Steiner und Freud

Während es von der komplexen Psychologie C. G. Jungs, die durchaus geistoffen ist, einen Weg zur spirituellen Weltsicht Steiners gibt, ist ein solcher Weg von der analytischen Psychologie und der Sexualtheorie Freuds wohl kaum zu finden. Freuds Pansexualismus ist eher selbst ein Krankheitssymptom als ein Heilungsansatz für die Integrationsprobleme der Menschenseele. Die Polemik, die Steiner in manchen Vorträgen gegen die Freudsche "Ferkeltheorie" vorträgt, bezieht sich aber nicht etwa auf die Sexualität, sondern auf die Theorie Freuds, die Dogmatisierung eines intellektuellen Erklärungsansatzes für seelische Aberrationen.

Steiners Auseinandersetzung mit Freud ist eine Auseinandersetzung mit einer Theorie des Pansexualismus, nicht eine Auseinandersetzung mit der Sexualität. Steiner kritisiert vor allem den Freudschen Begriff des Unbewußten. Daß sich im Unbewußten des Menschen eine psychische Urbevölkerung tummle, daß das Es in seiner polymorphen Perversität nur auf die Selbstbefriedigung fixiert ist, das sind die hauptsächlichen Kritikpunkte. Vor allem, daß Freud in die kindliche Psyche eine Sexualität hineinprojiziert, die darin in Wahrheit gar nicht vorhanden sei. Für Steiner ist die Seele des Kindes das Heiligste, das der Mensch je besitzt. Die Seele des Kindes ist keine mit Perversität angefüllte Jauchegrube, sondern ein heiliges Gefäß voller göttlicher Weisheit. Das Kind ist von Natur aus asexuell. Erst in der Pubertät beginnt sich das Kind als sexuelles Wesen zu erleben. Diese scharf abgrenzende Auffassung Steiners ist auch der einzig wirkliche Schutz gegen die pseudowissenschaftlichen Argumentationen von Päderasten. Denn alle positiv-rechtlichen Argumente gegen den sexuellen Mißbrauch von Kindern besitzen etwas Willkürliches, wenn es nicht im Wesen des Kindes selbst begründet ist, daß es mit Sexualität nichts zu tun hat.

Steiner stieß sich auch am mechanistischen Bild der Seelenvorgänge, das Freud entwarf und an der primitiven Auffassung von "Primitivität”, der Freud anhing. Denn auch der sogenannte primitive Mensch der damaligen wissenschaftlichen Diskussion ist für Steiner keineswegs der barbarische Wilde, als der er vielen seiner Zeitgenossen erschien. Die barbarischen Wilden bevölkerten seiner Auffassung nach eher die zivilisierten Zonen und besaßen so wenig Kultur, daß sie schließlich im I. Weltkrieg wie die Tiere übereinander herfielen. Die sogenannten Wilden hingegen sieht Steiner als Träger hoher spiritueller Erbschaften, die nicht nur ihr soziales Leben, sondern auch ihr Verhältnis zur Natur und zu ihren Vorfahren bestimmen. Steiner erscheint mit seiner Einschätzung der Kultur der "Naturvölker" und seiner Kritik am naiven Eurozentrismus seiner Zeitgenossen als Vorläufer der Kritik des Zivilisationsbegriffs, wie ihn etwa Hans Peter Duerr in seiner monumentalen Studie über den "Mythos vom Zivilisationsprozeß" vorgetragen hat. In der Sexualwissenschaft seiner Zeit hingegen, die einem rein materialistischen Menschenbild verpflichtet war, sah Steiner etwas "Schändliches”. Er sah im "Zusammenwerfen” von Liebe und Sexualität geradezu das "Teuflischste der Gegenwart”. (GA 143, 184)

Gegenüber einer Theorie, die das menschliche Erkennen und die Moralität aus der Psycho-Sexualität ableiten will, für die das Ich auf dem Es reitet, ohne es beherrschen zu können, wies er darauf hin, daß vielmehr, wenn man dem Verständnis des Alten Testamentes folge, die sexuelle Verbindung von Mann und Frau eine Art von Erkenntnis sei oder daß sie eine Folge der Erkenntnis, des Einzugs des Erkenntnisprinzips in die Menschheit sei. Wir haben oben unter dem Titel Ursprungsmythen diesen Sachverhalt angedeutet. Durch die Thora werde die Erkenntnis in die Nähe der Sexualität gebracht. In dieser alten religiösen Auffassung verberge sich eine tiefe Wahrheit, die Wahrheit nämlich, daß Erkenntnis stets Vereinigung mit dem Erkannten ist. (GA 169, 118)

Am Pansexualismus seiner Zeit kritisierte Steiner, daß der Materialismus den Begriff der Liebe so nahe wie möglich an den Begriff der Sexualität heranführe, obwohl der Begriff der Liebe viel umfassender sei als der der Sexualität. Daß unter gewissen Umständen zu der Liebe zwischen Mann und Frau die Sexualität hinzutreten könne, begründe nicht, daß man diese beiden Begriffe miteinander zusammenwerfe. Steiner stellt das umfassende Prinzip der Liebe und des Mitgefühls und die sexuelle Anziehung als Sonderfall einander gegenüber. Er weist darauf hin, daß auch die Begriffe von Liebe und Mitleid eine Geschichte hätten, daß sie einige Jahrhunderte vor dem Erscheinen Christi auf der Erde gleichsam vorbereitend in der ganzen Menschheit als ethische Prinzipien verkündet worden seien: in China durch Lao-tse und Konfuzius, in Indien durch Buddha, in Persien durch den letzten Zarathustra, in Griechenland durch Pythagoras. So verschieden diese Religionsstifter auch gewesen seien, sie alle hätten als eines ihrer Hauptprinzipien Mitgefühl oder Liebe vertreten. Die Liebe und das Mitleid, die in der Menschheit bewußt zu werden beginnen, sind wie der Vorglanz des Sonnenlichtes, das der Dämmerung eines neuen Menschheitsmorgens vorausgeht. In dem Augenblick, in dem die geistige Sonne sich mit dem Leib der Erde verband und die himmlischen Heerscharen in ehrfurchtsvollem Schauer inmitten ihres Jubels verstummten, sandte sie in jede einzelne Menschenseele ihren Lichtfunken, der in aller Zukunft die Finsternisse unserer Gottentfremdung zu erhellen vermag. (GA 133, 107f)

Die Gegenwart hingegen neige dazu, Erotik mit Liebe zu verwechseln. Das "in den Materialismus getauchte Denken" kenne von der Liebe allein den sexuellen Aspekt. Wir müsen bedenken daß als Steiner diese Sätze sprach, auf deutschen Bühnen der Kampf um Ibsen, Schnitzler und Wedekind tobte, und sich eine auf die Sexualität fixierte Kulturströmung anschickte, die Erfodernisse einer Hochzüchtung der Rasse zum politischen Programm zu erheben. Die Verleugnung des Geistes mache die Liebeskraft zur erotischen Kraft. Vielerorts sei nicht nur an die Stelle des Genius der Liebe sein niederer Diener, die Erotik getreten, sondern gar das Gegenbild, der Dämon der Liebe. Dieser Dämon der Liebe entstehe, wenn etwas, was einst gottgewollt im Menschen gewirkt habe, durch das menschliche Denken in Anspruch genommen, durch die Intellektualität von der Geistigkeit abgerissen werde. Was in der Sexualität ursprünglich lebe, sei durchdrungen von der geistigen Liebe. Aber die Menschheit könne herunterfallen von dieser durchgeistigten Liebe. Was diese Dekadenz begünstige, sei die Herrschaft des seelenlosen Intellekts. (GA 225, 181f)
 

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