| "Kosmisches Christentum" |
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Mit "Göttern"
meint Steiner nicht das Arsenal der alten polytheistischen
Religionen (Zeus, Wotan, Jupiter etc.), sondern
schöpferisch-regulative Kräfte, die Natur und Weltall
durchweben und verantwortlich für Evolution, Wachstum und Formenvielfalt
sind. Er leugnet damit nicht die durch das Mikroskop zu beobachtenden
biochemischen Prozesse, aber sieht ihnen nur die Aussenseite für
eigentlich geistige Vorgänge. Diese
weben im Inneren eines Kristalls und eines Samenkorns genauso wie beim
Wachstum eines Embryos, beim Zerfall einer Sonne oder in unseren Denkprozessen. Das "Goetheanum" soll nicht nur "Mysterien-", sondern ebenso "Lehrstätte" sein: Es enthält u.a. auch zahlreiche Forschungssektionen, in denen anthroposophische Geologen, Biologen, Chemiker, Physiker und Mediziner die materialistische Sicht auf Natur erweitern, indem sie Form- und Wachstumsprozesse als organisch-lebendige Vorgänge analysieren, in denen sich Geistiges entfaltet. Ein solches "Lesen im Buch der Natur" führt nicht nur mythologische Sichtweisen weiter, sondern knüpft auch etwa an die Naturphilosophie der deutschen Romantik (Novalis, Goethe, Schelling etc.) an. Für diese Perspektive sind nicht nur rationale, sondern auch künstlerische und intuitive Fähigkeiten nötig - ebenso wie im Unterricht der Waldorf-Schulen, der solche Erkenntnismethoden an junge Menschen weiterleitet. Wenn der Chemielehrer dort Vorgänge in der Retorte als "kleine Dramen" bezeichnet oder das Wesen des Phosphors anhand seines antiken Namens ("Lichtträger") erklärt, so ist er nahe am Geist alter Mythen, ohne moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu vernachlässigen. Ebenso in seiner qualitativen Schau auf die Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer, die den Schülern als lebendige Wesenheiten und nicht nur als trockene Formeln vorgestellt werden. Ähnliches geschieht im Biologieunterricht, wo Pflanzen und Tiere mehr sind als Vertreter abstrakter Gattungen oder Ergebnisse mechanisch-molekularer Abläufe. Mathematik und Physik erweitern ihren Horizont, indem auch qualitative Deutungen von Zahlen und geometrischen Figuren miteinbezogen werden, wie sie noch im 17. Jahrhundert verbreitet waren. Der Astronom Kepler etwa nutzte nicht nur Methoden der modernen Mathematik, sondern sprach auch vom Kreis als "sichtbarem Ausdruck des Göttlichen" oder von den Planetenbahnen als musikähnlicher "Sphärenharmonie". Solches im Unterricht zu erfahren, lässt Heranwachsende Natur auch spirituell und emotional erfahren, was zu mehr Respekt vor dem Lebendigen führen kann. Auch anthroposophische Landwirtschaft und Medizin greifen Anregungen Steiners auf und führten sie weiter: Ökologischer Anbau und alternative Heilkunde wären ohne seine vielfältigen Impulse nicht zu dem geworden, was sie für uns heute bedeuten. Neben einer solchen qualitativen Naturphilosophie knüpft die Anthroposophie auch durch das Feiern ihrer Jahresfeste an "heidnische" Religionsformen an, die jedoch zu einem christlichen Verständnis hin vertieft werden sollen. So sieht man das Weihnachtsfest durchaus in Bezug zur Wintersonnenwende, die bereits für Kelten und Germanen von grosser Bedeutung war. Auch sie verspürten in der wieder zur Erde zurückkehrenden Sonne mehr als nur ein Materielles. Das langsame Näherkommen des mächtigen Gestirns bedeutete nicht nur physische Erwärmung, sondern Freude, Steigerung der Vitalkräfte, äusseres und inneres "Aufblühen". Insofern das heidnische Fest in "Licht" und "Sonne" ein Geistiges sah, war es bereits ein Vorläufer der christlichen Weihnacht, in der jedoch noch eine zusätzliche Bedeutungsebene hinzukommt. Mit der Geburt Christi erscheint für die Anthroposophen eine neue Lichtqualität, die es vorher noch nicht gab: eine "Sonnenkraft", die nichts mehr mit Gestirnen und Naturzyklen zu tun hat, sondern rein im Inneren des Menschen wirkt. Aus ihr speisen sich etwa die christlichen Fähigkeiten zu Mitleid, Versöhnung und "Feindesliebe" - eine Steigerung von "Herzenskräften", die der auf Blutrache fixierte "Heide" noch nicht kannte. Vor allem einige alte deutsche Weihnachtslieder scheinen noch so eine Verbindung von Naturbildern und christlichen Imaginationen zu kennen, etwa wenn eine Rose "mitten im kalten Winter" zu blühen beginnt ("Es ist ein Ros entsprungen") oder ein kalter, zugefrorener See effektvoll mit dem Erscheinen des "Christkindes" kontrastiert wird ("Leise rieselt der Schnee"). Dies sind noch Töne eines archaischen, naturverbundenen Christentums mit mystischen Zügen, das ganz andere Saiten im Menschen betont als etwa das amerikanische (und rein diesseitige) "Jingle Bells". Auch das anthroposophische Osterfest kennt die Einbeziehung der Natur und ihrer verschiedenen Rhythmen im Jahreslauf. So steht Christi Auferstehung nicht im Gegensatz zum Aufblühen der österlichen Pflanzenwelt, sondern vergeistigt den Begriff des "Wachsens" und "Erwachens" in eine umfassendere als nur rein vegetabile Dimension. Was damit gemeint ist, mögen etwa die Bezeichnungen der Mystikerin Hildegard von Bingen veranschaulichen, die von der "milden Grüne" Jesu Christi spricht, von seinem "grünen Finger" oder "grünen Lichtquell aus dem Herzen des Vaters". Das Wort "Viriditas" (Grünkraft) war für die Bingen ein zentraler Begriff, der Naturwachstum, leiblich-seelische Gesundungsprozesse, geistige Vitalität und Gewissensimpulse umfasste: eine spirituelle Totalität von physischen, seelischen, geistigen und moralischen Elementen der Schöpfung, die der "Heide" noch in eine Vielzahl von Göttern auseinanderdividieren musste. Steiner dachte in diesem Punkt ähnlich und verehrte die mystischen Traditionen des Christentums (Hildegard von Bingen, Angelus Silesius, Jakob Böhme etc.) mehr als die dogmatischen Verwalter der Amtskirche. Anders als diese erblickte Steiner auch im Reinkarnationsgedanken ein wichtiges Element für ein "kosmisches Christentum", womit er gleichfalls an ältere Mythen anknüpfte. Der entscheidende Unterschied zu diesen ist jedoch Steiners Betonung des Weiterlebens einer individuellen Seele, während in früheren Kulturen das Ich nur Teil des Ahnenstromes war, der sich nach dem Tode in neuen Exemplaren fortsetzte. Während das Christentum die Reinkarnation ganz aus ihrem Lehrgebäude verbannte, hielt Steiner am prinzipiellen Gedanken einer vorgeburtlichen und nachtodlichen Existenz fest, der ihm keine Sache des Glaubens, sondern des logischen Denkens zu sein schien: "Als
physischer Mensch stamme ich von anderen physischen Menschen ab ... Als
geistiger Mensch habe ich meine eigene Gestalt, wie ich meine eigene Biographie
habe. Ich kann also diese Gestalt von niemand anderem haben als von mir
selbst. Und da ich nicht mit unbestimmten, sondern mit bestimmten Anlagen
in die Welt eingetreten bin, da durch diese Anlagen mein Lebensweg, wie
er in der Biographie zum Ausdruck kommt, bestimmt ist, so kann meine Arbeit
an mir nicht bei meiner Geburt begonnen haben. Ich muss als geistiger
Mensch vor meiner Geburt vorhanden gewesen sein." |
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Beide verkörpern Widersacherkräfte, die jedoch - in gewissem Masse - durchaus wichtig für die Entwicklung von Welt und Mensch sind. Der aus der persischen Mythologie entnommene "Ahriman" steht für die Verhaftung mit Erde und Materie, die bspw. für die Entwicklung der modernen Technik und Naturwissenschaft nötig war, aber im Übermass auch zu Erstarrung, Verhärtung und Materialismus führen kann. "Luzifer", den die Griechen als "Prometheus" und die Germanen als "Loki" kannten, repräsentiert das Element von Feuer und Leidenschaft, das als kreative und revolutionäre Potenz zum Menschen dazugehört, aber auch Überhitzung und Grössenwahn bewirken vermag. "Christus" in der Mitte bekämpft diese Kräfte nicht, sondern schaut auf Mass und Ausgleich: ein nichtdualistisches Konzept des Christlichen, das in seiner Vielschichtigkeit und Beweglichkeit wohl kaum zu den Gewaltakten geführt hätte, die das Schuldenkonto der Kirche bis heute belasten. Der Gerechtigkeit halber sei angemerkt, dass auch Anthroposophen oft nicht der Versuchung platter Feindbilder widerstehen können. Manchmal werden unliebsame Dinge (Computer, Amerika, Pop-Kultur, Alkohol, Fernsehen, Sexualität etc.) einfach mit Begriffen wie "ahrimanisch" oder "luziferisch" dämonisiert und ausgegrenzt: eine aus Angst und Denkfaulheit resultierende Verflachung Steinerschen Denkens, die man so bei ihm nicht findet. Anthroposophie
- so fassen wir zusammen - ist also tatsächlich u.a. auch als Wiedergutmachung
einer einseitigen und oft zwanghaften Christianisierung in Mitteleuropa
zu verstehen. Ihr Entwurf eines "kosmischen Christentums" ist
bestrebt, ausgegrenzte Qualitäten "heidnischer" oder "häretischer"
Weltbilder wieder zu integrieren, Mysterienweisheiten vergangener Epochen
mit dem emanzipatorischen Freiheitsimpuls der Christus-Offenbarung zu
vereinigen. Dazu gehören ein qualitatives Verständnis der Natur
mitsamt seinen ökologischen und heilkundlichen Konsequenzen ebenso
wie "imaginatives Denken" oder die Lehre der vorgeburtlichen
und nachtodlichen Existenz. Auch wenn Anthroposophie in einzelnen Bereichen
und Vertretern durchaus kritikwürdig bleibt, so stellt sie doch eine
der herausragenden zeitgenössischen Denkpositionen da. Ihre Anregungen
und Vermittlungsversuche sind vor allem wichtig in einer Zeit, in der
die Diskrepanz von Wissenschaft und Religion, Rationalität und Spiritualität,
Moderne und Tradition täglich grösser und unüberbrückbarer
zu werden scheint. Rudolf
Steiners Äusserungen zur Christianisierung Mitteleuropas, Kelten,
Germanen sowie dem "Nibelungen"- und "Parzival"-Epos
sind über mehrere Bände seiner Gesamtausgaben verstreut (etwa
GA 51, 292, 190). Zu den Megalithstätten Englands äussert er
sich vor allem in GA 223 und 350. Bemerkungen zur germanischen Mythologie
als Vorläufer des Christentums finden sich in: "Die
Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen
Mythologie" (Dornach 1983) Interessante
Untersuchungen zum "Arianismus": Die grundlegende, wenn auch hagiographisch getönte Steiner-Biographie (auch Einführung ins Werk) stammt von Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie (2 Bände, Stuttgart 1997) Eine erste umfassene historisch-kritische Aufarbeitung der Anthroposophie unternahm jüngst der Berliner Historiker Helmut Zander in seinem 2000 Seiten-Werk "Anthroposophie in Deutschland", wo Steiner in den Kontext seiner Zeit gestellt wird. Um dieses Buch wird in Zukunft keiner herumkommen, der sich ernsthaft mit der Anthroposophie beschäftigt. Auch wenn man nicht alle Einschätzungen des Autors teilt, bietet es nicht nur eine Fülle von neuem Material, sondern schärft auch den Blick für die zentralen Fragen rund um Steiners "Geisteswissenschaft": Was ist eigentlich Steiners besonderes Denken? Woraus bestand seine Kreativität und seine behauptete Hellsichtigkeit? Hat die inneranthroposophische Mythenbildung ihn nicht in ein unangreifbares Jenseits gerückt, von wo aus kaum mehr Dialog und Kommunikation mit der Gesellschaft möglich sind?
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| Der Tempel von Dornach | Atalante 5 |