Zum Thema Rudolf Steiner und Rassismus:

In den letzten Jahren wurde gegen Steiner gelegentlich der Vorwurf des Rassismus und Antisemitismus erhoben. Man wählte aus den über 300 Bänden seines Gesamtwerkes einige z.T. wirklich befremdliche und diskriminierende Zitate aus und konstruierte daraus Anklagepunkte gegen die Anthroposophie, die als eine Art völkisch-okkulte Sekte dargestellt wurde. Steiner spricht etwa von "Negern", in deren Leibern die Sonne die Säfte "koche" oder von den Indianern als letztlich überlebte Rasse. Auch finden sich zuweilen Bemerkungen, die die Europäer als besonders bedeutendes und geistig hochentwickeltes Kulturvolk darstellen. Dass solche Stellen Farbige und Indianer in ihrer Würde verletzen, bedarf keiner grossen Erklärung und heutige Anthroposophen sollten daher in der Lage sein, sich davon kritisch zu distanzieren bzw. die Buchausgaben mit entsprechenden Kommentaren zu versehen.

Manche Anthroposophen verweisen entschuldigend auf Steiners Reinkarnationslehre, wonach sich jeder von uns im nächsten Leben in einer anderen Kultur wiederfände: so wären alle Unterschiede und Bewertungen im Durchgang durch alle "Rassen" aufgehoben. Diese Erklärung ist natürlich kein Gegenargument, da sie auf esoterischen Spekulationen beruht, die nur von sehr wenigen Menschen für glaubhaft gehalten werden.

Steiner legte in jedem Fall besonderes Gewicht auf die mitteleuropäische Kultur: Goethe, Novalis, der deutsche Idealismus, das 19. Jahrhundert bedeuteten ihm viel. Zahlreiche "Dichter und Denker" Deutschlands und Österreichs verkörperten für ihn eine Geisteshaltung, die eine Balance zwischen Verstand und Intuition, Wissenschaft und Naturempfinden suchte und auf die Ganzheit der menschlichen Entwicklung schaute, ohne in einseitigen Rationalismus oder Mystizismus abzugleiten. Weil dies für Steiner ein wichtiges Modell eines künftigen - auch globalen - Menschenbildes war, neigte er dazu, es in den höchsten Tönen zu loben und andere Kulturen damit abzuqualifizieren: "Soll Goethe die gleichen Bedingungen haben wie ein beliebiger Hottentotte?" (GA 8, 47)

Irritierend bei Steiner ist vor allem seine Ambivalenz und Widersprüchlichkeit in Fragen um die Bedeutung von "Rasse", "Volk" und "Nation". Einmal spricht er davon, dass jeder Nationalismus eine "Unwahrheit" sei (GA 185a, 76f) und siedelt den Einzelnen "höher als die Nation" an (GA 287, 40). Dann wiederum erklärt er den "Volksgeist" zu einer "durchaus realen Wesenheit" (GA 121, 14f) und verstrickt sich in abwertenden Bemerkungen über Schwarze, Indianer, "malayische Rassen", nennt einmal sogar die französische Sprache eine "Dekadenzerscheinung" und "Leichnamssprache" (GA 300b) .

Diese Irrtümer, Einseitigkeiten und Widersprüche werden heute noch lange nicht von allen Anthroposophen eingestanden und selbstkritisch behandelt. Aber das Frankfurter Memorandum der liberal-anthroposophischen Zeitschrift info 3 von 2008 hat dies getan und 2013 fand an der Alanus-Hochschule ein Kolloqium über das "Thema der 'Rassen' als Problem der anthroposophischen Forschung" statt. Darin referierte der ehemalige Waldorfschüler und Student der Religionsphilosophie Ansgar Martins über sein Buch "Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner".

Längst gibt es auch schulische Arbeitskreise zu Problemen wie Völkermord und Kolonialismus und in Mannheim existiert eine Interkulturelle Waldorfschule, die sich auch der Lösung von Integrationsproblemen widmet (www.interkulturelle-waldorfschule.de)

Es ist also etwas in Bewegung geraten in der anthroposophischen Szene: neben einer nach wie vor verhärteten Orthodoxie gibt es immer mehr selbstkritische Reflexion und den Versuch, Steiners Ideen für eine von Rassismus und Nationalismus befreite Zukunft zu beerben. Ein strittiger Punkt bleibt die Frage, wie essentiell Steiners Beurteilungen von "Rassen" und "Volksseelen" mit dem evolutionistischen Charakter seiner Weltanschauung zusammenhängen, in der alles auf Höherentwicklung angelegt ist.

Zur differenzierten Auseinandersetzung mit der Problematik seien folgende Webseiten und Publikationen empfohlen:

Humanistische Aktion (problematische Zitate Steiners bzgl. der Indianer und Schwarzen, die er noch "Neger" nennt etc.)
www.waldorf.net (Zusammenfassung des Gutachtens einer niederländischen Fachkommission, die die Berechtigung von Antisemitismus- und Rassismusvorwürfen gegenüber Steiner untersuchte)
http://www.hagalil.com/antisemitismus/deutschland/steiner.htm (Der Anthroposoph Ralf Sonnenberg über Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners)
Ansgar Martins kritischer Waldorf-Blog.
Helmut Zander:
Anthroposophie in Deutschland
Ansgar Martins: Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner
Heiko Seiffert: Rassistische Elemente in der Anthroposophie (1904-1953)

 

 

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