Sexualmagie in der Praxis

Nicht zuletzt aufgrund der von Spare entwickelten Vorstellungen und der von ihm beschrittenen neuen Wege ist die Sexualmagie, zuweilen als "Tantra des Westens" bezeichnet, mittlerweile zu einer Disziplin avanciert, die vermehrt auch von Personen ausserhalb magischer Orden praktiziert wird. Auf einer sexuellen Basis beruhende Magie ist daher, obschon stigmatisiert, in den vergangenen Jahren zu einer gewissen Popularität gelangt - trotz der Tatsache, daß Angehörige mancher Gruppen die unbestreitbare Neigung haben, diese Form der Magie partout mit sexueller Devianz verwechseln zu wollen. Wie alle Handlungen magischer Natur beruht auch die Arbeit mit den sexuellen Energien des Menschen auf der Annahme, bestimmte Techniken wären geeignet, den Bewußtseinszustand derart zu beeinflussen, daß Veränderungen in geistiger und materieller Hinsicht möglich sind. Nach diesem Verständnis von Magie sind ekstatische und tranceartige Zustände, wie sie gerade für den Zustand sexueller Erregung oder des Orgasmus charakteristisch sind, anzustreben, sofern sie durch einen geschulten Willen beherrschbar bleiben.

Von großer Wichtigkeit und nahezu unerläßlich für den Erfolg einer magischen Operation ist neben einer ausgeprägten Willenskraft auch die Fähigkeit zur Imagination, das Vermögen, aufgebrachte Energien zu einem klaren Bild zu formen. Eine der Grundvoraussetzungen jeglicher magischer Arbeit stellt daher eine möglichst vollständige Beherrschung der Gedanken und aller unbewußten körperlichen Regungen dar, wie sie durch verschiedene Konzentrations- oder Meditationsübungen erreicht werden kann. Aus dem asiatischen Raum sind etliche solcher Techniken überliefert, die sich, mit eventuellen leichten Abänderungen, auch Personen anderer Kulturkreise zu eigen machen können. In weiterer Ableitung dieser Techniken steht die Wahrnehmung der sogenannten feinstofflichen Energien, beispielsweise der Aura einer anderen Person oder der visionären Schau, wie sie durch die Arbeit mit Kristallkugeln oder speziell gefertigten Spiegeln trainiert werden kann.

Für eine erfolgreich praktizierte Sexualmagie ist ferner die Kenntnis des eigenen Körpers sowie der eigenen sexuellen Kräfte unabdingbar. Vor der eigentlichen Praxis kommt daher für jeden Übenden eine genaue Erkundung der Möglichkeiten, in welcher Weise diese Energien am einfachsten und effektivsten hervorgerufen werden können. Zu den vorbereitenden Übungen zählen aus diesem Grunde vor dem Hintergrund einer allgemein positiven Haltung gegenüber dem eigenen Körper diverse Yoga-Techniken sowie die willentliche Steuerung der sexuellen Erregung, zu der auch die Orgasmusverlängerung und die -verzögerung gehören. Ralph Tegtmeier, Angehöriger der "Fraternitas Saturni", erörtert diesen Komplex in seinem unter dem Ordensnamen Frater V.D. veröffentlichten "Handbuch der Sexualmagie" auf die für ihn typische unprätentiöse Weise:

"Konzentrieren Sie sich jedesmal, wenn der Orgasmus Sie zu überwältigen droht, auf etwas anderes. Im Volksmund wird viel darüber gewitzelt, daß Porno-Darsteller (vor allem männliche) immer, wenn es ‚kritisch‘ wird, an ihre Steuererklärung denken, im Geiste komplizierte Berechnungen durchführen oder sich sonstwie ablenken, um die Überreizung abzubauen. Natürlich können Sie ähnlich verfahren, doch wollen wir hier im Rahmen der Magie bleiben und unsere Konzentrationen entsprechend auf magische Ziele richten." (7)

Diese Ziele können, je nach Neigung und Bedürfnis des Einzelnen, so ziemlich alles umfassen, was auf magischem Wege erreichbar ist. So ist das Anstreben eines sexualmagischen Verkehrs mit Sexualdämonen, den aus der mittelalterlichen Literatur hinlänglich bekannten Inkubi und Sukkubi, ebenso eine, wenn auch nicht ungefährliche Option wie die von Spare bevorzugte Arbeit mit Atavismen. Auch der astrale Koitus mit einer geliebten Person ist auf diesem Wege denkbar und wird von Praktikern als ausgesprochen intensive Erfahrung beschrieben. Schlichte Gemüter mögen sich unter Umständen schon mit der Lenkung ihrer Kraft auf profanere Ziele wie etwa die Erlangung einer finanziell besser dotierten beruflichen Stellung begnügen. Auch in solchen Bereichen - so glauben manche - kann die Anwendung von Sexualmagie durchaus überraschende Erfolge zeitigen.

Zu den wirksamsten Methoden in diesem Segment der Magie soll auch die durch Spare zu einigem Ruhm gelangte praktische Anwendung von selbsentworfenen Sigillen zählen. Hierzu verfertigt der Magier eine abstrakt anmutende Zeichnung, die die Essenz eines von ihm gefassten Vorsatzes oder Wunsches beinhaltet. Es gibt unterschiedliche Verfahren zur Konstruktion derartiger Sigille, von denen die gebräuchlichste auf der Formulierung eines knappen Satzes basiert, dessen einzelne Buchstaben unter Auslassung aller mehrfach vorkommenden miteinander kombiniert werden. Nach Fertigstellung der Zeichnung wird diese durch die entsprechenden sexualmagischen Verfahren geladen, indem zum Zeitpunkt des Orgasmus die gesamte zur Verfügung stehende geistige Energie auf das Piktogramm gelenkt wird. Durch dieses Vorgehen wird der in der Sigil dargestellte verfremdete Inhalt im Unterbewußtsein verankert und beginnt nun autonom zu wirken.
 


Im allgemeinen werden vier Varianten der Sexualmagie unterschieden:

1. die autoerotische Praxis
2. die heteroerotische Praxis
3. die homoerotische Praxis und
4. die rituelle Arbeit in Gruppen

Während die Ausübung dieser Formen nur äußerst selten, so etwa im Falle einer Vergewaltigung, zum Gegenstand strafrechtlicher Verfolgung werden, sind bestimmte sexuelle Abweichungen wie Sodomie oder Nekrophilie vom Rechtsgeber unter Strafe gestellt. Bei der rituellen Nekrophilie, die gerüchtehalber in manchen Kultgruppen praktiziert wird, steht meist der sexuelle Verkehr auf dem Leichnam, seltener der Verkehr mit dem Leichnam im Vordergrund. Ebenso wie die Nekrophilie findet auch die Sodomie schon in altägyptischen Schriften Erwähnung. Zweck der Sodomie im Rahmen sexualmagischer Operationen ist im allgemeinen die Arbeit mit den Atavismen der beteiligten Tiere. Als weitere deviante Praktik ist die Koprophagie, der Verzehr von Kot sowie ihre Abarten, die Aufnahme anderer Exkremente und Körperflüssigkeiten zu erwähnen, wobei in diesen Fällen der Umgang mit einem sexuell tabuisierten Thema und der Gedanke, daß diese Absonderungen anteilig Kraftträger sind, die Grundlage für dieses merkwürdige Gebaren bilden. Auch sadistischen und masochistischen Verhaltensweisen werden in der Sexualmagie für gewöhnlich ebenso wie der Koprophagie allenfalls in Hinsicht auf ihren Wert als Grenzerfahrung eine gewisse Bedeutung zugemessen.

Sexualmagie ist sicherlich eines der faszinierendsten, tiefgreifendsten und noch am wenigsten erforschten Gebiete innerhalb des Gesamtgebietes des Okkultismus. Eine sinnvolle Nutzung ihrer vielfältigen Möglichkeiten ist jedoch allein von der Reife des Einzelnen abhängig. Dass es auf diesem Gebiet immer wieder auch zu Verbindungen mit Gewalt, Kindesmissbrauch und sonstigen kriminellen Machenschaften kommt, muss nicht unbedingt der zugrundeliegenden Philosophie der Sache selbst angelastet werden. Gleichwohl scheint diese oft elementare Kräfte freizusetzen und in Grenzbereiche zu führen, denen nicht jeder gewachsen ist. Hier hilft nur genaue und differenzierte Betrachtung des Einzelfalles sowie die Erinnerung daran, dass Sexualmagie in erster Linie nicht der Befriedigung rein spielerischer oder gar pathologischer Neigungen gilt, sondern einer verschärften Selbsterkenntnis des Menschen und seines Körpers.
Um mit Evola zu schließen: "Auch in Bezug auf den Sexus hängen die Wiederentdeckung seines primären und tiefsten Sinngehaltes und der Gebrauch seiner höheren Möglichkeiten von der eventuellen Reintegrierung des modernen Menschen ab, von dem Maß, in dem er sich wieder erheben und sich über die psychischen und geistigen Niederungen hinwegsetzen kann, in die er durch die Trugbilder seiner materiellen Zivilisation geführt worden ist." (8)


7) Frater V.D.: Handbuch der Sexualmagie. Praktische Wege zum eingeweihten Umgang mit den subtilen Kräften des Sexus. Haar 1986, 87
8) Evola, Julius: a.a.O. 477

Arvid Dittmann (geb.1967) arbeitet als Discjockey, Sozialpädagoge und Redakteur des in Berlin erscheinenden "Journal der Jugendkulturen" (www.jugendkulturen.de)

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