Manchmal hält das Schicksal "Zufälle" bereit, die vielleicht doch mehr sind als das. So stiess ich bei den Vorbereitungen für dieses Heft auf einen literarischen Text, der in mehrfacher Hinsicht dazu passte: die Erzählung "Der Ketzer von Soana" von Gerhart Hauptmann. War Hauptmann mir aus meiner Schulzeit nur als Dichter grauer Sozialdramen ("Die Weber") in Erinnerung geblieben, so trat mir hier ein packendes Meisterwerk entgegen, das viele Facetten des aktuellen ATALANTE-Themas auszuloten schien. Es erzählt die Geschichte eines 25jährigen Priesters, der in den gewaltigen Bergwelten des Tessin der Liebe zu einer Hirtentochter verfällt, die ihn aus seiner christlichen Sicherheit in Abgründe von Eros und archaischer Naturreligion stürzt. Da dieses Werk heute nahezu unbekannt und zudem ein seltenes Beispiel gelungener "mythologischer" Literatur darstellt, wollen wir es hier in einer zusammengefassten Nacherzählung präsentieren.  
  Der Ich-Erzähler, vielleicht Hauptmann selbst, der manche Sommerfrische im Tessin verbrachte, trifft am Anfang auf einen "Sonderling", der alleine in einer einsamen Gegend des Monte Generoso haust. Nachdem die beiden etwas vertraut miteinander werden, liest dieser ihm eines Tages Skizzen zu einer Geschichte vor, die sich in der Gegend vor vielen Jahren einmal ereignet haben soll.

Ihr Held ist ein fleissiger und gottesfürchtiger junger Pater -
Francesco Vela - der zum Dienst in ein kleines Bergnest der Umgebung versetzt wird, wo er pflichtbewusst und beliebt den Kirchen- und Schuldienst verrichtet.

Irgendwann erfährt er von der Existenz einer merkwürdigen Familie hoch oben in den Bergen, die - ungetauft - ein Ärgernis der frommen Gegend darstellt und zudem noch der Inzucht beschuldigt wird. Da die Kinder ab und zu im Dorf wütende Reaktionen entfesseln, die beinahe schon einmal bis zur Steinigung führten, stellt dies ein ernstes Problem dar, das irgendwie gelöst werden muss.