In seinem Buch "Lucifer - Stationen eines Motivs" gibt Ernst Osterkamp eine Einschätzung des luziferianischen Mythos, der sich durchaus mit den Anschauungen der "Fraternitas Saturni" deckt:

"Lucifers Ringen, seine Zerschlagung aller einengenden Regeln und Maßstäbe zugunsten der persönlichen Entfaltung, vermochte dabei das mythische Urbild für die geistige Anstrengung der Überwindung aller irdischen Hemmnisse mit dem Ziel einer Rückkehr zu Gott abzugeben, ja Lucifer gewinnt hier nach gerade die Funktion einer Symbolgestalt irdischen Ringens. Er ist positiv in seiner Zielorientiertheit, als Lichtbringer, als Wegbereiter zu Gott, negativ aber und dunkel getönt als Vergegenwärtigung der noch bestehenden Verhaftung ans Irdische, der noch nicht gelungenen Loslösung aus weltlichen Zusammenhängen." (1)
"Luzifer Morgenstern"
von Fidus (Hugo Höppener)
 

Diese Allegorie wurde in der "Fraternitas Saturni" auch in astrophysikalischen Sinne betrachtet. Danach ist Luzifers Fall, der Abfall des Lichtes mit der Absonderung planetarer Masse aus der Sonnensphäre gleichzusetzen. Diese Ansicht korrespondiert mit dem altägyptischen Mythos des Sonnengottes Horus, dessen rechtes Auge von seinem Bruder Seth geraubt und in vierundsechzig Teile zerrissen wurde. Der Gott der Magie und Weisheit, Thot, sammelte die einzelnen Fragmente ein und setzte das Auge wieder zusammen, behielt jedoch - so eine Version der Überlieferung - den vierundsechzigsten Teil, der nach Lesart mancher Exegeten dieses Mythos Seth selber darstellt. Seth, etymologisch gleichbedeutend mit Satan und Saturn wird als das einstige Zentrum der Sonne und von ihr ausgehend betrachtet.
Die Sonne ist der Mittelpunkt des Planetensystems, während Saturn die Peripherie bildet, die Grenze von Zeit und Raum - die Erde gilt als der Kristallisationspunkt der Kräfte dieser polaren Prinzipien. Gegenwärtig befinden sie sich in einem Zustand von dynamischer Ausgewogenheit und jedes enthält in sich einen Kern des Gegenteils.

  Das aus dem asiatischen Raum stammende Yin/Yang-Symbol verdeutlicht in anschaulicher Form die Spannung und Gleichgewichtigkeit dieser Beziehung und des dualen Prinzips im allgemeinen. In Korrespondenz zu diesem Symbol steht die von dem Schweizer Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung entwickelten Theorie von "Animus" und "Anima", nach der jedes menschliche Wesen Züge des Gegengeschlechtlichen in sich trägt und in der körperlichen Verschmelzung mit einer Person des anderen Geschlechtes diesen Widerspruch auszugleichen sucht.

Dieses archetypische Fundament bestimmt in hohem Maße die Beziehungen zum anderen Geschlecht und ist daher auch für unbewußte Projektionen der Partner die Ursache.


1) Osterkamp, Ernst: Lucifer - Stationen eines Motivs. Berlin, 1979, 229