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"Heidenweisheit"
und "Christus-Impuls"
Rudolf
Steiner über die Christianisierung Mitteleuropas
von
Rüdiger Sünner
Vorwort
Für Rudolf Steiner (1861-1925), den Begründer der Anthroposophie,
gehörte die Erscheinung von Jesus Christus zu den herausragenden
Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Er sprach von dessen Taten und
Leiden als "Christus-Impuls", der der Evolution in materialistisch
verfinsterter Zeit neue Anregungen gegeben habe, ohne die sie nicht
weitergekommen wäre. Die wichtigste Neuerung des Christentums sah
Steiner in der Loslösung des Menschen von alten Bluts- und Stammesbindungen,
die es ihm ermöglichten, eine eigene Ich-Kraft zu entwickeln. Wenn
Jesus zu seinen Jüngern sagt, sie müssten Vater und Mutter,
Schwester und Brüder verlassen, um ihm zu folgen, spricht er so
etwas an. Ebenso revolutionär sei der in der Bergpredigt geäusserte
Gedanke der "Feindesliebe" gewesen, der radikale Verzicht
auf das Sippengesetz der Blutrache. Nächstenliebe kannten auch
die "Heiden", aber Feindesliebe verlangt eine wesentlich höhere
Objektivierungsleistung, die ihre Wertschätzung auf jeden Menschen
ausdehnt. Der in Jesus Christus verkörperte neue Gott ist kein
Stammesgott mehr, sondern ein universaler: Er lässt "seine
Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über
Gerechte und Ungerechte."
Für Steiner war zum Zeitpunkt der Erscheinung Christi die Gültigkeit
der alten Naturreligionen abgelaufen. Ihre Beseelung von Flüssen,
Steinen und Bäumen stand einer Beseelung des menschlichen Ichs
im Wege und ihre Anbetung von statischen Sonnen- und Mondabläufen
dem Prinzip geistiger Entwicklung. Die heidnischen Religionen waren
zu sehr den Gesetzen des Blutes und der kosmischen Zyklen unterworfen,
um Freiräume für die Ausgestaltung des Individuums zuzulassen.
In der Figur des Jesus Christus war für Steiner das Göttliche
aus kosmisch-unnahbaren Fernen auf die Erde hinabgestiegen, um in Gestalt
eines mitleidenden Geschöpfes den Menschen zu signalisieren, dass
sie nun selber "Tempel" für die Erkenntnis des Übersinnlichen
würden. Es sei nun an der Zeit, transzendente Erfahrungen durch
eigene Gedankenkraft zu machen, ohne Mithilfe der in den alten Mysterien
üblichen Rituale und geistigen Lehrer.
Trotz solcher Divergenzen wurde Steiner jedoch nie zum Gegner von ausser-
oder vorchristlichen Religionsformen. Er hegte nicht nur zeitlebens
eine tiefe Bewunderung für die Mythologie der alten Inder, Ägypter
oder Griechen, sondern interessierte sich auch für die religiöse
Welt der Megalithvölker, Kelten und Germanen. In ihnen sah er ein
wichtiges Erbe aus der Vorgeschichte Mitteleuropas, aus dem man immer
noch spirituelle Anregungen schöpfen könne, auch wenn die
Zeit dieser Kulturen eigentlich abgelaufen sei.
Ein Christentum im Sinne Rudolf Steiners konnte nicht aus der Dämonisierung
dieser "Heidenweisheit" bestehen, sondern wollte diese beerben
und weiterentwickeln. Die Hegelsche Dialektik kennt eine schöne
dreifache Definition des Wortes "aufheben": Gutes bewahren,
Verbrauchtes höherentwickeln und Unzeitgemässes zum Verschwinden
bringen. Vielleicht kann man sich so das Verhältnis von Christentum
und Heidentum im Sinne Steiners vorstellen.
Die gewalttätige Machtpolitik der Franken oder der römischen
Päpste war für ihn undiskutabel und er hielt deren Zwangsbekehrungen
für Verhinderungen von organischen Entwicklungsversuchen, deren
Realisierung vermutlich ein anderes Geistesleben in Europa zur Folge
gehabt hätte. Vielleicht sah Steiner sogar die von ihm entwickelte
Anthroposophie als ein Stück Wiedergutmachung dieser Schäden
an. Nicht umsonst tauchen in seinen Schriften und in denen seiner Nachfolger
die vorchristlichen Mythen bemerkenswert oft auf und werden mit grösstem
Interesse behandelt. Sie gehören auch zum Unterrichtsstoff der
von Steiner gegründeten Waldorf-Schulen.
"Druidensteine"
Die ersten Zeugnisse europäischer Religion erblickte Steiner
in den Megalithbauten Grossbritanniens, die er während mehrerer
Vortragsreisen aufsuchte. Er nannte diese mit der Aura des Mysteriösen
umgebenen Dolmen und Steinkreise "Druidensteine" oder "Sonnenzirkel".
Obwohl ihre steinzeitlichen Erbauer noch keine Buchstabenschrift kannten,
vermutete Steiner, dass sie die "kosmische Schrift" lesen
konnten: Zusammenhänge von Sternenbahnen mit Tages- und Jahreszeiten,
Wachstums- und Pflanzenkräften, die von "Priestergelehrten"
genau beobachtet und für soziale Zwecke fruchtbar gemacht worden
seien. An der Art der Schatten, die die Sonne an den aufgerichteten
Kultsteinen warf, hätten sie bspw. erkannt, wann der Weizen gesät
oder der Zuchtstier durch die Herde geführt werden musste. Durch
aufmerksame Beobachtung dessen, was "Frost"- und "Feuergeister"
mit den Pflanzen machten, seien sie auf Techniken gekommen, um die in
der Natur schlummernden Heilkräfte zu entbinden. Die "Druidenpriester",
wie Steiner diese archaischen Forscher nannte, hätten gerne das
Dunkel von Ganggräbern oder Dolmenschatten aufgesucht, um sich
- ungestört durch das physische Licht - ganz in die Kräfte
der "inneren Sonne" zu versenken. Steiner meint damit Fähigkeiten
der Konzentration und Willensschärfung, die sich nicht nur vom
äusseren Schein ablenken lassen, sondern dem inneren Leben der
Natur nachzuspüren versuchen. Er nennt dies auch die "Schau
der Sonne um Mitternacht": kein Aufgehen im goldenen Glanz des
Tagesgestirns, sondern das Hindurchschauen durch Sonnenkraft und Sonnenbahn
auf verborgenere kosmische Gesetze.
Dies ist für uns, die wir die Sonne nur noch als Gasball sehen,
schwierig zu verstehen. Helfen mag die Erinnerung daran, das alte Völker
in ihr immer auch eine Gottheit erblickten (Apollo, Helios, Baldur,
Ahura Mazda), deren Kräfte mehr konnten als nur physisch erwärmen.
Vielleicht gemahnen Relikte unserer Sprache noch daran, wenn von "Erleuchtung"
oder "Ausstrahlung" die Rede ist, wenn einem "etwas dämmert"
oder "ein Licht aufgeht". Unser moderner Verstand ist so erzogen,
dass er darin nur noch äusserliche Analogien sehen mag: verhängnisvolles
Erbe der cartesianischen Trennung von "res cogitans" (Denkender)
und "res extensa" (Aussenwelt), die immer noch unser Denken
bestimmt. Steiner jedoch glaubte, dass die alten Völker in allem
Materiellen eine Chiffre für Geistiges wahrnahmen: Hinter dem Gasball
der Sonne standen für sie - wie für ihn - gewaltige und von
hoher Intelligenz durchwobene Kräfte, die dieses Gestirn überhaupt
erst geschaffen hatten und durch es hindurch weiter zu den Menschen
sprachen. In diese Kräfte konnte der "Druide" sehen und
ihnen Weisungen für den Wohlerhalt seiner Sippe entnehmen. Der
Blick ins Übersinnliche war - laut Steiner - kein "wolkenkuckucksheim
Göttlich-Geistiges", sondern diente immer auch lebenspraktischen
Zielen.
"Götterdämmerung"
Auch die Kelten und Germanen, die später die Megalithbauten
für ihre Opfer- und Kultzeremonien nutzten, besassen für Steiner
ein solch ausgeprägtes Wissen um die Kräfte hinter der sichtbaren
Welt: Das Reich ihrer Götter und Symbole war für ihn Ergebnis
von "Schauungen", nicht blosse Erfindung einer regen Volksphantasie.
In seinem Buch "Die Mission der einzelnen Volksseelen" hat
Steiner sich recht ausführlich mit der germanischen Mythologie
beschäftigt. Er sah in ihr keinen radikalen Gegensatz zum Christentum,
sondern Anlagen, die einen organischen Übergang von heidnischer
zu christlicher Spiritualität durchaus möglich gemacht hätten.
Für Steiner thematisieren die germanischen Mythen vor allem spannungsgeladene
Übergangszustände der Evolution. Anders als die griechischen,
hätten die germanischen Sagen nicht nur in die Vergangenheit, sondern
auch in die Zukunft geschaut. Die Figur des "Siegfried" z.B.
antizipiere schon den freien, von Götterherrschaft befreiten Einzelmenschen,
was auch bereits im Begriff der "Götterdämmerung"
angelegt sei. Vor allem das Ende der "Edda" betone immer wieder,
dass die alte Zeit abgelaufen und eine neue im Anbrechen sei: für
Steiner die Ahnung des bevorstehenden Christus-Ereignisses. Auch in
der germanischen Sagenfigur des "Loki" sah er ein Moment der
Bewegung, das es so in den abgeklärteren Mythen etwa der Griechen
nicht gäbe: Loki, ein mephistoartiger Halbgott, streue Feuer, produktive
Unruhe und die Glut der Empörung in die Beziehung zwischen Menschen
und Göttern und befördere so emanzipatorische Bestrebungen
und Loslösungen. Am Ende bringen seine Aktivitäten die Götterburg
Walhall zum Einsturz.
Steiner unterstützte nicht die - schon zu seiner Zeit - von Neuheiden
und Rechten propagierte Hasskampagne gegen das Christentum, das nur
als aufgezwungener Gegensatz zur "heilen" Heidenwelt gesehen
wurde. Gerade das in den germanischen Sagen immer wieder aufdämmernde
Ichbewusstsein sei ein entscheidendes Bindeglied zu den Prozessen gewesen,
die das Christentum in die Wege geleitet habe: Abtrennung des Menschen
von der Bindung an Sippen, Ahnen und Götterentscheidungen und seine
Befreiung zu selbständigem Denken, zum Erkennen von Individualität
als eigentlichem Signum des "Göttlichen". Nicht nur in
"Siegfried" sah Steiner so etwas angelegt, sondern im tragischen
Lebensgefühl vieler germanischer Helden, die selbst im Untergang
noch ihre Seele aufrechtzuhalten versuchten. "Siegfried" scheitere
zwar noch und werde von den "alten Kräften" niedergerungen,
aber in ihm blitzten schon Zukunftsimpulse auf, die dann später
etwa vom Gralshelden "Parzival" erfolgreicher fortgeführt
würden.
Natürlich wusste Steiner auch um die Gewaltherrschaft, die die
Kirche während langer Geschichtsperioden ausgeübt hatte, in
denen eher Folter und Schwert als Freiheit und Individualität herrschten.
Aber er sah in der heidnisch-christlichen Übergangsphase der ersten
Jahrhunderte auch andere Bestrebungen in Europa, die organischere Entwicklungen
im Auge gehabt hätten.
Ähnlich wie der in den keltischen Ländern vollzogene "sanfte"
Wechsel von Druidentum zu Christentum (siehe "Von Callanish zu
Christus") habe Ähnliches bei bestimmten germanischen Stämmen
(Goten, Langobarden etc.) stattgefunden. Steiner meint hier den "Arianismus",
eine Art germanischen Sonderweg des Christentums, der jedoch auch bald
von der römischen Kirche ausgelöscht wurde.
"Germanischer Christus"
Der "Arianismus" ging von der Lehre des Bischofs Arius aus,
der zur Kirche von Alexandrien gehörte und eine vom damaligen Dogma
abweichende Christus-Interpretation vertrat: Jesus Christus könne
nicht denselben göttlichen Status wie der "Vater" haben,
da er ja von diesem gezeugt worden sei und auch seine Auferstehung erst
aus dessen Gnade empfange. Zahlreiche germanische Stämme übernahmen
diese Deutung: Es entsprach wohl ihrem Freiheitsgefühl und bisherigen
Religionsverständnis, in Gottes Sohn eher einen spirituellen Lehrer
als einen über ihnen thronenden Erlösergott zu sehen. Dies
ermöglichte die Vorstellung, dass auch jeder Einzelmensch göttliche
Erleuchtung erlangen könne, ohne auf die Barmherzigkeit einer ihm
unnahbaren Wesenheit angewiesen zu sein. In der arianischen Lehre des
gotischen Bischofs Wulfila (311-383) erscheint Jesus Christus daher
auch als eine Art Stammesfürst, der mit seinen "Jüngern"
im Stil einer Volksversammlung verkehrt, ähnlich wie in der späteren
altsächsischen Evangeliendichtung des "Heliand".
In der "arianischen" Variante des Christentums fehlten bestimmte
Momente von Dogmatik, Zwang und Zentralismus, die für die römische
Hauptkirche charakteristisch waren. Wie früher jeder germanische
Stamm ein lokal gefärbtes Tempelwesen besass, so hatte man nun
relativ unabhängige "Eigenkirchen" und "Eigenklöster".
Diese gehörten einem privaten Gutsbesitzer oder vermögenden
Bauern, der selber einen Geistlichen anstellte und ernährte, wodurch
zuviel Vormundschaft durch den Bischofssitz vermieden wurde: ein Stück
geistige Unabhängigkeit, das der zentralistisch gesonnenen Amtskirche
natürlich ein Dorn im Auge war. Die Arianer besassen auch einen
eigenen Festkalender sowie eine vom Katholizismus unabhängige Tracht,
die u.a. aus Rotfuchspelzen und metallenen Halsringen bestanden haben
soll.
Das wichtigste war aber war die eigene Sprache, in der die biblische
Botschaft verkündet wurde. Wulfila entwickelte dafür in seiner
"gotischen Bibel" ein eigenes Alphabet, das z.T. auch auf
die alten Runen zurückgriff. Es benutzte den für die Germanen
vertrauten Stabreim sowie altheidnische Formulierungen, um ihnen die
ungewohnten Wertvorstellungen des Christentums nachvollziehbar zu machen.
"Frauja", das Wort für Jesus Christus, bezog sich etwa
auf den alten Sonnen- und Lichtgott "Fro" (Freyr), der den
Frühling brachte, "runa" (Zauberrune, geheimnisvolles
Zeichen) wurde für das Mysterium der Offenbarung verwendet und
aus dem Hinrichtungsinstrument des Kreuzes machte Wulfila einen Galgen.
Vor allem die im germanischen Kulturkreis ungewohnten Begriffe wie "Schuld",
"Sünde", "Vergebung" und "Erlösung"
mussten in vertraute Denkfiguren umgesetzt werden. So erklärte
die "gotische Bibel" den selbstlosen Akt der Vergebung mit
den Worten für "Schenken" bzw. "Gabe" und das
"Erlöstwerden" als Akt des "Genesens". Jesus
Christus war neben seiner Eigenschaft als Volkskönig auch "Arzt",
"Heiler", "Heiland". Ihm Dank zu sagen, bedeutete
für die Germanen nicht, in die Knie zu fallen, sondern ihm ein
"Preislied zu singen." Das Verhältnis von Jesus zu seinen
Jüngern interpretierte man als Beziehung von selbstbewussten Lehensherren
gegenüber ihrem Herzog, der in seiner "Geschöpflichkeit"
kein Gott, sondern ein vorbildhafter Lehrer und Anführer war. Die
Bedeutung des unbekannten "Paradieses" machte man anhand des
Walhall-Mythos klar: nach dem Tode gebe es ein Zusammentreffen der Gefolgsleute
mit ihrem König in den Hallen des Himmelsgewölbes, das jedoch
hier nicht als Kampfplatz und Trinkfest, sondern als unermessliches
"Lichtreich" gepriesen wurde. Den Inhalt der christlichen
Lichtmystik versuchte die "gotische Bibel" über Worte
wie "prunkvoll", "glänzend" und "strahlend"
klarzumachen, deren metaphorische Qualitäten in den Vordergrund
gerückt wurden, wodurch eine Spiritualisierung und Verinnerlichung
der germanischen Sprache stattfand. Ähnliches geschah mit Begriffen
wie "Herz", das sich für gemüthaft-seelische Farben
öffnete und "Opfer", welches seinen blutigen Chrakter
verlor und nun eher vergeistigte Vorgänge wie das Abendmahl bezeichnete.
Trotz solcher Übernahmen christlicher Werte aus einem geistig fremden
Kulturraum, bewahrte der Arianismus die alte Vorliebe der Germanen für
Freiheit und Unabhängigkeit. Nicht nur Institutionen wie die "Eigenkirche"
oder die Deutung der Jünger als freie Gefolgsleute deuten daraufhin,
sondern auch das Fehlen von religiösen Strafandrohungen wie "Feuerhölle"
oder "Jüngster Tag". Ebenso kannte der Arianismus keine
Praktiken von Zwangsbekehrung und Missionierung. Bei den Goten und Langobarden
etwa bestand über lange Zeit ein tolerantes Nebeneinander von Heidentum,
Katholizismus und Arianismus, das der gotische Bischof Agila einmal
in folgenden - für die damalige Zeit beachtlichen - Ratschlag kleidete:
"Lästere nicht den Glauben, den du nicht teilst; wir lästern
den euren auch nicht, und zweierlei Glaube wird bei uns nicht zum Verbrechen
gerechnet; denn so heisst es bei uns im Sprichwort: 'Es schadet nichts,
wenn jemand an Altären der Heiden und an einer Kirche Gottes vorübergehend
vor beiden sein Haupt entblößt.'"
Kreuz
und Lebensbaum
Der Anthroposoph Rudolf Kutzli entwickelte Steiners Bemerkungen zum
Arianismus anhand konkreter kunstgeschichtlicher Untersuchungen weiter.
In seinem Buch "Langobardische Kunst" zeigt er, wie wichtig
dem Arianismus neben Toleranz und Individualität auch eine enge
Verbundenheit mit den Kräften der Natur war, die im herkömmlichen
Christentum eher eine untergeordnete Rolle spielte. Auch dies stellte
eine Verbindung zu der früheren Religion der Germanen dar, die
man nicht abzuschneiden, sondern organisch weiterzuentwickeln versuchte.
So weist Kutzli etwa auf den Reichtum von Pflanzenmotiven in der Kirchenkunst
der Langobarden hin, die sich mit dem neuen Kreuzsymbol nicht nur vertragen,
sondern es manchmal geradezu zärtlich umweben oder von innen beleben:
Zeichen einer quellenden Vitalität und Daseinsfreudigkeit, die
nur wenig mit vergeistigter Askese oder dogmatischer Reglementierung
zu tun hat. In manchen Ornamenten scheint sogar das altheidnische Symbol
des Lebensbaumes eine Vermählung mit dem Kreuz eingegangen zu sein.
Zuweilen finden sich auch Tierornamente (etwa Widder, Wolf, Einhorn)
, wie man sie z.B. aus der Kunst der Wikinger kennt: ebenfalls Sinnbilder
für das Wirken elementarer Naturkräfte, die der Mensch nicht
einfach leugnen oder überspringen kann.Die arianischen Langobarden
hielten neben dem Christusglauben auch noch lange an heidnischen Jenseitsvorstellungen
fest. Dies beweisen etwa Grabbeigaben wie Waffen und Speisen, aber auch
aus Seide geflochtene Kreuze, die man in einem Baumsarg fand. Der Verstorbene
fuhr zu den Toten in einem schiffsähnlichen, aus dem Material der
"Weltesche" hergestellten Behältnis und hatte gleichzeitig
das christliche Symbol von Leiden und Auferstehung bei sich: ein in
seiner Schlichtheit bewegender archäologischer Fund, der eine Plastik
des modernen Bildhauers Joseph Beuys sein könnte, der sich übrigens
mit ähnlichen Themen beschäftigte.
Hauptelement der langobardisch-arianischen Kunst war jedoch das Flechtbandornament,
das diese zu wahrer Formvollendung brachte und das heute noch in zahlreichen
Kirchen Italiens zu bestaunen ist. Diese rätselhaften Chiffren
der Unendlichkeit sind übrigens nicht nur schön anzuschauen,
sondern es empfiehlt sich, sie auch nachzuzeichnen (Beispiele zum Ausdrucken).
Erst dann vermag man den in ihnen materialisierten Geist besser nachzuvollziehen.
Rudolf Kutzli deutet die unregelmässig wuchernde und vielfach variierte
Linienführung als Bestreben, neue und individuelle Impulse in z.T.
schon erstarrte Formen zu bringen: sozusagen Wellen des göttlichen
Weltatems, die man vorher schon in Luft und Wasser gespürt hatte
und die nun mit christlicher Symbolik zusammengebracht werden sollten.
Sieht man sich Beispiele römisch-byzantinischer Künstler an,
so spürt man deutlich den Unterschied: Hier ist vieles schon zum
toten Ornament und äusserlichen Prunk erstarrt.Demgegenüber
zeigt eines der eindrucksvollsten langobardischen Werke, wie unerschöpflich,
unberechenbar und spielerisch Geistiges aus dem Mund einer Gottheit
über die Erde zu wuchern beginnt: Ist es ihr alter Gott Odin, der
den Menschen die Sprache brachte und nun weiter neben Christus wirken
darf oder ein neuer kosmischer Schöpfer, der aus sich gleichermassen
vibrierende Strukturen von Pflanzen und Adlerflügeln entlässt?
Kaiser
und Päpste
Für Rudolf Steiner endet dieser arianische Sonderweg des Christentums
mit dem Dominieren des germanischen Stammes der Franken. Mit der durch
Papst Leo III. vollzogenen Kaiserkrönung Karls des Grossen (800
n.Chr.) treten Machtstreben und Materialismus in den Vordergrund und
verknüpfen sich in unheilvoller Weise mit dem europäischen
Christianisierungsprozess. Indem die fränkischen Könige den
Papst vor den arianischen Langobarden schützen, erwerben sie sich
dessen "Salbung" und fühlen sich nun selbst als Stellvertreter
Gottes auf Erden. Karl der Grosse unternimmt harte Missionskriege gegen
die heidnischen Sachsen und deportiert Tausende von ihnen in entfernte
Regionen seines Reiches. Seine rigide Fiskalpolitik nimmt dem Volk einen
Grossteil seiner Besitztümer weg und übergibt sie der Kirche,
die dadurch reicher wird und nun auch rechtliche Gewalt bekommt. Ein
machtvoller und vermögender Zentralismus entsteht (etwa in Bischofssitzen
wie Paderborn und Erfurt) und der Gegensatz zwischen Grossgrundbesitzern
und Hörigen wächst - laut Steiner einer der Gründe für
die späteren Bauernkriege.
Auch Künstler nehmen diese Spannungen wahr und formulieren sie
in ihren Werken, etwa der deutsche Minnesänger Walter von der Vogelweide
(1170-1250). Rudolf Steiner zitiert ein Gedicht von ihm, in dem der
Wunsch besungen wird, dereinst wieder Ehre, weltliches Gut und Gottgefallen
"in einem Schrein" zusammenzuhaben, ohne dass eines davon
"verdürbe". "Fried und Recht" - so Walter -
seien momentan "todeswund", und ehe sie nicht gesunden würden,
könnten auch die religiösen Dinge nicht gut gedeihen.
Die Klöster üben nicht nur spirituelle und rechtliche Macht
aus, sondern haben auch das Bildungsmonopol inne. Zwar konzediert Steiner,
dass von solchen Orten auch bedeutende geistige Leistungen ausgingen,
aber er beklagt das Auseinanderklaffen von lateinischer Gelehrsamkeit
mit dem Anliegen des einfachen Volkes. Dieses verkümmert immer
mehr zu einer ungebildeten, entrechteten und verarmten Masse, aus der
dann viele Besitzlose und Fahrende zur Teilnahme an den Kreuzzügen
angeworben werden: für Steiner ein weiterer Tiefpunkt in der Geschichte
des Christentums, der zwar auch arabische Kultur und Wissenschaft nach
Mitteleuropa bringt, aber vor allem das unheilvolle Phänomen der
Zwangsbekehrung weiterführt. Von der Toleranz des Arianismus scheinen
die Verhältnisse nun weit entfernt zu sein.
Ketzer und Gralssucher
Doch die unterdrückten Impulse eines mit Natur, Kosmos und Freiheitswillen
verbundenen Christentums tauchten für Steiner in den häretischen
Strömungen des 12. und 13. Jahrhunderts wieder auf: besonders in
den Gralssagen, die ungefähr zeitgleich in Frankreich, England
und Deutschland entstanden. Steiner besuchte etwa die Burg des keltisch-christlichen
Königs Arthurs in Tintagel/ Cornwall und beschäftigte sich
intensiv mit der Parzival-Dichtung des Wolfram von Eschenbach. Diese
galt ihm als die bedeutendste Darstellung eines "inneren Christentums"
neben dem allseits herrschenden "Kirchenchristentum". Wie
bereits der germanische "Siegfried", beschreibt auch "Parzival"
für Steiner einen modernen Individuations- und Einweihungsweg.
Sein Vater ist unbekannt, Bindungen an Sippen und Ahnen existieren nicht
und er trennt sich von seiner Mutter, um einen eigenen Weg im Leben
zu finden.Zunächst stolpert er nur tölpelhaft von einer Dummheit
zur anderen, bis allmählich ein selbstbewusstes und mitfühlendes
Individuum aus ihm wird, das aus freien Stücken einen Glauben annehmen
kann. Ihn, wie auch die Tafelrunde des keltischen Königs Arthur,
nennt Steiner ein "geistiges Rittertum des Herzens", das eigentlich
im frühen Mittelalter einen neuen Impuls für das spirituell
abgewirtschaftete Europa bringen sollte.
Interessanterweise entsteht parallel zu diesen Dichtungen auch das "Nibelungenlied",
in dem Steiner jedoch nur das tragische Dokument eines Übergangs,
aber nichts Zukunftsweisendes sieht. Die "Nibelungen" verkörpern
für ihn noch die alte Stufe der germanischen "Waldmenschheit"
in ihren rohen Instinkten, die erst in der Erfüllung von Blutrache
ihre letzte Befriedigung finden. Siegfried weise schon einen neuen Weg,
scheitere aber an seiner durch das Gold aufgestachelten Hybris. Dieses
gebe man zwar am Ende der "Nibelungen" wieder an die Fluten
des Rheins zurück, habe aber nicht dessen Verwandlung zu "geistigem
Gold" geschafft, was erst im Symbol des "Grals" gelänge.
Doch auch dieses "geistige Gold" wird korrumpiert. Abermals
scheitert das Projekt eines von Rom unabhängigen Christentums und
wird - wie auch Arianer, Katharer, Waldenser und andere "Ketzer"
- in den Untergrund der abendländischen Geistesgeschichte verbannt.
Die Gralsmythen wurden nie Bestandteil der christlichen Kirche und flackerten
nur immer wieder unruhig in diversen subversiven Strömungen auf,
als repräsentierten sie ein zu Unrecht Vergessenes und Verdrängtes.
Steiner nennt sie "noch ungehobene Schätze des Geisteslebens",
und bis heute arbeitet die Anthroposophie (wie etwa auch die Tiefenpsychologie
in der Nachfolge C.G.Jungs) an ihrer Rehabilitierung. Ein organischer
Übergang zwischen der keltisch-germanischen Welt und dem Christentum
scheint gescheitert zu sein: für Rudolf Steiner ein fast tragisch
zu nennendes Ergebnis von Machtpolitik und materialistischen Bestrebungen,
da in seinen Augen die heidnischen Kulturen Mitteleuropas durchaus zu
christlicher Weiterentwicklung angelegt waren. Gründete Steiner
die anthroposophische Bewegung auch als Projekt zur Wiedergutmachung
dieses Scheiterns? Immerhin geht - wie wir bereits andeuteten - seine
Vorstellung von Christentum nicht auf Kosten älterer Mythenweisheiten,
sondern beerbt und transformiert sie zu einer neuzeitlichen "Geisteswissenschaft",
die auch Anregungen der modernen Naturwissenschaft aufnimmt. Steiner
errichtete für die anthroposophische Bewegung in Dornach (Schweiz)
ein Gebäude, das sogenannte "Goetheanum", das durchaus
als eine Art moderne Tempel- und Mysterienstätte verstanden werden
kann, wenn man mit diesen Begriffen nichts Abgehoben-Diffuses verbindet.
Wir wollen uns diesem ungewöhnlichen Bauwerk einmal wie einem steingewordenen
Sinnbild nähern und von dort aus weiter ergründen, inwieweit
die Anthroposophie als eine zeitgemässe Synthese von "Heidenweisheit"
und "Christus-Impuls" verstanden werden kann.
Der Tempel von Dornach
In seinem Buch "Wege zu einem neuen Baustil" nennt
Rudolf Steiner das Goetheanum selbst einen Tempel: "In gewisser
Beziehung sollen wir ja einen Tempel bauen, der zugleich etwa wie dies
die alten Mysterienstätten waren, eine Lehrstätte ist."
Um bestimmten Einwänden zuvorzukommen, zitieren wir gleich eine
andere Stelle im selben Werk: "Eine Sekte, irgendeine Gemeinschaft,
die diese oder jene Dogmen vertritt und verbreitet, wollen wir nicht
sein." Steiner stellt also ausdrücklich einen Bezug zu den
Kultstätten älterer Religionen her, erläutert aber auch
den Unterschied zu ihnen. Ein griechischer Tempel oder ein keltischer
Hain waren noch nahezu menschenleer und nur von Licht und Luft durchflutet.
Die christlichen Kirchen dagegen schotteten sich ganz von der Natur
ab, um Innerlichkeit und Ich-Kraft des Menschen zu fördern. Ein
zeitgemässer "Tempel" im Stile des Goetheanums muss beides
miteinander verbinden und zwar im Stil moderner Architektur. Damit konzentrierte
Ich-Kraft und Naturverbundenheit zusammenkommen, fordert Steiner für
das Goetheanum eine nach aussen hin transparente Form. Dies wird jedoch
nicht - wie in fast allen anderen zeitgenössischen Bauten - durch
Glas erzielt, sondern durch abgerundete Formen. Das Goetheanum, so sagt
Steiner, soll Wände haben und doch auch nicht: Durch die runden,
besser gesagt organischen Formen, ist der Besucher intensiver mit der
ihn umgebenden Natur verbunden als durch Glaswände, die nur den
Augensinn befriedigen. Über die organischen Formen aber kommuniziert
man mit tieferen Naturebenen: nicht nur mit der "schönen"
Aussenfassade, sondern mit den Wachstums- und Bildekräften, die
bspw. im Inneren der Pflanzenwelt weben.
Das erste Goetheanum (Fotos) war noch ganz aus Holz gebaut, aber man
verzichtete nach dessen Brand im Dezember 1922 auf einen Wiederaufbau
im selben Material. Holz blieb beim zweiten - aus Beton gebauten - Gebäude
gleichwohl ein häufig verwendeter Werkstoff, etwa bei Türen,
Fenstern und in Innenräumen. Die Linien und Strukturen des Hauses,
die Steiner selbst an vielen Architekturmodellen entwickelte, nannte
er "lebendige Ätherformen", durch die höhere Weltkräfte
sichtbar gemacht werden sollten:
"Belauschen wir die ätherischen Formen der Pflanzen und bilden
wir sie nach in unseren Formen an den Wänden ... dann schaffen
wir die Kehlköpfe, durch die die Götter zu uns sprechen können."
Dieser Satz kann durchaus als ein wichtiges "Glaubensbekenntnis"
der Anthroposophen gelesen werden: eine geistige Zielrichtung, die sich
nicht nur im Goethanum architektonisch versinnbildlicht, sondern auch
in vielen Forschungszweigen weiter verfolgt wird. Interessanterweise
spricht Steiner von "Göttern" und nicht von "Gott":
Wie ist das angesichts seines Bekenntnisses zum Christentum zu verstehen?
Die Anbetung von "Göttern" gehört doch laut Bibel
zum überholten Götzendienst heidnischer Kulte und wurde längst
durch den "Einen Gott" ersetzt?
"Kosmisches
Christentum"
Mit "Göttern" meint Steiner nicht das Arsenal der alten
polytheistischen Religionen (Zeus, Wotan, Jupiter etc.), sondern schöpferisch-regulative
Kräfte, die Natur und Weltall durchweben und verantwortlich für
Evolution, Wachstum und Formenvielfalt sind. Er leugnet damit nicht
die durch das Mikroskop zu beobachtenden biochemischen Prozesse, aber
sieht ihnen nur die Aussenseite für eigentlich geistige Vorgänge.
Diese weben im Inneren eines Kristalls und eines Samenkorns genauso
wie beim Wachstum eines Embryos, beim Zerfall einer Sonne oder in unseren
Denkprozessen. Steiners "kosmisches Christentum" möchte
an diese subtile Welt hinter der sichtbaren Naturkulisse erinnern und
knüpft damit durchaus auch an vorchristliche Religionen an. Diese
hatten ein tieferes Gespür für das Geistig-Beseelte der Natur
als das Christentum, das sich zunächst einmal von solchen Sichtweisen
trennen musste. Insofern beerbt Anthroposophie auch ein Stück "Heidenweisheit",
aber nicht mithilfe archaischer Kultpraktiken oder Priesterverkündigungen,
sondern durch Aktivierung wachen Denkens und Beobachtens, wodurch Errungenschaften
der Aufklärung bewahrt bleiben. Insofern irrt jeder, der in Steiner
einen nebulösen Okkultisten oder Verklärer regressiver Atavismen
sieht.
Das "Goetheanum" soll nicht nur "Mysterien-", sondern
ebenso "Lehrstätte" sein: Es enthält u.a. auch zahlreiche
Forschungssektionen, in denen anthroposophische Geologen, Biologen,
Chemiker, Physiker und Mediziner die materialistische Sicht auf Natur
erweitern, indem sie Form- und Wachstumsprozesse als organisch-lebendige
Vorgänge analysieren, in denen sich Geistiges entfaltet. Ein solches
"Lesen im Buch der Natur" führt nicht nur mythologische
Sichtweisen weiter, sondern knüpft auch etwa an die Naturphilosophie
der deutschen Romantik (Novalis, Goethe, Schelling etc.) an. Für
diese Perspektive sind nicht nur rationale, sondern auch künstlerische
und intuitive Fähigkeiten nötig - ebenso wie im Unterricht
der Waldorf-Schulen, der solche Erkenntnismethoden an junge Menschen
weiterleitet.
Wenn der Chemielehrer dort Vorgänge in der Retorte als "kleine
Dramen" bezeichnet oder das Wesen des Phosphors anhand seines antiken
Namens ("Lichtträger") erklärt, so ist er nahe am
Geist alter Mythen, ohne moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse
zu vernachlässigen. Ebenso in seiner qualitativen Schau auf die
Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer, die den Schülern als lebendige
Wesenheiten und nicht nur als trockene Formeln vorgestellt werden. Ähnliches
geschieht im Biologieunterricht, wo Pflanzen und Tiere mehr sind als
Vertreter abstrakter Gattungen oder Ergebnisse mechanisch-molekularer
Abläufe. Mathematik und Physik erweitern ihren Horizont, indem
auch qualitative Deutungen von Zahlen und geometrischen Figuren miteinbezogen
werden, wie sie noch im 17. Jahrhundert verbreitet waren. Der Astronom
Kepler etwa nutzte nicht nur Methoden der modernen Mathematik, sondern
sprach auch vom Kreis als "sichtbarem Ausdruck des Göttlichen"
oder von den Planetenbahnen als musikähnlicher "Sphärenharmonie".
Solches im Unterricht zu erfahren, lässt Heranwachsende Natur auch
spirituell und emotional erfahren, was zu mehr Respekt vor dem Lebendigen
führen kann. Auch anthroposophische Landwirtschaft und Medizin
greifen Anregungen Steiners auf und führten sie weiter: Ökologischer
Anbau und alternative Heilkunde wären ohne seine vielfältigen
Impulse nicht zu dem geworden, was sie für uns heute bedeuten.
Neben
einer solchen qualitativen Naturphilosophie knüpft die Anthroposophie
auch durch das Feiern ihrer Jahresfeste an "heidnische" Religionsformen
an, die jedoch zu einem christlichen Verständnis hin vertieft werden
sollen. So sieht man das Weihnachtsfest durchaus in Bezug zur Wintersonnenwende,
die bereits für Kelten und Germanen von grosser Bedeutung war.
Auch sie verspürten in der wieder zur Erde zurückkehrenden
Sonne mehr als nur ein Materielles. Das langsame Näherkommen des
mächtigen Gestirns bedeutete nicht nur physische Erwärmung,
sondern Freude, Steigerung der Vitalkräfte, äusseres und inneres
"Aufblühen". Insofern das heidnische Fest in "Licht"
und "Sonne" ein Geistiges sah, war es bereits ein Vorläufer
der christlichen Weihnacht, in der jedoch noch eine zusätzliche
Bedeutungsebene hinzukommt. Mit der Geburt Christi erscheint für
die Anthroposophen eine neue Lichtqualität, die es vorher noch
nicht gab: eine "Sonnenkraft", die nichts mehr mit Gestirnen
und Naturzyklen zu tun hat, sondern rein im Inneren des Menschen wirkt.
Aus ihr speisen sich etwa die christlichen Fähigkeiten zu Mitleid,
Versöhnung und "Feindesliebe" - eine Steigerung von "Herzenskräften",
die der auf Blutrache fixierte "Heide" noch nicht kannte.
Vor allem einige alte deutsche Weihnachtslieder scheinen noch so eine
Verbindung von Naturbildern und christlichen Imaginationen zu kennen,
etwa wenn eine Rose "mitten im kalten Winter" zu blühen
beginnt ("Es ist ein Ros entsprungen") oder ein kalter, zugefrorener
See effektvoll mit dem Erscheinen des "Christkindes" kontrastiert
wird ("Leise rieselt der Schnee"). Dies sind noch Töne
eines archaischen, naturverbundenen Christentums mit mystischen Zügen,
das ganz andere Saiten im Menschen betont als etwa das amerikanische
(und rein diesseitige) "Jingle Bells". Auch das anthroposophische
Osterfest kennt die Einbeziehung der Natur und ihrer verschiedenen Rhythmen
im Jahreslauf. So steht Christi Auferstehung nicht im Gegensatz zum
Aufblühen der österlichen Pflanzenwelt, sondern vergeistigt
den Begriff des "Wachsens" und "Erwachens" in eine
umfassendere als nur rein vegetabile Dimension. Was damit gemeint ist,
mögen etwa die Bezeichnungen der Mystikerin Hildegard von Bingen
veranschaulichen, die von der "milden Grüne" Jesu Christi
spricht, von seinem "grünen Finger" oder "grünen
Lichtquell aus dem Herzen des Vaters". Das Wort "Viriditas"
(Grünkraft) war für die Bingen ein zentraler Begriff, der
Naturwachstum, leiblich-seelische Gesundungsprozesse, geistige Vitalität
und Gewissensimpulse umfasste: eine spirituelle Totalität von physischen,
seelischen, geistigen und moralischen Elementen der Schöpfung,
die der "Heide" noch in eine Vielzahl von Göttern auseinanderdividieren
musste. Steiner dachte in diesem Punkt ähnlich und verehrte die
mystischen Traditionen des Christentums (Hildegard von Bingen, Angelus
Silesius, Jakob Böhme etc.) mehr als die dogmatischen Verwalter
der Amtskirche.Anders als diese erblickte Steiner auch im Reinkarnationsgedanken
ein wichtiges Element für ein "kosmisches Christentum",
womit er gleichfalls an ältere Mythen anknüpfte. Der entscheidende
Unterschied zu diesen ist jedoch Steiners Betonung des Weiterlebens
einer individuellen Seele, während in früheren Kulturen das
Ich nur Teil des Ahnenstromes war, der sich nach dem Tode in neuen Exemplaren
fortsetzte. Während das Christentum die Reinkarnation ganz aus
ihrem Lehrgebäude verbannte, hielt Steiner am prinzipiellen Gedanken
einer vorgeburtlichen und nachtodlichen Existenz fest, der ihm keine
Sache des Glaubens, sondern des logischen Denkens zu sein schien:
"Als
physischer Mensch stamme ich von anderen physischen Menschen ab ...
Als geistiger Mensch habe ich meine eigene Gestalt, wie ich meine eigene
Biographie habe. Ich kann also diese Gestalt von niemand anderem haben
als von mir selbst. Und da ich nicht mit unbestimmten, sondern mit bestimmten
Anlagen in die Welt eingetreten bin, da durch diese Anlagen mein Lebensweg,
wie er in der Biographie zum Ausdruck kommt, bestimmt ist, so kann meine
Arbeit an mir nicht bei meiner Geburt begonnen haben. Ich muss als geistiger
Mensch vor meiner Geburt vorhanden gewesen sein."
Für die Anthroposophen inkarniert sich dieselbe Individualität
in verschiedenen Leibern immer wieder neu, um all die Erfahrungen machen
zu können, für die ein Erdenleben nicht ausreicht. Dabei wechseln
auch Geschlecht und Kulturzugehörigkeit: eine spezielle Deutung
Steiners, die ihn übrigens von den Rassismusvorwürfen befreit,
die wegen einiger zeitbedingter und missverständlicher Formulierungen
gegen ihn erhoben wurden. Wer in einem Leben als Deutscher geboren wurde,
muss im nächsten seine Erfahrungen vielleicht als Chinese oder
Afrikaner machen: ein schöner Gedanke, der auch plausibel macht,
dass ein Erdenleben nicht genügen kann, um die Vielfalt der Existenz
zu erleben.
Ein weiterer Verbindungspunkt der Anthroposophie zur "Heidenweisheit"
ist ihre Interpretation des "Bösen", die grundlegend
anders argumentiert als die christliche Dämonologie. "Gut"
und "Böse", "Götter" und "Dämonen"
stehen für Steiner - wie für viele alte Mythen - in einem
weitaus komplexeren Verhältnis, als der platte Dualismus der Kirche
über Jahrhunderte vorschrieb. Besonders anschaulich drückt
dies eine Holzskulptur aus, die Steiner für das "Goetheanum"
entwarf und die "Christus" inmitten der mythologischen Wesenheiten
von "Ahriman" (links) und "Luzifer" (rechts) zeigt.
Beide verkörpern Widersacherkräfte, die jedoch - in gewissem
Masse - durchaus wichtig für die Entwicklung von Welt und Mensch
sind. Der aus der persischen Mythologie entnommene "Ahriman"
steht für die Verhaftung mit Erde und Materie, die bspw. für
die Entwicklung der modernen Technik und Naturwissenschaft nötig
war, aber im Übermass auch zu Erstarrung, Verhärtung und Materialismus
führen kann. "Luzifer", den die Griechen als "Prometheus"
und die Germanen als "Loki" kannten, repräsentiert das
Element von Feuer und Leidenschaft, das als kreative und revolutionäre
Potenz zum Menschen dazugehört, aber auch Überhitzung und
Grössenwahn bewirken vermag. "Christus" in der Mitte
bekämpft diese Kräfte nicht, sondern schaut auf Mass und Ausgleich:
ein nichtdualistisches Konzept des Christlichen, das in seiner Vielschichtigkeit
und Beweglichkeit wohl kaum zu den Gewaltakten geführt hätte,
die das Schuldenkonto der Kirche bis heute belasten. Der Gerechtigkeit
halber sei angemerkt, dass auch Anthroposophen oft nicht der Versuchung
platter Feindbilder widerstehen können. Manchmal werden unliebsame
Dinge (Computer, Amerika, Pop-Kultur, Alkohol, Fernsehen, Sexualität
etc.) einfach mit Begriffen wie "ahrimanisch" oder "luziferisch"
dämonisiert und ausgegrenzt: eine aus Angst und Denkfaulheit resultierende
Verflachung Steinerschen Denkens, die man so bei ihm nicht findet.
Anthroposophie - so fassen wir zusammen - ist also tatsächlich
u.a. auch als Wiedergutmachung einer einseitigen und oft zwanghaften
Christianisierung in Mitteleuropa zu verstehen. Ihr Entwurf eines "kosmischen
Christentums" ist bestrebt, ausgegrenzte Qualitäten "heidnischer"
oder "häretischer" Weltbilder wieder zu integrieren,
Mysterienweisheiten vergangener Epochen mit dem emanzipatorischen Freiheitsimpuls
der Christus-Offenbarung zu vereinigen. Dazu gehören ein qualitatives
Verständnis der Natur mitsamt seinen ökologischen und heilkundlichen
Konsequenzen ebenso wie "imaginatives Denken" oder die Lehre
der vorgeburtlichen und nachtodlichen Existenz. Auch wenn Anthroposophie
in einzelnen Bereichen und Vertretern durchaus kritikwürdig bleibt,
so stellt sie doch eine der herausragenden zeitgenössischen Denkpositionen
da. Ihre Anregungen und Vermittlungsversuche sind vor allem wichtig
in einer Zeit, in der die Diskrepanz von Wissenschaft und Religion,
Rationalität und Spiritualität, Moderne und Tradition täglich
grösser und unüberbrückbarer zu werden scheint.
LITERATURAUSWAHL:
Rudolf Steiners Äusserungen zur Christianisierung Mitteleuropas,
Kelten, Germanen sowie dem "Nibelungen"- und "Parzival"-Epos
sind über mehrere Bände seiner Gesamtausgaben verstreut (etwa
GA 51, 292, 190). Zu den Megalithstätten Englands äussert
er sich vor allem in GA 223 und 350. Bemerkungen zur germanischen Mythologie
als Vorläufer des Christentums finden sich in: "Die Mission
einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen
Mythologie" (Dornach 1983)
Grundlegende Werke zu Steiners Christologie sind "Das Christentum
als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums" (Dornach
1989) sowie "Christologie" (Themen aus dem Gesamtwerk Bd.14),
hrsg. von Heten Wilkens, Stuttgart 1986
Die grundlegende Steiner-Biographie (auch Einführung ins Werk)
stammt von Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie (2
Bände, Stuttgart 1997)
Interessante Untersuchungen zum "Arianismus":
Rudolf Kutzli: Langobardische Kunst, Stuttgart 1974
Winfried Menghin: Die Langobarden - Archäologie und Geschichte,
Stuttgart 1985
James C.Russell: The Germanization of Early Medieval Christianity, Oxford
University Press 1994
Markus Osterrieder: Sonnenkreuz und Lebensbaum. Irland, der Schwarzmeer-Raum
und die Christianisierung der europäischen Mitte, Stuttgart 1995
Kurt Dietrich Schmidt: Die Bekehrung der Ostgermanen zum Christentum
(Der ostgermanische Arianismus), Bd.1 des Werkes "Die Bekehrung
der Germanen zum Christentum", Göttingen 1939-42
Friedrich Kauffmann: Der Stil der gotischen Bibel (Zeitschrift für
deutsche Philologie, 1920, Bd.48 und 49)
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