Herrschte um mich herum nicht vorwiegend eine von allem Metaphysischen befreite Erotik, ein Kult des Äusserlich-Sexuellen, Physischen und Hedonistischen, der sich vehement in Werbung, Talk-Shows, Pornographie und Medien manifestierte? Auf den zweiten Blick entdeckte ich zusätzlich seltsame Verknüpfungen von Sexualität und der Aura des Religiösen, Magischen und Okkulten. Warum wurde der Sexualmörder Hannibal Lecter in Kreuzesform abgebildet: Zerrbild eines "dunklen Heiligen" für eine Gesellschaft, die Metaphysisches nur noch als Karrikatur zu rezipieren weiss? Und was war mit der seltsamen Gier der Medien auf die Rituale von Serienkillern, Vermischungen von Satanismus und Sexualität oder die Orgien dubioser Sekten?

War dies der Preis für eine jahrhundertlange Erniedrigung des Körperlich-Sexuellen durch das Christentum, die jetzt in Entfesselung und Morbidität umschlug? Und hatte nicht die Psychoanalyse Freuds, trotz ihrer emanzipatorischen Qualitäten, den Zusammenhang von Eros und Religion ein zweites Mal auseinandergerissen, weil sie alles Metaphysische in der Libido aufzulösen trachtete? Ahnte die moderne Gesellschaft in ihren merkwürdigen Obsessionen wieder etwas davon, dass Sexualität doch tiefer mit dem Transzendenten und Elementaren verbunden war, als es unser materialistisches Weltbild wahrhaben wollte?