"Safar": Impressionen aus dem Iran


von Anne Ego


Eines frühen Vormittags stehen wir - mein Freund Kazim und ich - vor der hohen Mauer, die Haus und Garten umschließt und seine Bewohner vor lästigen Blicken schützt. Nur der Durchgang, das schmiedeeiserne Eingangstor gestattet begrenzte Sicht. Kazim hält inne: Seine Großmutter ist im Freien, schöpft frische Morgenluft und läßt sich gehen. Sie trägt ihr Haar offen und unbedeckt.

"Ich muß warten. Sie geniert sich sonst. Ich habe sie noch nie mit bloßen Haaren gesehen."

Als sie im Haus ist, passieren wir die Schranke. Das einst Gemeinte hat sich verkehrt. Das Verbergen der Haarpracht, für Frauen im fruchtbaren Alter gedacht, um sich vor den Blicken fremder Männer zu schützen und diese, die fremden Männer, vor ihrem Anblick und den möglichen Folgen, wird nur noch von den Ältesten praktiziert. Hier und jetzt - im Jahre 1977 in dieser Familie - jedenfalls ist die Großmutter die Einzige im Haus, die es so hält.

Es ist Hochsommer. Manche Frauen eilen die Mauern entlang, tragen in der einer Hand irgendwas, auf dem anderen Arm ein Kind, zwischen die Zähne ist ein Zipfel des schwarzen Tschadors geklemmt, damit er nicht verrutscht. Das Sich-Verbergen läßt sich geschickter einrichten und ästhetischer. Saudi-Arabiens Männer machen was her in ihren weißen langen Hemden und Kopftüchern. Wenn sie die Kopfbedeckung abnehmen sind sie gerade noch um die Hälfte so eindrucksvoll als mit ihr. Ganz zu schweigen von unserer Maria, der heiligen, der Jungfrau und Mutter. Undenkbar, daß ihr Tschador je auf einem Bildnis schwarz gefärbt gewesen oder verrutscht wäre, gar noch ein eingespeichelter Zipfel zwischen Maria Zähnen eingeklemmt gewesen wäre, und das karierte Hemd dann doch trotzdem hie und da herausgeschaut hätte.
Immerhin, sie bestimmen das Straßenbild nicht, die schwarzen Tschadors. Nicht hier in der Hauptstadt; hier merkt man von der kommenden Revolution kaum was. Flatterten nicht Reklamen auf Hochglanzpapier ins Haus, wüßte man nicht von ihr.