Zum Thema Rudolf Steiner und Rassismus:

In den letzten Jahren wurde gegen Steiner gelegentlich der Vorwurf des Rassismus und Antisemitismus erhoben. Man wählte aus den über 300 Bänden seines Gesamtwerkes einige z.T. wirklich befremdliche und diskriminierende Zitate aus und konstruierte daraus Anklagepunkte gegen die Anthroposophie, die als eine Art völkisch-okkulte Sekte dargestellt wurde. Steiner spricht etwa von "Negern", in deren Leibern die Sonne die Säfte "koche" oder von den Indianern als letztlich überlebte Rasse. Auch finden sich zuweilen Bemerkungen, die die Europäer als besonders bedeutendes und geistig hochentwickeltes Kulturvolk darstellen. Dass solche Stellen Farbige und Indianer in ihrer Würde verletzen, bedarf keiner grossen Erklärung und heutige Anthroposophen sollten daher in der Lage sein, sich davon kritisch zu distanzieren bzw. die Buchausgaben mit entsprechenden Kommentaren zu versehen.

Typisch für die immer wieder aufflammende heftige Reaktion auf solche Sätze ist jedoch, dass andere Stellen aus Steiners Gesamtwerk ausgelassen werden: etwa der häufig auftauchende Hinweis, dass im Verlauf der nächsten Jahrzehnte das Individuum eine wesentlich grössere Rolle spielen werde als Bluts- oder Rassenzugehörigkeiten. Oder der bereits erwähnte wichtige Zusatz von Steiners Reinkarnationslehre, wonach man im nächsten Leben - quasi zur geistigen Ergänzung - in ein anderes Geschlecht und eine andere Kultur schlüpfen müsse. Vor allem angesichts des Kerngedankens aller Anthroposophie - der Betonung der menschlichen Ich-Entwicklung - greifen die Rassismusvorwürfe nicht wirklich, vor allem wenn Steiner selbst als Rassist bezeichnet und damit in eine Linie etwa mit Gobineau, Chamberlain, Lanz von Liebenfels, Hitler oder Himmler gestellt wird.

Die oben erwähnten bizarren und für uns nicht mehr nachvollziehbaren Deutungen mögen u.a. daraus resultieren, dass Steiner mit vielen Zeitgenossen Ängste und Vorbehalte gegen fremde Kulturen teilte, die er noch nicht so gut kannte wie wir. Ob sie zwingend aus seinem evolutionistischen Weltbild hervorgehen, mag angezweifelt werden, da für Steiner der evolutionäre Fortschritt ja gerade aus der Loslösung von vererbten Kollektivmerkmalen (Blut, Stamm, Volk, Rasse) bestand. Steiner erlaubte sich gelegentlich etwas, das heute nur noch unter vorgehaltener Hand praktiziert wird, weil die Nazis es mit einem Tabu belegten: völkerpsychologische Differenzierungen, das Herausarbeiten auch von Unterschieden zwischen den verschiedenen Kulturen der Welt. Dabei mag er in einer europäischen Perspektive befangen gewesen und zuweilen sprachlich unsensibel gewesen sein. Aber zu Beginn des 20.Jahrhunderts gab es noch nicht die Fülle von Informationen über andere Kulturen, wie sie heute bereits jedes Schulkind lernt.

Steiner legte in jedem Fall besonderes Gewicht auf die mitteleuropäische Kultur: Goethe, Novalis, der deutsche Idealismus, das 19. Jahrhundert bedeuteten ihm viel. Zahlreiche "Dichter und Denker" Deutschlands und Österreichs verkörperten für ihn eine Geisteshaltung, die eine Balance zwischen Verstand und Intuition, Wissenschaft und Naturempfinden suchte und auf die Ganzheit der menschlichen Entwicklung schaute, ohne in einseitigen Rationalismus oder Mystizismus abzugleiten. Weil dies für Steiner ein wichtiges Modell eines künftigen - auch globalen - Menschenbildes war, beschäftigte er sich mehr mit mitteleuropäischer Philosophie, Naturwissenschaft und Literatur als mit japanischer Lyrik oder afrikanischer Bildhauerei. Dies mag man heute "Eurozentrismus" nennen, aber erstens projizieren wir damit unsere Erkenntnisse auf Steiners Epoche und zweitens muss eine solche Beschränkung nichts Negatives sein, wenn aus ihre universale Menschheitswerte (z.B. Achtung des Individuums) resultieren.

Dies aber ist im Gesamtwerk Steiners und in der heutigen Waldorf-Pädagogik weitgehend der Fall. Zwar mag es einzelne Lehrer geben, die Steiners rassistisch anmutende Äusserungen gelegentlich unkritisch weitertragen, aber das eigentliche Ziel der Waldorfpädagogik ist die Entwicklung zu einem freien und bewussten Individuum, das aus seiner Einzigartigkeit heraus Würde gewinnen und in einen Dialog mit der Welt treten soll. Längst gibt es schulische Arbeitskreise zu Problemen wie Völkermord und Kolonialismus und in Mannheim existiert eine Interkulturelle Waldorfschule, die sich der Lösung von Integrationsproblemen widmet (www.interkulturelle-waldorfschule.de) Ebenso gibt es weltweit Hunderte von Waldorfschulen, die dasselbe etwa in Afrika oder Asien betreiben (siehe z.B. www.freunde-waldorf.de/info/welt/)

Die Steiner-Kritiker, die dies ignorieren, tun dies auch aus einem generellen und selber irrationalen Unbehagen an jeder Form von Spiritualität heraus, das sie auf die Anthroposophie projizieren. Sie sind oft gefangen in einer eindimensionalen "wissenschaftlichen" Rationalität, der jedes Gefühl für z.B. Ästhetisches oder Religiöses fehlt und die diese Defizite scheinbar durch besondere Vehemenz kompensieren muss. Darüberhinaus fehlt vielen Kritikern die Geduld, sich ausführlich mit nicht ganz einfachen Gedankengängen auseinanderzusetzen, um dann ein ausgewogeneres Urteil zu fällen. Zuweilen spielt sicher auch Sensationslust und der Zwang zur schnellen Publikation eine Rolle: Man will auf den Zug aufspringen, der Esoterik undifferenziert mit Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus gleichsetzt und damit neue "Dämonen" kreiieren, mit denen Unwissende gut in lustvolle und verkaufsfördernde Panik versetzt werden können.

Dies ist im Fall der Anthroposophie besonders tragisch, weil diese - bei aller Kritikwürdigkeit - doch wichtige Elemente enthält, die gerade vor Neonazitum und Okkultismus schützen könnten: z.B. die Betonung des klaren, bewussten Denkens, die Heraushebung des Ichs sowie die Ablehnung der Wichtigkeit von Blutsbanden. Um dies zu erkennen, muss allerdings mehr getan werden, als nur in Registerbänden nach verdächtigen Schlüsselbegriffen zu suchen und diese dann in effektvolle Zitat-Collagen zu verwandeln.

Zur differenzierten Auseinandersetzung mit der Problematik seien folgende Webseiten empfohlen:

Humanistische Aktion (problematische Zitate Steiners bzgl. der Indianer und Schwarzen, die er noch "Neger" nennt etc.)
www.waldorf.net (Zusammenfassung des Gutachtens einer niederländischen Fachkommission, die die Berechtigung von Antisemitismus- und Rassismusvorwürfen gegenüber Steiner untersuchte)
http://www.hagalil.com/antisemitismus/deutschland/steiner.htm (Der Anthroposoph Ralf Sonnenberg über Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners)
Das Frankfurter Rassismus-Memorandum der anthroposophischen Zeitschrift Info 3, das sich kritisch mit Steiners rassistischen, antisemitischen und antijudaistischen Äusserungen beschäftigt

 

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