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Spirituelle
Entwicklung
Schon in seiner philosophischen Ethik, die Steiner in den 90er Jahren
des 19. Jahrhunderts formulierte, ist der Hauptgesichtspunkt der der Entwicklung,
der Wandlung, der Transformation der menschlichen Seele
vom instinktgebundenen, triebbedingten Leben in Unfreiheit zu einem Leben
und Handeln aus Erkenntnis, das die höchste Entwicklungsstufe
der menschlichen Liebesfähigkeit darstellt. Steiners Freiheitsidee
beinhaltet die Vorstellung, daß der menschliche Wille sich sukzessive,
über verschiedene Lebens- oder Reifungsstufen von einer naturhaften,
an den Leib gebundenen Triebkraft in einen freien, rein geistigen,
erkennenden Willen verwandeln kann, der die Ideen, die seine Handlungen
bestimmen, selbst hervorbringt. Das reine Denken, durch das der Mensch
in der Welt der moralischen Antriebe lebt, ist zugleich reiner Wille.
Die höchste Entwicklungsstufe des ethischen Bewußtseins sieht
Steiner im Handeln aus Liebe zur Idee, die als individuelle moralische
Intuition im Bewußtsein des Einzelnen aufleuchtet. Hier verschmilzt
der Wille mit der Weisheit und aus dieser Vereinigung, dieser unio
mystica, geht der freie Mensch hervor. Die Maxime des freien Menschen
faßt er in den Satz zusammen: "Leben in der Liebe zum Handeln
und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens. Also
auch in Steiners philosophischen Werken ist die Liebe ein zentraler Begriff.
Ethik zielt auf die Freiheit: die Autonomie des Geistes. Eine Fortsetzung
findet diese Denkrichtung im spirituellen Schulungsweg.
Diese aufsteigende Entwicklung von der Gattungshaftigkeit der menschlichen
Existenz zur selbstbestimmten Individualität ist nur im Rahmen eines
großen Zeitgedankens realisierbar. Deswegen ist die Freiheitsphilosophie
auch Philosophie der moralischen Entwicklung. Dies bewahrt uns
vor jedem moralischen Rigorismus. Der Mensch soll nicht etwas wollen,
was er nicht wollen kann, aber er kann, was er wirklich will. Der
Mensch ist ein Ganzes, kein geflügelter Engelskopf, er ist ein leiblich-seelisch-geistiges
Wesen und dieses muß sowohl dem geistigen als auch dem leiblichen
Pol seiner Existenz gerecht werden. Wir müssen die Spannung zwischen
Sinnlichkeit und reinem Denken ertragen lernen es geht um Verwandlung
des Unteren durch das Obere. Man kann Steiners Freiheitsidee nur unter
dieser Entwicklungsperspektive richtig verstehen und muß die menschliche
Biographie als Ganzes betrachten.
Dasselbe gilt im Grunde auch für den spirituellen Schulungsweg
der Anthroposophie. Hier muß die Entwicklung von Erkenntnisfähigkeiten
mit der moralischen Entwicklung, mit der Selbsterziehung Hand in Hand
gehen. Ja, man kann sogar nur einen Schritt in der Entwicklung der Erkenntniskräfte
machen, wenn man zugleich drei Schritte in der moralischen Entwicklung
macht. Niemand zwingt uns zum Beschreiten dieses Schulungsweges. Tun wir
dies aber, dann müssen wir uns der strengsten geistigen und moralischen
Disziplin unterwerfen. Hier wird die Entwicklung eines moralischen Rückgrats
noch wichtiger als im gewöhnlichen Leben, weil sich die Seele durch
die meditative Schulung allmählich aus den gewohnten Bahnen des Lebens
herauslöst und sich in eine Welt, die astrale Welt aufschwingt, in
der sie den verführerischen und versucherischen Mächten des
Geistes noch viel stärker ausgeliefert ist, als im gewöhnlichen
Alltag. Man darf sich allerdings nicht dem Irrtum hingeben, daß
die strengen Anforderungen, die der spirituelle Schulungsweg an den Schüler
stellt, auf den gewöhnlichen Alltagsmenschen übertragen werden
sollen.
Die spirituelle Entwicklung beruht auf einer bewußten Schulung
aller Seelenkräfte: des Denkens, Fühlens und
Wollens. Hier sei nur ein Aspekt dieser Schulung herausgehoben,
der mit unserem Thema zusammenhängt. Eine Anforderung an den Geistesschüler
besteht darin, sein Verhältnis zu Sympathie und Antipathie, zu Lust
und Unlust ganz neu zu bestimmen. Lust und Unlust, Sympathie und Antipathie,
die Grundkräfte der fühlenden Seele, wandeln sich allmählich
in Erkenntnisorgane um. "Es kann nicht die Rede davon sein, daß
der Mensch diese ausrotten soll, sich stumpf gegenüber Sympathie
und Antipathie machen soll. Im Gegenteil, je mehr er in sich die Fähigkeit
ausbildet, nicht alsogleich auf jede Sympathie und Antipathie ein Urteil,
eine Handlung folgen zu lassen, eine um so feinere Empfindungsfähigkeit
wird er in sich ausbilden ... Jede Neigung, der man blindlings folgt,
stumpft dafür ab, die Dinge der Umgebung im rechten Licht zu sehen
... Ein Mensch, der je nach den wechselnden Eindrücken sich in Lust
und Schmerz verliert, kann nicht den Pfad der geistigen Erkenntnis wandeln.
Mit Gelassenheit muß er Lust und Schmerz aufnehmen ... Eine
Lust, der ich mich hingebe, verzehrt mein Dasein in dem Augenblicke der
Hingabe. Ich aber soll die Lust nur benutzen, um durch sie zum Verständnisse
des Dinges zu kommen, das mir Lust bereitet. Es soll mir nicht darauf
ankommen, daß das Ding mir Lust bereitet: ich soll die Lust erfahren
und durch die Lust das Wesen des Dinges."
Durch die Steigerung der Hingabe an die Dinge werden Lust und Unlust allmählich
zu Erkenntnisorganen, die uns einen Zugang zum Wesen der Dinge
erschließen. "Früher ließ der Mensch diese oder
jene Handlung auf diesen oder jenen Eindruck nur deshalb folgen, weil
die Eindrücke ihn freuten oder ihm Unlust machten. Jetzt aber läßt
er Lust und Unlust auch die Organe sein, durch die ihm die Dinge sagen,
wie sie, ihrem Wesen nach selbst sind. Lust und Schmerz werden aus bloßen
Gefühlen in ihm zu Sinnesorganen, durch welche die Außenwelt
wahrgenommen wird ... Wenn der Mensch in der Art Lust und Unlust übt,
daß sie Duchgangsorgane werden, so bauen sie in ihm in seiner Seele
die eigentlichen Organe auf, durch die sich ihm die seelische Welt erschließt.
Das Auge kann nur dadurch dem Körper dienen, daß es ein Durchgangsorgan
für sinnliche Eindrücke ist; Lust und Schmerz werden zu Seelenaugen
sich entwickeln, wenn sie aufhören, bloß für sich etwas
zu gelten, und anfangen, der eigenen Seele die fremde Seele zu offenbaren."
Man darf nicht glauben, daß der, der diesen Weg geht, dadurch unfähig
wird, Lust und Schmerz zu empfinden. "Lust und Leid sind in ihm vorhanden,
aber dann, wenn er in der Geisteswelt forscht, in verwandelter Gestalt;
sie sind "Augen und Ohren" geworden. (Alle Stellen
GA 9, S. 177 f.)
Auf diese Weise wird schließlich auch die Liebe, die Hingabefähigkeit
der Seele, zu einer Erkenntniskraft. Sie ist die Kraft, durch die der
Erkennende mit den Wesen, die er erkennt, eins wird, verschmilzt, und
diese Verschmelzung ist es, die zugleich zu Wesenserkenntnis führt.
Das ist jene Erkenntnis, von der Paulus als der Erkenntnis von Angesicht
zu Angesicht gesprochen hat.
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