Auch im "Heliand", einer altsächsischen Nachdichtung der Evangelien aus dem 9. Jhd., wird Jesus Christus als Volkskönig beschrieben, von dem es heisst, er sei ein "milderer Herr" als die anderen. Die Jünger sind seine Gefolgsleute, ganz wie im germanischen Verhältnis zwischen einem Stammesführer und seinen Kriegern.

Die Bergpredigt wird als Rede eines deutschen Königs vor seiner Volksversammlung erzählt, die seinen Worten in schweigender Andacht lauscht. Die "Hochzeit zu Kana" erscheint als fröhliches Trinkgelage, was die Germanen zu schätzen wussten. Ebenso wird die Handlung in vertraute Landschaften verlegt und spielt nicht in der Wüste, sondern im norddeutschen Flachland nahe des Meeres. Dabei kommt der plastischen Darstellung der Elemente (Wind, Sturm, Brandung, Wellen etc.) eine besondere Rolle zu, ebenso tauchen gelegentlich altheidnische Vorstellungen auf (mehrere Götter als Schicksalsmächte, Fahrt der Toten ins Reich der Hel, Engel im Federhemd etc.)

Der "Heliand", im Auftrag von Ludwig dem Frommen vermutlich im Kloster Corvey/Westfalen geschrieben, ist die erste und zugleich bedeutendste überlieferte Dichtung in niederdeutscher Sprache, deren Rezeption jedoch nur über einige Jahrzehnte (ca. 845-875) anhielt.

Literatur: z.B. Klaus Gantert: Akkomodation und eingeschriebener Kommentar. Untersuchungen zur Übertragungsstrategie des Helianddichters, Tübingen 1998