Sexualität in der menschlichen Biographie – gegen den Pansexualismus


Liebe kann nur entstehen, wo Trennung und Entzweiung erlebt werden. Sie ist Sehnsucht nach Vereinigung. So wie die Geliebte den Archetypus der Mutter vertritt, von der der Sohn sich getrennt hat, so vertritt der Geliebte den Archetypus des Vaters, von dem die Tochter sich getrennt hat. Aber die Vereinigung mit dem Archetypus im Kleinen ist nur ein Bild der großen Vereinigung, durch die wir uns mit dem himmlischen Vater, der himmlischen Mutter wieder vereinigen, ein Bild für den Tod. Die Liebe als der kleine Tod ist ein Bild des großen Todes. So wie aus dem kleinen Tod neues Leben hervorgeht, geht auch aus dem großen Tod neues Leben, das Leben des Geistes hervor. Durch den Tod werden wir in die Welt der Geister geboren. Wie durch den kleinen Tod die sterblichen Wesen zu einer vorübergehenden Einheit verschmelzen, die mit großem Glückserleben verbunden ist, verschmilzt durch den großen Tod die Seele jauchzend mit der Welt des Geistes, aus der sie einst hervorgegangen ist.

Liebe beruht auf Getrenntsein. Liebe ist zugleich die Kraft, die uns vereinigt. Sie ist aber viel umfassender, als daß sie nur auf einen einzelnen Menschen beschränkt bleiben müßte. Schon in der Liebe der Eltern zu ihren Kindern erweitert sie sich auf andere. Sie kann sich auf die ganze Menschheit ausdehnen. Mit seiner Liebe die ganze Menschheit zu umfassen, bedeutet, die in der Seele vorhandene Kraft der Hingabe bis zum Höchsten zu steigern.

Oft verwechseln wir Eigenliebe nur mit Liebe zum andern. Oft glauben wir, wir liebten einen anderen und in Wahrheit ist dies eine Illusion: wir lieben nur uns selbst im Andern. Wir lieben den andern nur, insofern er der Träger unserer Projektionen ist. C.G. Jung hat in bezug auf diese Illusion von einem "abaissement du niveau mental", von einem Absinken des geistigen Niveaus gesprochen. In Wahrheit lieben wir den anderen nur, insofern er für uns ein Mittel ist, unsere eigene Selbstliebe zu befriedigen. Taugt er nicht mehr dazu, dann fällt uns plötzlich ein Schleier von den Augen und wir wundern uns, wie wir nur so vernarrt sein konnten, um uns sogleich in die nächste Illusion zu stürzen. In diesem Taumel aus Berauschung und Ernüchterung verbirgt sich die Tragik der Seelenleere, die Houellebecq so beredt beschreibt. Am selbstlosesten lieben wir dort, wo wir mit Goethe sagen können: "Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an?"

Überblicken wir die gesamte Biographie des Menschen, dann durchlaufen wir im Idealfall einen Entwicklungsprozess, den C.G. Jung als Individuation beschrieben hat. Auch die Anthroposophie kennt einen ähnlichen Vorgang, bei dem es darum geht, daß sich das Selbst, das hier als geistiger Wesenskern bezeichnet wird, immer mehr an die Oberfläche arbeitet, und jene Anteile des Unbewußten integriert, die wir als Schatten, als abgespaltene, oder vorbewußte kollektive Seelenteile mit uns herumtragen. Er reicht von der Kindheit über die tumultuarischen Umwälzungen der Geschlechtsreife in der Jugend, die Selbstfindung des Erwachsenenalters, zwischen dem 21. und 42. Lebensjahr und die geistig integrativen Entwicklungsschritte, die in der Seele des Menschen veranlagt sind, die wir aber nur realisieren können, wenn wir uns bewußt zur Selbsterziehung entschließen. Diese Selbsterziehung beruht auf der Verwandlung, der Transmutation des Seelenlebens durch den Geist, den geistigen Wesenskern des Menschen. Was wir von der Natur und von der Gesellschaft empfangen haben, müssen wir uns nun in einer Art zweiter Jugend neu erobern. Nur was wir erwerben, "um es zu besitzen", ist unser unverlierbares Gut. Die Verwirklichung des Selbstes, des geistigen Wesenkerns, ist ein langwieriger, mit vielen Irrungen und Wirrungen verbundenes, sich über Jahrzehnte hinziehendes Geschehen, das häufig unterwegs scheitert. Bei dieser Selbstwerdung treten uns andere Menschen zur Seite, denen wir in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Verzweigte Netze von Seelenfreundschaften spannen sich um uns, von denen wir getragen werden und in denen wir selbst tragende Knoten sind.

Steiner sprach gelegentlich davon, daß die Integrität der menschlichen Persönlichkeit in unserer Zeit akut gefährdet sei: durch das Abgleiten in den Erotizismus oder Pansexualismus und aufgrund der Überwältigung durch den Machttrieb. Beides aber ist mit einer Desintegration des Seelenlebens verbunden. Es kann sein, daß sich auf unserem Lebensweg der Intellekt verselbständigt und sich vom Mitgefühl loslöst. Er wird kalt und schneidend und entfaltet eine sozial zerstörerische Wirksamkeit. Die objektiven Folgen der Totalisierung der technischen Rationalität können wir heute allenthalben beobachten. Auf der anderen Seite kann sich das Begierdenleben verselbständigen und uns in einen Taumel der Herrschsucht und der Machtgier stürzen, der in der Entfesselung einer persönlich beziehungslosen Sexualität nur eine seiner Erscheinungsformen hat. Wir stehen in der Gefahr, zu Sklaven der Intelligenz oder des Machttriebs zu werden und als integre Persönlichkeit unterzugehen. Vor dieser Gefahr können wir uns nur durch Spiritualisierung bewahren. (GA 104, S. 152 f) Diese Spiritualisierung zielt darauf ab, das Ich oder das Selbst, das anfangs nur schwach ausgebildete Zentrum unserer Persönlichkeit durch meditative Schulung zu stärken und es zum weisen Herrscher über unsere Seelenkräfte zu krönen.
 

Liebe und Fortpflanzung   Steiner und Freud