Warnung vor falscher Askese

Die Kräfte, die in der Fortpflanzung wirksam sind, sind die Kräfte des Lebens. Aber sie sind dem Bewußtsein des Menschen entzogen. Es sind göttliche Kräfte, gestaltungsmächtige Bildekräfte, die imstande sind, ein Abbild des Menschen hervorzubringen. Aber nicht nur die Götter wirken bei der Entstehung eines neuen Menschenleibes, den sie nicht nur zu einem Abbild seiner Vorfahren, sondern auch zu einem Bilde ihrer selbst formen, sondern auch die geistige Individualität des sich der Erde annähernden Menschen.

Das menschliche Gehirn dagegen ist die Schädelstätte, an der die Mächte des Todes herrschen. Aber diese Mächte des Todes sind zugleich die Herrscher der Erkenntnis und des Selbstbewußtseins. Auch das Selbstbewußtsein ist eine Folge des Todes: nur weil sich die Einzelseele von ihrem Zusammenhang mit all ihren Schwesterseelen abgeschnürt hat, kann sie sich als einzelne Seele erleben und ein Selbstbewußtsein entwickeln. Das Selbstbewußtsein ist, ebenso wie die Erkenntnis, eine Frucht des Todes.

Insofern kann die Fortpflanzung und damit die Sexualität nicht als etwas Schlechtes, Sündhaftes oder Verwerfliches bezeichnet werden. Im Gegenteil, in der Fortpflanzung wirken "edle Götterkräfte regelnd und organisierend". "Es wäre eine vollständige Verkennung der okkulten Wahrheiten, wenn man in den Fortpflanzungskräften an sich etwas Niedriges sehen wollte.” Allerdings, so Steiner: "Nur wenn der Mensch diese Kräfte mißbraucht, wenn er sie in den Dienst seiner Leidenschaften und Triebe zwingt, liegt etwas Verderbliches in diesen Kräften, nicht aber, wenn er sie durch diese Einsicht adelt, daß göttliche Geisteskraft in ihnen liegt.” (GA 11, 123f)

Es geht also nicht darum, die Sexualität zu verteufeln oder abzutöten, es geht darum, sie zu veredeln. Im Gegenteil, Abtötung der Sexualität wäre ein geistiger Irrweg, der Irrweg des falsch verstandenen Asketismus: "Veredelung dieses ganzen Gebietes ... ist das, was die Geheimwissenschaft lehrt, nicht aber Ertötung desselben. Die letztere kann nur die Folge äußerlich aufgefaßter und zum mißverständlichen Asketismus (ein Egoismus höherer Art) verzerrter okkulter Grundsätze sein.” (Ebenda)

Die falsche Askese, die Steiner als spirituellen Irrtum kennzeichnet, ist eine Folge der Verachtung der Sinneswelt. Wozu denn hätte sich der Mensch auf die Erde begeben, sich inkarniert, wenn diese Sinneswelt nur ein Jammertal oder ein verachtenswerter Schauplatz von Verführungen wäre? "Wenn alle Weisheit der Welt nur Torheit wäre vor Gott, was hätte es für einen Sinn, achtzig Jahre alt zu werden”, bemerkte Goethe gallig in einem Aphorismus. Der Sinn des menschlichen Lebens liegt gerade darin, daß wir uns inkarniert haben, um auf der Erde die Irrfahrten des Odysseus zu bestehen. Unser Schicksal ist das, was wir uns selbst geschickt haben. Es kommt darauf an, daß wir die Proben bestehen, so schrecklich sie auch sein mögen. Natürlich können wir die Herausforderungen unseres Schicksals kämpferisch aufgreifen, wir sind ihnen nicht willenlos ausgesetzt. So wie Jabok mit dem Engel kämpfte und ihn schließlich besiegte, so können auch wir kämpfen. Der Kampf ist die Berufung unserer Individualität, nicht die willenlose Unterwerfung. In uns selbst lauert der Drache, den es zu bezwingen gilt.

Aber auch die Freuden der Sinne sind legitim. Denn die Sinne offenbaren uns das, was wir als reine abgeschiedene Seelen nicht erfahren oder erleben können. Die sinnliche, körperliche Erfahrung der Welt ist das, was wir als kosmische Wesen, als Geister, so lange gesucht haben. Das Verachten der Sinneswelt, der Glaube, wir müßten uns die Freude am Leben, an den Schönheiten der Natur versagen, ist ein geistiger Irrweg. Es ist die "falsche Askese". Die richtige Askese besteht darin, daß wir nicht beim bloßen Genuß stehenbleiben, sondern aus dem Genuß der Sinne Erkenntnis schöpfen, wie die Bienen aus den Blüten den Honig schöpfen. Das ist mehr als eine bloß poetische Metapher. Die Mysterienschüler in manchen griechischen Mysterien wurden als Bienen bezeichnet. Die Bienen spielen auch in der Symbolik des Rosenkreuzertums eine bedeutende Rolle. Sie sind Sinnbilder für die Seele, die aus der Erfahrung durch die Sinne den süßen Honig der Erkenntnis saugt. Die Versuchung der falschen Askese dagegen läßt uns die Sinneswelt verachten und entzieht damit unserem Leben auf der Erde seinen Sinn. (GA 147, 36)

Überhaupt: die Grundkräfte der Seele sind Sympathie und Antipathie, Anziehung und Abstoßung, Hingabe und Rückzug auf sich selbst. Wie sollten wir also ein Leben führen können, das völlig frei von Hingabe ist? Wir müßten uns ja unserer Seele entledigen. Die Frage ist nur, an was wir uns hingeben. Die Frage ist, ob wir unsere Seele nur dem Vergänglichen hingeben oder auch dem Unvergänglichen, ob wir an den vorübergehenden Genüssen der Sinne allein hängen, oder ob wir für unsere Hingabefähigkeit etwas finden, was über den Tod hinaus Bestand hat. Wenn unsere Seele für das Unvergängliche, für das Wahre und Gute erwacht und sich diesem inneren Sternenhimmel hingibt, dann erwacht sie für die Realität des Geistigen in der sinnlichen Welt. Dieses Erwachen der Seele für den Geist ist nichts anderes als Liebe. "Wo Liebe, wo Mitgefühl sich regen im Leben, vernimmt man den Zauberhauch des die Sinneswelt durchdringenden Geistes." Einweihung in die großen Mysterien kann nicht erreicht werden durch Abtötung der Liebe, durch kalten Egoismus, der nur in Überheblichkeit und Eitelkeit führt. Lieblosigkeit, Mangel an Mitgefühl, werden in einer vollmenschlichen Initiationsschulung als Verneinung des Geistes erkannt. (GA 17, 59)

 

Ursprungsmythen   Liebe und Fortpflanzung