüpft damit durchaus auch an vorchristliche Religionen an. Diese hatten ein tieferes Gespür für das Geistig-Beseelte der Natur als das Christentum, das sich zunächst einmal von solchen Sichtweisen trennen musste. Insofern beerbt Anthroposophie auch ein Stück "Heidenweisheit", aber nicht mithilfe archaischer Kultpraktiken oder Priesterverkündigungen, sondern durch Aktivierung wachen Denkens und Beobachtens, wodurch Errungenschaften der Aufklärung bewahrt bleiben. Insofern irrt jeder, der in Steiner einen nebulösen Okkultisten oder Verklärer regressiver Atavismen sieht.

Das "Goetheanum" soll nicht nur "Mysterien-", sondern ebenso "Lehrstätte" sein: Es enthält u.a. auch zahlreiche Forschungssektionen, in denen anthroposophische Geologen, Biologen, Chemiker, Physiker und Mediziner die materialistische Sicht auf Natur erweitern, indem sie Form- und Wachstumsprozesse als organisch-lebendige Vorgänge analysieren, in denen sich Geistiges entfaltet. Ein solches "Lesen im Buch der Natur" führt nicht nur mythologische Sichtweisen weiter, sondern knüpft auch etwa an die Naturphilosophie der deutschen Romantik (Novalis, Goethe, Schelling etc.) an. Für diese Perspektive sind nicht nur rationale, sondern auch künstlerische und intuitive Fähigkeiten nötig - ebenso wie im Unterricht der Waldorf-Schulen, der solche Erkenntnismethoden an junge Menschen weiterleitet.

Wenn der Chemielehrer dort Vorgänge in der Retorte als "kleine Dramen" bezeichnet oder das Wesen des Phosphors anhand seines antiken Namens ("Lichtträger") erklärt, so ist er nahe am Geist alter Mythen, ohne moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu vernachlässigen. Ebenso in seiner qualitativen Schau auf die Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer, die den Schülern als lebendige Wesenheiten und nicht nur als trockene Formeln vorgestellt werden. Ähnliches geschieht im Biologieunterricht, wo Pflanzen und Tiere mehr sind als Vertreter abstrakter Gattungen oder Ergebnisse mechanisch-molekularer Abläufe. Mathematik und Physik erweitern ihren Horizont, indem auch qualitative Deutungen von Zahlen und geometrischen Figuren miteinbezogen werden, wie sie noch im 17. Jahrhundert verbreitet waren. Der Astronom Kepler etwa nutzte nicht nur Methoden der modernen Mathematik, sondern sprach auch vom Kreis als "sichtbarem Ausdruck des Göttlichen" oder von den Planetenbahnen als musikähnlicher "Sphärenharmonie". Solches im Unterricht zu erfahren, lässt Heranwachsende Natur auch spirituell und emotional erfahren, was zu mehr Respekt vor dem Lebendigen führen kann. Auch anthroposophische Landwirtschaft und Medizin greifen Anregungen Steiners auf und führten sie weiter: Ökologischer Anbau und alternative Heilkunde wären ohne seine vielfältigen Impulse nicht zu dem geworden, was sie für uns heute bedeuten.

Neben einer solchen qualitativen Naturphilosophie knüpft die Anthroposophie auch durch das Feiern ihrer Jahresfeste an "heidnische" Religionsformen an, die jedoch zu einem christlichen Verständnis hin vertieft werden sollen. So sieht man das Weihnachtsfest durchaus in Bezug zur Wintersonnenwende, die bereits für Kelten und Germanen von grosser Bedeutung war. Auch sie verspürten in der wieder zur Erde zurückkehrenden Sonne mehr als nur ein Materielles. Das langsame Näherkommen des mächtigen Gestirns bedeutete nicht nur physische Erwärmung, sondern Freude, Steigerung der Vitalkräfte, äusseres und inneres "Aufblühen". Insofern das heidnische Fest in "Licht" und "Sonne" ein Geistiges sah, war es bereits ein Vorläufer der christlichen Weihnacht, in der jedoch noch eine zusätzliche Bedeutungsebene hinzukommt. Mit der Geburt Christi erscheint für die Anthroposophen eine neue Lichtqualität, die es vorher noch nicht gab: eine "Sonnenkraft", die nichts mehr mit Gestirnen und Naturzyklen zu tun hat, sondern rein im Inneren des Menschen wirkt. Aus ihr speisen sich etwa die christlichen Fähigkeiten zu Mitleid, Versöhnung und "Feindesliebe" - eine Steigerung von "Herzenskräften", die der auf Blutrache fixierte "Heide" noch nicht kannte. Vor allem einige alte deutsche Weihnachtslieder scheinen noch so eine Verbindung von Naturbildern und christlichen Imaginationen zu kennen, etwa wenn eine Rose "mitten im kalten Winter" zu blühen beginnt ("Es ist ein Ros entsprungen") oder ein kalter, zugefrorener See effektvoll mit dem Erscheinen des "Christkindes" kontrastiert wird ("Leise rieselt der Schnee"). Dies sind noch Töne eines archaischen, naturverbundenen Christentums mit mystischen Zügen, das ganz andere Saiten im Menschen betont als etwa das amerikanische (und rein diesseitige) "Jingle Bells". Auch das anthroposophische Osterfest kennt die Einbeziehung der Natur und ihrer verschiedenen Rhythmen im Jahreslauf. So steht Christi Auferstehung nicht im Gegensatz zum Aufblühen der österlichen Pflanzenwelt, sondern vergeistigt den Begriff des "Wachsens" und "Erwachens" in eine umfassendere als nur rein vegetabile Dimension. Was damit gemeint ist, mögen etwa die Bezeichnungen der Mystikerin Hildegard von Bingen veranschaulichen, die von der "milden Grüne" Jesu Christi spricht, von seinem "grünen Finger" oder "grünen Lichtquell aus dem Herzen des Vaters". Das Wort "Viriditas" (Grünkraft) war für die Bingen ein zentraler Begriff, der Naturwachstum, leiblich-seelische Gesundungsprozesse, geistige Vitalität und Gewissensimpulse umfasste: eine spirituelle Totalität von physischen, seelischen, geistigen und moralischen Elementen der Schöpfung, die der "Heide" noch in eine Vielzahl von Göttern auseinanderdividieren musste. Steiner dachte in diesem Punkt ähnlich und verehrte die mystischen Traditionen des Christentums (Hildegard von Bingen, Angelus Silesius, Jakob Böhme etc.) mehr als die dogmatischen Verwalter der Amtskirche.

Anders als diese erblickte Steiner auch im Reinkarnationsgedanken ein wichtiges Element für ein "kosmisches Christentum", womit er gleichfalls an ältere Mythen anknüpfte. Der entscheidende Unterschied zu diesen ist jedoch Steiners Betonung des Weiterlebens einer individuellen Seele, während in früheren Kulturen das Ich nur Teil des Ahnenstromes war, der sich nach dem Tode in neuen Exemplaren fortsetzte. Während das Christentum die Reinkarnation ganz aus ihrem Lehrgebäude verbannte, hielt Steiner am prinzipiellen Gedanken einer vorgeburtlichen und nachtodlichen Existenz fest, der ihm keine Sache des Glaubens, sondern des logischen Denkens zu sein schien:

"Als physischer Mensch stamme ich von anderen physischen Menschen ab ... Als geistiger Mensch habe ich meine eigene Gestalt, wie ich meine eigene Biographie habe. Ich kann also diese Gestalt von niemand anderem haben als von mir selbst. Und da ich nicht mit unbestimmten, sondern mit bestimmten Anlagen in die Welt eingetreten bin, da durch diese Anlagen mein Lebensweg, wie er in der Biographie zum Ausdruck kommt, bestimmt ist, so kann meine Arbeit an mir nicht bei meiner Geburt begonnen haben. Ich muss als geistiger Mensch vor meiner Geburt vorhanden gewesen sein."

Nach der Auffassung von Rudolf Steiner inkarniert sich dieselbe Individualität in verschiedenen Leibern immer wieder neu, um all die Erfahrungen machen zu können, für die ein Erdenleben nicht ausreicht. Dabei wechseln auch Geschlecht und Kulturzugehörigkeit: eine spezielle Deutung, die
für manche Anthroposophen Steiner von den Rassismusvorwürfen befreit, die wegen bestimmter Formulierungen gegen ihn erhoben wurden. Ob diese "Entschuldigung" reicht, diskutieren wir hier.

Ein weiterer Verbindungspunkt der Anthroposophie zur "Heidenweisheit" ist ihre Interpretation des "Bösen", die grundlegend anders argumentiert als die christliche Dämonologie. "Gut" und "Böse", "Götter" und "Dämonen" stehen für Steiner - wie für viele alte Mythen - in einem weitaus komplexeren Verhältnis, als es der platte Dualismus der Kirche über Jahrhunderte vorschrieb. Besonders anschaulich drückt dies eine Holzskulptur aus, die Steiner für das "Goetheanum" entwarf und die "Christus" inmitten der mythologischen Wesenheiten von "Ahriman" (links) und "Luzifer" (rechts) zeigt.

Beide verkörpern Widersacherkräfte, die jedoch - in gewissem Masse - durchaus wichtig für die Entwicklung von Welt und Mensch sind. Der aus der persischen Mythologie entnommene "Ahriman" steht für die Verhaftung mit Erde und Materie, die bspw. für die Entwicklung der modernen Technik und Naturwissenschaft nötig war, aber im Übermass auch zu Erstarrung, Verhärtung und Materialismus führen kann. "Luzifer", den die Griechen als "Prometheus" und die Germanen als "Loki" kannten, repräsentiert das Element von Feuer und Leidenschaft, das als kreative und revolutionäre Potenz zum Menschen dazugehört, aber auch Überhitzung und Grössenwahn bewirken vermag. "Christus" in der Mitte bekämpft diese Kräfte nicht, sondern schaut auf Mass und Ausgleich: ein nichtdualistisches Konzept des Christlichen, das in seiner Vielschichtigkeit und Beweglichkeit wohl kaum zu den Gewaltakten geführt hätte, die das Schuldenkonto der Kirche bis heute belasten. Der Gerechtigkeit halber sei angemerkt, dass auch Anthroposophen oft nicht der Versuchung platter Feindbilder widerstehen können. Manchmal werden unliebsame Dinge (Computer, Amerika, Pop-Kultur, Alkohol, Fernsehen, Sexualität etc.) einfach mit Begriffen wie "ahrimanisch" oder "luziferisch" dämonisiert und ausgegrenzt: eine aus Angst und Denkfaulheit resultierende Verflachung Steinerschen Denkens, die man so bei ihm nicht findet.

Anthroposophie - so fassen wir zusammen - wird von vielen Steiner-Anhängern auch als Wiedergutmachung einer einseitigen und oft zwanghaften Christianisierung in Mitteleuropa verstanden. Ihr Entwurf eines "kosmischen Christentums" ist bestrebt, ausgegrenzte Qualitäten "heidnischer" oder "häretischer" Weltbilder wieder zu integrieren, Mysterienweisheiten vergangener Epochen mit dem emanzipatorischen Freiheitsimpuls der Christus-Offenbarung zu vereinigen. Dazu gehören ein qualitatives Verständnis der Natur mitsamt seinen ökologischen und heilkundlichen Konsequenzen ebenso wie "imaginatives Denken" oder die Lehre der vorgeburtlichen und nachtodlichen Existenz. Auch wenn Anthroposophie in einzelnen Bereichen und Vertretern durchaus kritikwürdig bleibt, so stellt sie doch eine der herausragenden zeitgenössischen Denkpositionen da. Ihre Anregungen und Vermittlungsversuche sind vor allem wichtig in einer Zeit, in der die Diskrepanz von Wissenschaft und Religion, Rationalität und Spiritualität, Moderne und Tradition täglich grösser und unüberbrückbarer zu werden scheint.



LITERATURAUSWAHL:

Rudolf Steiners Äusserungen zur Christianisierung Mitteleuropas, Kelten, Germanen sowie dem "Nibelungen"- und "Parzival"-Epos sind über mehrere Bände seiner Gesamtausgaben verstreut (etwa GA 51, 292, 190). Zu den Megalithstätten Englands äussert er sich vor allem in GA 223 und 350. Bemerkungen zur germanischen Mythologie als Vorläufer des Christentums finden sich in: "Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie" (Dornach 1983)
Wichtige Werke zu Steiners Christologie sind "
Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums" (Dornach 1989) sowie "Christologie" (Themen aus dem Gesamtwerk Bd.14), hrsg. von Heten Wilkens, Stuttgart 1986

Interessante Untersuchungen zum "Arianismus":
Rudolf Kutzli: Langobardische Kunst, Stuttgart 1974
Winfried Menghin: Die Langobarden - Archäologie und Geschichte, Stuttgart 1985
James C.Russell: The Germanization of Early Medieval Christianity, Oxford University Press 1994
Markus Osterrieder: Sonnenkreuz und Lebensbaum. Irland, der Schwarzmeer-Raum und die Christianisierung der europäischen Mitte, Stuttgart 1995
Kurt Dietrich Schmidt: Die Bekehrung der Ostgermanen zum Christentum (Der ostgermanische Arianismus), Bd.1 des Werkes "Die Bekehrung der Germanen zum Christentum", Göttingen 1939-42

Friedrich Kauffmann: Der Stil der gotischen Bibel (Zeitschrift für deutsche Philologie, 1920, Bd.48 und 49)

Die grundlegende, wenn auch hagiographisch getönte Steiner-Biographie (auch Einführung ins Werk) stammt von Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie (2 Bände, Stuttgart 1997)

Eine erste umfassene historisch-kritische Aufarbeitung der Anthroposophie unternahm jüngst der Berliner Historiker Helmut Zander in seinem 2000 Seiten-Werk "Anthroposophie in Deutschland", wo Steiner in den Kontext seiner Zeit gestellt wird. Um dieses Buch wird in Zukunft keiner herumkommen, der sich ernsthaft mit der Anthroposophie beschäftigt. Auch wenn man nicht alle Einschätzungen des Autors teilt, bietet es nicht nur eine Fülle von neuem Material, sondern schärft auch den Blick für die zentralen Fragen rund um Steiners "Geisteswissenschaft": Was ist eigentlich Steiners besonderes Denken? Woraus bestand seine Kreativität und seine behauptete Hellsichtigkeit? Hat die inneranthroposophische Mythenbildung ihn nicht in ein unangreifbares Jenseits gerückt, von wo aus kaum mehr Dialog und Kommunikation mit der Gesellschaft möglich sind?


 

Der Tempel von Dornach   Atalante 5