Ich begann mich dafür zu interessieren, wie Sexualität und Weiblichkeit in der jüdisch-christlichen Tradition behandelt wurde, die Europa jahrhundertelang geprägt hatte. War bereits Jesus Christus ein Feind dieser Dinge gewesen oder wo setzte die Verdrängung und Verteufelung ein? Zu meiner Überraschung fand ich im Neuen Testament viele Stellen, die Christus in einem erstaunlich toleranten und "lockeren" Verhältnis mit Frauen zeigten.
 

Anders als einige Propheten des Alten Testamentes zuckte er nicht vor "Unreinen" oder "Bluterinnen" zurück, sondern nahm sie selbstverständlich als Menschen an. Selbst Ehebrecherinnen, für die Moses noch die Steinigung vorgesehen hatte, waren für ihn nicht grundsätzlich negativ behaftet. Als der Mob eine von ihnen lynchen will, sagt er die berühmten Worte: "Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" Jesus Christus erkennt die Gleichheit von Mann und Frau an und rät ihnen, sich zusammenzutun, um "ein Fleisch" zu werden. Interessanterweise sagt er nicht "eine Seele": Bedeutet ihm "Fleisch" noch eine höhere Einheit von Physis und Herz, körperlichen und spirituellen Gefühlen?

Gegen das alte jüdische Scheidungsrecht, das die Scheidung nur für den Mann vorsieht, setzt er diese Möglichkeit auch für Frauen durch. Niemals wütet er derart gegen "Buhlerinnen" und "Unzüchtige", wie es noch die alttestamentarischen Propheten taten, die manchmal so wirken, als wollten sie das sich selbst Versagte in der Glut ihrer Anklagen wieder zurückholen.

Ähnliches findet sich jedoch auch wieder bei Paulus und den ersten Kirchenvätern (Tertullian, Origines, Hieronymus, Augustinus etc.): Paulus mag Sexualität eigentlich nicht, aber er scheint die Ehe zu bejahen, um wenigstens eine kontrollierte Form der Triebabfuhr zu haben. Eigentlich aber sei es besser, Frauen gar nicht erst zu berühren, da sie im Gegensatz zum Manne kein wirkliches Ebenbild Gottes darstellten. Daher müssten sie ihm untertan sein, dürften nicht lehren oder disputieren und seien letztlich - wie Eva - die Mütter aller Sünde.

Für den christlichen Theoretiker Augustinus schliesslich fliesst durch den trüben Kanal des Geschlechtlichen nur Satanisches in den Menschen und bis heute gilt in der katholischen Kirche seine Doktrin des Priesterzölibates und die Einschränkung der Sexualität auf reine Fortpflanzung. Für spätere Kirchenväter ist die Frau gar das "Tor zur Hölle", die "Gehilfin des Teufels" und selbst Luther vermochte trotz einiger Reformen dem Geschlechtlichen keinen tieferen Sinn innerhalb der Religion zu geben. Dass solche Lehren später blutige Wirklichkeit wurden, zeigt die Geschichte der Hexenverfolgungen, denen in Europa Hunderttausende von unschuldigen Frauen zum Opfer fielen.