Sexualmagie im modernen Okkultismus

Die Renaissance des von der Aufklärung längst totgesagten abendländischen Okkultismus geht vorrangig auf das Wirken der aus deutsch-russischem Adel stammenden Abenteurerin Helena Petrowna Blavatsky und der von ihr 1875 gegründeten "Theosophischen Gesellschaft" zurück. Das synkretistische Weltbild der Theosophie wurzelte in nicht geringem Maße auf religiösen Überlieferungen aus dem asiatischen Raum und beinhaltete auch den dem Hinduismus entlehnten Glauben an Reinkarnation und das Karmaprinzip. Die Integration dieser und anderer Elemente in die theosophische Lehre sollte in späteren Jahren die Akzeptanz östlichen Gedankengutes in der sogenannten westlichen Welt in hohem Maße begünstigen. Vor diesem Hintergrund wird auch die Einbeziehung bestimmter Aspekte des in Innerasien entwickelten Tantrismus und des Kundalini-Yoga innerhalb gewisser magisch arbeitender Orden und Gruppen verständlich, welche die sexuellen Kräfte des Menschen im Rahmen ihrer Riten nutzten.

  Schon vor der Gründung der "Theosophischen Gesellschaft", die im übrigen sexualmagische Lehren aus ihrem Weltbild ausklammerte, hatte sich der 1825 geborene Afroamerikaner Paschal Beverly Randolph intensiv mit den Möglichkeiten einer Nutzung des Sexus für magische Zwecke beschäftigt. Diverse Begegnungen mit Derwischen und Fakiren während ausgedehnter Reisen legten das Fundament für ein später von ihm ausgearbeitetes sexualmagisches System, dessen Grundzüge er in verschiedenen Privatdrucken mit Rücksichtnahme auf herrschende Moralvorstellungen mehr oder minder deutlich herausarbeitete. In einem Manuskript mit dem Titel "Ansairetic Mystery - A New Revelation Concerning Sex" erörterte er die Gefahren und Möglichkeiten sexualmagischer Praktiken und gab dem Leser diesbezügliche Hinweise. Für Randolph war der bewusste Umgang mit den vielfältigen und subtilen Formen des Sexus somit eine Kraftquelle von immenser Potenz, die in unterschiedlichster Weise zu nutzen war.
Randolphs Pionierleistungen auf diesem Gebiet wurden allerdings von Seiten anderer Okkultisten dieser Zeit nur bedingt gewürdigt. Erst der 1895 von dem Wiener Industriellen Karl Kellner, einem Freimaurer und Theosophen und anderen gegründete "Ordo Templi Orientis" ("O.T.O.") sollte Randolphs Konzeptionen der Sexualmagie zu einer gewissen Popularität verhelfen. Ein Jahr nach Kellners Tod im Jahr 1905 wurde der Orden, dessen Name offenkundig auf den Templerorden Bezug nahm, von Theodor Reuss (Foto) als alleinigem Leiter reformiert. Einen der Schwerpunkte der Rituale bildete die praktische Auseinandersetzung mit der Sexualität, die im "O.T.O." in den Graden VIII° bis XI° durchexerziert wurde. Bis heute kursieren falsche Behauptungen, dass auch Rudolf Steiner, der spätere Begründer der Anthroposophie, Mitglied des O.T.O. gewesen sein soll, die aber nicht verifizierbar sind (siehe dazu etwa www.cyberlink.ch)  
  Weiteres prominentes Mitglied war der britische Magier und Philosoph Aleister Crowley, den Reuss 1912 in London aufsuchte und den er als Leiter des Ordens in England einsetzte. Im Jahr 1925 übernahm Crowley unter dem Ordensnamen "Baphomet" die Leitung des "O.T.O.", die er bis zu seinem Tode 1947 inne haben sollte. Crowleys Vorstellungen in Hinsicht auf Sexualmagie beruhten vorrangig auf Prämissen, wie er sie in seinem 1909 veröffentlichten Buch "Liber Al vel Legis" ("Das Buch des Gesetzes") niedergelegt hatte. Der Text dieses Werkes war ihm fünf Jahre zuvor während eines Aufenthaltes in Ägypten von einer astralen Wesenheit mental mitgeteilt worden und enthielt, quasi als Credo, die oft als Aufruf zu blanker Willkür mißdeuteten Axiome: "Tue was du willst, sei das ganze Gesetz" sowie "Liebe ist das Gesetz - Liebe unter Willen".

Nach Crowleys Sozialphilosophie bedeutete dies allerdings, daß Harmonie nur zu erreichen ist, wenn jeder Mensch seinem wahren Willen folgt - und bei weitem nicht dem, was er dafür halten mag. Die sich auch in der Sexualität manifestierende Liebe muß eine durch diesen Willen bestimmte Richtung erhalten, damit das Handeln des Individuums im Einklang mit den kosmischen Gegebenheiten erfolgen kann. "Das Gesetz von Thelema", ein griechischer Begriff, der soviel wie Willen bedeutet, wird - so Crowley - die Basis des anbrechenden Wassermannzeitalters, des "Äons des Horus" sein. Crowley, der sich als selbsternannter Prophet dieses Äons in gänzlich unbescheidener Manier den bezeichnenden Titel "The Great Beast 666" verliehen hatte, war ein bekennder Anhänger der Sexualmagie, die er mit Partnern wechselnden Geschlechtes bei jeder sich bietenden Gelegenheit durchführte. John Symonds, Biograph und Nachlaßverwalter von Crowley gibt eine anschauliche Schilderung von des Meisters Vorlieben: "Aus Crowleys Tagebuch The Magical Record of the Beast 666 wissen wir genau, mit wem er seine Sexualmagie praktizierte -, ob mit einer 'angesehenen Ehefrau', dem gelegentlichen Ballettmädchen oder mit sich selbst, ob mit einer seiner Ordensschwestern, ob mit seiner Frau in Scharlach oder einer hoffnungsvollen Aspirantin auf diesen Posten. Ebenso kennen wir den Zweck der jeweiligen Werke, sei es Erweiterung seiner Kenntnis der Mysterien, Erlangung von Weisheit oder sexueller Kraft, Geld oder irgendwelche anderen, mehr oder weniger exaltierten Zwecke." (4)

  Die im "O.T.O." praktizierten sexualmagischen Techniken lassen sich in vielem auf den Tantrismus indischer Herkunft zurückführen, nach dem die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau eine symbolische und reale (!) Inkarnation des Götterpaares Shiva und Shakti darstellt. Der ansonsten nicht unumstrittene italienische Kulturphilosoph Julius Evola (Foto) bemerkt dazu: "Man soll sich der ontologischen Prinzipien von Schiwa und Schakti oder anderen gleichwertigen Gottheiten, die im Körper des Mannes und der Frau gegenwärtig sind, bewußt werden; man soll, rituell und sakramentell, zu einem Zustand gelangen, in dem die eigene tiefste Natur verwirklicht wird, in dem also der Mann sich tatsächlich als Schiwa, die junge Frau als Schakti fühlt. Das ist die Voraussetzung für eine sexuelle Vereinigung, die ihren nur physischen und fleischlichen Charakter verliert, um einen magischen anzunehmen." (5)

Eine andere Gruppierung, die schon frühzeitig Sexualmysterien in ihre Riten integrierte, war die offiziell zu Ostern 1928 in Berlin von dem Buchhändler Eugen Grosche unter seinem Ordensnamen Gregor A. Gregorius gegründete und oben bereits erwähnte "Fraternitas Saturni". Diese Gründung war das Ergebnis einer 1925 in Thüringen stattgefundenen Konferenz, an der, einberufen von der "Pansophischen Loge", neben Grosche und anderen auch Aleister Crowley teilnahm. Im Verlauf dieser Konferenz kam es zu Auseinandersetzungen, die sich an der Person Crowleys entzündeten und kurz darauf zur Auflösung der "Pansophia" führten, aus deren Überresten nun die "Fraternitas Saturni" entstand.
Trotz der Annahme des "Gesetzes von Thelema" durch Gregorius war die nach freimaurerischem Vorbild organisierte Loge keinesfalls nur an Crowleys Lehren orientiert. Weitere wichtige Bestandteile ihrer Lehre waren ein ausgeprägter Luziferianismus, Elemente der von Hanns Hörbiger entwickelten "Welteislehre", Alchemie, Yoga und verschiedene Formen der Sexualmagie. Aufgrund all dieser Komponenten und in Sonderheit der im 18. Grad praktizierten sexualmagischen Riten wurde und wird die "Fraternitas Saturni" nicht selten als satanistischer Orden bezeichnet. Derlei vordergründige Vorhaltungen erhielten neue Nahrung nach Bekanntwerden der Existenz sogenannter geheimer "Studienkreise", deren Zweck wie folgt beschrieben wird: "Zur einen oder anderen Zeit wurden in derartigen ‚Studienkreisen‘ allgemeine sexualmagische Praktiken (besonders solche, bei denen mehrere Sexualpartner oder Partner gleichen Geschlechts beteiligt waren), Zeremonien, die den Gebrauch illegaler Drogen beinhalteten (die in der FS vor allem im Weihrauch verwendet wurden) sowie Tieropfer und bisweilen auch Evokationen und spiritistische Arbeiten durchgeführt." (6)
Eines der Ziele der von Mitgliedern der "Fraternitas Saturni" durchgeführten sexualmagischen Operationen war die Erschaffung eines sogenannten Psychogons, einer astralen Wesenheit, die zu bestimmten Zwecken eingesetzt werden kann. Nach erfolgreichem Vollzug eines Rituals, in dessen Verlauf ein Stück Pergament mit den Sexualsekreten beider an dem Ritus beteiligten männlichen und weiblichen Partner bestrichen wird, entsteht ein mentales Wesen, dessen "Charakter" vom Willen seiner Erzeuger abhängig ist. In ähnlicher Weise - unter Beachtung gewisser astrologischer Voraussetzungen - kann auch versucht werden, magisch auf die Persönlichkeit eines zu zeugenden Kindes Einfluß zu nehmen.

  Derartige Praktiken haben entfernte Parallelen zu dem von dem Engländer Austin Osman Spare (1886 - 1956) erdachten Konzept der Sigillenmagie, welches er vor dem Hintergrund seiner Forschungen zum Komplex der von ihm so bezeichneten "atavistischen Nostalgie" entwickelte. Spare war kurzfristig Angehöriger des von Crowley 1906 gegründeten mystischen Ordens "Argenteum Astrum", entschied sich jedoch schon bald, eigene Wege zu gehen und nannte sein System der Magie "Zos Kia Kult". Zos steht hierbei für die Einheit von Körper, Geist und Seele, während Kia das kosmische Selbst bezeichnet, die Matrix, vor der alle Handlungen stattfinden. Dieses, von der Psychoanalyse Sigmund Freuds geprägte, ausgesprochen unorthodoxe System beruht in erster Linie auf der Annahme, daß atavistische Schichten des Unterbewußtseins durch magische Operationen wieder aktiviert werden können.

In seinem Buch "The Book Of Pleasure (Self-Love)" erläuterte Spare diverse Techniken sexualmagischer Natur, die eine Rückführung in frühere evolutionäre Ebenen der Existenz ermöglichen. Spares Arbeit unterscheidet sich deutlich von derjenigen seiner Zeitgenossen. Neben ihrer erkennbaren Nähe zu Teilbereichen der modernen Psychologie zeichnet sie sich vor allem durch eine recht einfache Strukturierung aus, die für die Praxis von großem Vorteil sein kann.

4) Symonds, John: Aleister Crowley, das Tier 666: Leben und Magick. München 1996, 243.
5) Evola, Julius: Die große Lust. Metaphysik des Sexus. Bern 1998, 402 f. (Obwohl dieses Alterswerk frei von dem sonstigen, auch problematischen Gedankengut Evolas ist, gilt sein Autor vielen als Vorbereiter des italienischen Faschismus, der auch heute noch von seinen Ideen zehrt. Vor allem seine Verklärung einstiger angeblich hochentwickelter Urepochen der Menschheit, seine antisemitische und antichristliche Haltung sowie die Befürwortung eines hierarchischen Führerstaates brachten ihm viele Sympathien von rechter Seite ein. Gleichwohl teilte Evola nie das rassistische Konzept des deutschen Nationalsozialismus, sondern forderte eine spirituelle Erneuerung der Gesellschaft auf rein geistiger Basis). Mehr unter www.idgr.de/lexikon/bio/e/evola-julius/evola.html
6) Flowers, Stephen: Feuer und Eis. Die magischen Lehren des deutschen Geheimordens Fraternitas Saturni, Wien 1993, 91 f.