In West-Berlin hatte ich davon gehört, daß gewisse Gruppen persischer Studenten regelmäßig zum exilierten Ayatollah nach Paris wallfahren. In der Enklave West-Berlin freilich sind die meisten Iraner immer noch oder geben sich wenigsten als Sozialisten. Bekennende Jubelperser (Royalisten) werden immer seltener, Islamisten sind dort entweder nicht oder geben sich nicht zu erkennen. Der Schah hat's nicht leicht, aber es sieht nicht so aus, als wäre er so bald am Ende.

Kazim und ich schlendern durch eine Einkaufsstraße. Ein Korb vor der Tür ist mit Fotos vom König und seiner Familie aufgefüllt - Schnäppchen, so scheint's. Kazim fischt sich eins raus, das er besonders gelungen findet: der Schah im weißen Bademantel, Augapfel gen Himmel gerichtet, die Hände wie zum Gebet gehalten - ein schönes Bild, für wahr. Kazim erwirbt es. Er hält nichts vom Schah und nichts von einer islamistischen Revolution. Er setzt auf eine andere. Noch. (Zwei Jahre später wird er schreiben, daß die Dinge sich hier gut entwickeln, wenn auch nicht so, wie wir im Westen uns das vorstellen - die Bemerkung markiert das Ende unserer Verbindung).

Abends sind wir zum Essen geladen im Haus seiner Großmutter, seiner Schwester und seiner geschiedenen Tante. Die Männer kochen. Kazim ist drauf aus, daß ich das bemerke und nicht falsche Eindrücke aus dem Iran mitnehme. Nach dem Essen sitzt die Tochter stundenlang wortlos neben ihrem Vater und reicht ihm Feuer bei Bedarf. Ich frage mich, wann sie Zeit zum Studieren hat, wenn sie jeden Abend so verbringt. Daß sie hier nur ausnahmsweise sitzt und aus Respekt für den Vater, aus Respekt vor dem Gast, schließlich aus Respekt schlechthin oder weil eben der Vater einen Gast hat, ihre Zeit so verbringt - weiß ich erst später.

Es geht mir oft so im Iran und auch nachher in Afghanistan: je fremder die Menschen, ihre Sitten und Gewohnheiten, um so leichter sehe, erkenne und verstehe ich sie; Je ähnlicher sie den unsrigen scheinen, um so leichter ignoriere ich den Unterschied und beachte ihn nicht, mißachte ich ihn.

Kazims Familie wirkt westlich. Sie ist es nicht. Sie hebt sich von der urbanen Unterschicht, erst recht von der Landbevölkerung ab. Aber eines hat sie mit jenen gemeinsam, was unserer permanent im Aufstieg befindlichen Mittelstandsgesellschaft fremd geworden ist: Gastfreundschaft, Höflichkeit und Respekt. Man demonstriert auch seine Antipathie nicht. Auch aus Respekt, und zwar gegenüber sich selbst. Seine sogenannte eigene Meinung mimisch oder anderweitig vor sich herzutragen ist auch eine Art von Unbekleidetsein. Es gehört sich nicht. Je östlicher man reist, um so weniger trifft man diese Unart. Hier im Iran gilt die Regel nicht mehr ungebrochen. Man findet sie bei den Reichen und Armen, eben bei jenen, da beide nicht mehr scheinen wollen und müssen als sie sind.

Kazim geniert sich, mit mir ins Kino zu gehen. Es werden nur Männer da sein. "Und die denken dann, du wärst eine Hure, wenn wir da auftauchen". Wir tauchen trotzdem auf. Und es ist wahr, nur männliches Publikum außer mir. Alle unter 30. Die Jugend hat Zeit, und die männliche Jugend Freiheit genug, das zu zeigen. Der Film handelt von Liebe, Treue, Eifersucht, Zweikampf, Einsicht und hätte bei uns in den 1950ern und durchaus noch in den 1960ern spielen können. Die Protagonisten tragen keine Tschadors. Die weibliche Hauptrolle erinnert mich an unsere Zigeunerinnen: schön, füllig, langes gewelltes Haar - einfach prächtig die Gestalt. In sittlicher Hinsicht seinerzeit hart an der Grenze (im heutigen Iran wär' sie weit jenseits allen Anstandes).

Wir übrigens fallen nicht auf. Keiner belästigt uns.