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Eine
kurze Geschichte sexueller Magie und ihrer Verfechter Die Thematisierung von Sexualität im Kontext magischer Handlungen dürfte bis in die Vorzeit zurückreichen. Aus der Steinzeit erhaltene Darstellungen von Frauengestalten mit deutlich überbetonten weiblichen Merkmalen wie die berühmte Venus von Willendorf (ca. 30.000 vor der Zeitenwende) gehen mit ziemlicher Sicherheit auf schamanistische Fruchtbarkeitskulte zurück. Ebenso verhält es sich mit den in Frankreich oder der früheren Sowjetunion gefundenen steinernen Nachbildungen der primären Geschlechtsorgane und Koitusdarstellungen. Aus späteren Jahrtausenden sind stark sexualisierte Kultformen im Mittelmeerraum dokumentiert, die in erster Linie der Verehrung der Mondgöttin Ishtar (Sumer), beziehungsweise Isis (Ägypten) gewidmet waren. Auch den alten Griechen waren derartige Kulte nicht fremd: Im ausgehenden Zeitalter des Widders wurden in Griechenland die Götter Dionysos und Priapus verehrt - letzterer dargestellt mit den Hörnern einer Ziege und einem ständig erigierten Phallus. Dionysos, Priapus, Pan und der keltische Cernunnos - sie alle sind Variationen des einen Gehörnten Gottes der Fruchtbarkeit und der Lebenskraft, die ihn zuletzt auch als Teufel der Christenheit nicht verlassen sollte. |
Darüberhinaus ist anzunehmen, daß sich der sakrale Umgang mit dem Eros in diesen Zeiten nicht ausschließlich auf Fruchtbarkeitsriten beschränkte, wenngleich ein Nachweis für magische Handlungen jenseits dieses Bereiches schwer zu führen ist. Innerhalb des Christentums sollte es in späteren Zeiten ebenfalls Strömungen geben, die, beeinflusst durch die Reste gnostischen Gedankengutes, sexualmystische Züge aufwiesen. Der christliche Glaube beinhaltete selbst magische Riten in nicht geringer Zahl, so etwa das Bekreuzigen zur Abwehr des Bösen, die Opfergabe beim katholischen Abendmahl oder den Exorzismus. Mit Beginn des zwölften Jahrhunderts begann sich allerdings mählich die Tendenz durchzusetzen, okkulte Handlungen, die im Widerspruch zu den Auffassungen der römisch-katholischen Kirche standen, fortan nicht mehr zu dulden. Dieser Auffassung entsprach die Behandlung der sich mehrenden häretischen Bewegungen, deren unorthodoxe Lehren durch strenge Edikte und Feuer und Schwert bekämpft wurden. Als exemplarisch für dieses Vorgehen mag die machtpolitisch orientierte Zerschlagung des Templerordens gelten, dessen letzter Großmeister, Jaques de Molay im März des Jahres 1314 auf einer Seine-Insel verbrannt wurde. Die Anklage gegen die Ordensoberen unterstellte die Ausübung unchristlicher Handlungen wie die Anbetung eines heidnischen Idols, des Baphomet, gleichgeschlechtliche Unzucht und ferner Praktiken wie den osculum obscaenum, den rituellen Kuß auf den Anus. Ungeachtet der Tatsache, daß nicht erwiesen ist, inwiefern solche Vorwürfe zutreffend waren, spielt die Legende der Templer eine nicht unbedeutende Rolle in den Glaubenssystemen satanistischer und nicht-satanistischer Orden, die einige ihre Praktiken auf die Templer zurückführen. Zur Zeit der gewaltsamen Unterdrückung sogenannter ketzerischer Irrlehren war die Todesstrafe zum beliebtesten Mittel im Instrumentarium der hauptsächlich von Dominikanermönchen geleiteten, um 1229 in Toulouse eingeführten Inquisition geworden. Im Jahre 1275 fand eben dort die erste offizielle Exekution einer der Hexerei beschuldigten Frau statt, die öffentlich verbrannt wurde. Nach der Vernichtung der mächtigen Ketzerbewegung zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts sah die Kirche ihren Hauptfeind nunmehr in Satan und den mit ihm Verbündeten. Nach Diktion des 1485 erschienenen "Malleus Maleficarum", des berüchtigten "Hexenhammers", der schnell zum Handbuch der Inquisition avancierte, sind Hexen und Zauberer Menschen, die Gott verleugnen, mit dem Teufel einen Bund eingehen und sich ihm mit Leib und Seele verschreiben. Es gibt zahllose, in vielen Punkten übereinstimmende Berichte, die das ausgelassene Treiben auf den zu Ehren Satans gegebenen Feiern in aller Deutlichkeit schildern: Nach Ankunft der Teilnehmer am Versammlungsplatz, zumeist eine Anhöhe oder ein anderer unwirtlicher Ort, wird dem Teufel als dem Großmeister die ihm gebührende Ehrerbietung durch einen Kuß auf sein Hinterteil erwiesen. Hierauf beginnt im allgemeinen die Opferung der von den Hexen verschleppten Kinder, die vor schwarzverhangenem Altar in einer feierlichen Zeremonie dargebracht werden. Im Anschluß an das Opfer folgt ein opulentes Mahl, nach dessen Ende obszöne Tänze nach sonderbaren Melodien aufgeführt werden. Bald darauf wird am Altar die Messe, unter Verwendung von aus Kirchen geraubten und mit Sperma getränkten Hostien in großer Feierlichkeit zelebriert. Es folgt nun ein weiterer Tanz, der auf ein Zeichen des Satans in einer hemmungslosen Orgie endet. Vergleichbare blasphemische Riten sind von den sogenannten "schwarzen Messen" überliefert, deren Blüte im Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts war. Diese Messen konnten nur von einem geweihten, abtrünnigen Priester der Kirche oder dem geweihten Meister einer geheimen Bruderschaft abgehalten werden. Für gewöhnlich lag auf dem Altar der nackte Leib einer Jungfrau, auf dem der Priester seine Handlungen zu verrichten hatte. Der in diesem Ritus verwendete und für eine zünftige Messe unerläßliche Meßkrug enthielt Sperma, Menstruationsblut und Urin. Der klassische Satanismus bezog sich in diesen Punkten eindeutig auf kirchliche Riten, die nachgeahmt, invertiert und pervertiert wurden. Sakramentenlehre und Transsubstantionsglaube waren und sind daher, wenn auch in verkehrter Form grundlegende Bestandteile der "schwarzen Messen". Friedrich-Wilhelm Haack bemerkt dazu, daß es einen "protestantischen Satanismus dieser Art" nicht gegeben hätte. (2) Die in den vergangenen Wochen und Monaten bekannt gewordenen zahllosen Fälle von sexuellem Mißbrauch von Minderjährigen durch katholische Würdenträger in den USA, Afrika oder Polen sind jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach kaum das Ergebnis eines rituellen Aktes im Rahmen einer "schwarzen Messe", sondern dürften eher sehr profane Ursachen haben. Der Papst höchstselbst kommentierte diese Vorgänge allerdings mit den Worten: "Einige unserer Brüder haben die empfangene Gnade der Weihe verraten, indem sie den schlimmsten Formen des Mysteriums des Bösen nachgaben." (3) In Anlehnung an das Vorbild des historischen Satanismus etablierten sich in den dreißiger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts in England und Irland zahlreiche sogenannter "Hellfire Clubs", die zu einer Spielstätte von exzentrischen und gelangweilten Aristokraten wurden. Das religiöse Element war in diesen Clubs so gut wie völlig einem Ausleben lasziver Wollust gewichen. Obwohl weiterhin die für "schwarze Messen" typischen Symbole und Requisiten wie das verkehrte Kreuz oder ein schwarzverhangener Altar Verwendung fanden, ist begründeter Zweifel angebracht, ob die vollzogenen Riten tatsächlich von irgend einem der Teilnehmer für ernst genommen wurden. Das anbrechende Zeitalter der Aufklärung brach nun konsequent mit den religiösen und okkulten Traditionen Europas und auch die mythische Gestalt des mittelalterlichen Teufels wurde profaniert und zum bloßen Symbol lasterhafter Ausschweifungen degradiert. |
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| 2)
Haack, Annette und Friedrich-Wilhelm: Jugendspiritismus und -satanismus.
Begriffe - Informationen - Überlegungen. München 1989, 17 3) Berliner Zeitung, 25.03.2002 |
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