One-night-stand und lebenslange Partnerschaft

Wenn wir uns Verpflichtungen auferlegen, dann können es immer nur selbstauferlegte Verpflichtungen sein. Wohlgemerkt: hier ist nicht die Rede von Gesetzgebung und den Schranken, die uns das bürgerliche Gesetzbuch auferlegt, sondern von unserem inneren Freiheitsraum, der von Gesetzen gar nicht berührt wird. Es liegt im Wesen solcher selbstauferlegten Verpflichtungen, daß sie nicht ohne weiteres aufgehoben werden können. Unter aufgeklärten, libertären Bedingungen kommt diesen Selbstverpflichtungen sogar eine noch größere Bedeutung zu, als in einer an strenge ethische Normen gebundenen Gesellschaft, denn es gibt ja keine Normen mehr, auf die man sich verlassen kann. Man kann sich also nur noch auf sich selbst verlassen, insofern man sich an selbstauferlegte Verpflichtungen hält und auf andere, als sie dies ebenso tun.

Solange für uns Sexualität lediglich das von Houellebecq beschriebene "thrilling event" darstellt, das in gegenseitigem Einverständnis sich auf den Genuss der jeweiligen Geschlechtseigenschaften des anderen beschränkt, wird die Verpflichtung darin bestehen, dem anderen ein Höchstmaß an Genuß zu bereiten, und von ihm dasselbe zu erwarten. Darüber hinaus entstehen für uns keine Verpflichtungen oder Bindungen.

Sobald wir uns aber verlieben, kommt Seele ins Spiel und es entstehen Bindungen und Erwartungen, die nicht mehr mit Augenblicksmaximen bewältigt werden können. Und diese Erwartungen sind so unterschiedlich, daß sich Berge von Ratgebern mit dem Problem beschäftigen, warum Frauen und Männer sich angeblich nicht verstehen können. In der Tat sind, wie sogar Houellebecq bemerkt, Männer und Frauen auch in seelischer Beziehung nicht einfach gleich. Die Liebe der Frau ist viel mehr in Phantasie getaucht, als die Liebe des Mannes. Während die Frau dazu neigt, ein Bild des Mannes zu lieben, das sie selbst mit ihren Phantasiekräften formt, ist die Liebe des Mannes mehr in Wunsch und Begehren getaucht. "Die Frau liebt niemals vollständig bloß einfach den realen Mann, der dasteht im Leben; die Männer sind ja auch gar nicht so, daß man sie, wie sie heute sind, mit einer gesunden Phantasie lieben könnte, sondern es ist immer etwas mehr darinnen, es ist das Bild darinnen, das aus jener Welt heraus ist, die eine Gabe des Himmels ist.” (Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 303, 246)

Während die Frau zu ihrem Idealbild des Mannes aufblickt, und dieses Idealbild auch auf ihren Liebespartner projiziert oder ihn danach zu formen versucht, sieht der Mann in seiner Partnerin eher eine Erfüllung seiner Wünsche. Aber genauso wenig wie ein Mensch unserem Idealbild entspricht, ist er nur ein Objekt, das unsere Wünsche erfüllt. In den Erwartungen, mit denen Mann und Frau sich begegnen sind die künftigen Ernüchterungen und Enttäuschungen schon veranlagt. Der Tendenz nach macht die Frau den Mann immer etwas besser, als er ist, der Mann hingegen die Frau immer etwas schlechter, als sie ist. Im Grunde müßte die Frau den Mann zu sich hinaufziehen und nicht der Mann die Frau zu sich hinab. "Glücklich der Mann”, sagt Novalis, "wer seiner Geliebten nicht in die Arme sinkt, sondern in die Arme steigt,” der sich bereit findet, sich durch das Idealbild, das seine Geliebte von ihm in sich trägt, veredeln zu lassen.

Ist Liebe im Spiel, geht es darum, Zusammenleben zu gestalten. Es wird über kurz oder lang auch darum gehen, sich zu fragen, was den anderen Menschen, abgesehen von seinen Geschlechtseigenschaften, durch die er eine Quelle meines Selbstgenusses ist, für mich liebenswert macht. Finde ich an ihm nichts Liebenswertes, wird sich auch die Bindung als nicht tragfähig erweisen und auseinanderbrechen. Es wird sich zeigen, daß eine Beziehung allein auf sexueller Basis kaum länger dauern kann. Seelische und geistige Eigenschaften aber, die mir den anderen liebenswert erscheinen lassen, sind auch nicht unbedingt geeignet, lebenslange Einpaarbeziehungen zu begründen. Irgendwann kann ja eine Sättigung eintreten und jeder Witz ist schon einmal erzählt, jede Genialität wird durch den Alltag entzaubert.

Es gibt überhaupt keine positiven Eigenschaften, die eine lebenslange Einpaarbeziehung rechtfertigen könnten. Alle seelischen oder geistigen Eigenschaften könnten auch oder sogar vielleicht noch besser im Rahmen einer Freundschaft genossen werden. Was also bindet Menschen aneinander, nachdem der erste Reiz der erotisch-sexuellen Beziehung verflogen ist? Was, wenn nicht die Nachkommen und deren Aufzucht? Entschließen sich Menschen dazu, Kinder zu zeugen und eine Familie zu gründen, dann übernehmen sie eine große Verpflichtung, die weit über die ursprüngliche erotische Anziehung hinaus gültig bleibt. Die Beziehung bleibt um der Kinder willen bestehen. Und was sollte daran schlecht sein? Die soziale Gemeinschaft der Familie ist eine Gesellschaft im Kleinen. Sie ist das zentrale Feld aller Sozialisation, der kulturellen und religiösen Kontinuität. Die Familie ist der gelebte Widerspruch zu einer atomisierten Gesellschaft von Singles, die nicht bereit oder nicht fähig sind, Bindungen einzugehen, die über sie selbst hinaus Bestand haben. Die Familie ist der Nukleus der Humanität: hier kann im täglichen Ringen um den Ausgleich von Interessen und Egoismen Liebe wirklich praktiziert werden. Die Familie ist eine heilige Schulungsstätte der Selbstlosigkeit. Was gibt es Schöneres, als Kinder heranwachsen zu sehen, als sich täglich mit ihnen zu beschäftigen, mit ihnen zu scherzen und zu streiten, an ihrer Bildung und Erziehung teilzunehmen? Was gibt es Aufregenderes, als all die Dramen mit seinen Kindern noch einmal zu durchleben, die man an sich selbst, aber mehr oder weniger unbewußt erlebt hat? Eltern tragen eine große Verantwortung gegenüber ihren Kindern: sie sind es, die sie in die Welt hinein begleiten, die sie an das große Abenteuer des Erwachsenseins heranführen und sie bei ihren ersten Schritten begleiten, bei ihrem Straucheln und Stürzen dabei sind, sie auffangen, sie trösten, sie ermutigen, sie ermahnen, sich schließlich auch zurücknehmen, um die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ihrer Kinder staunend aus nächster Nähe mitanzusehen. Aber Eltern-Kind-Beziehungen sind keine Einbahnstraßen. So wie wir erziehen, werden wir auch erzogen: von unseren Kindern. Sie spiegeln uns unsere Fehler, unsere Einseitigkeiten, sie erweitern unseren Horizont und sie erwecken in uns durch die Herausforderung, die sie darstellen, Fähigkeiten, von denen wir nicht ahnten, daß wir sie je entwickeln könnten. Die Emanzipation, die sie schließlich von uns suchen, verhilft auch uns zu einer tieferen Emanzipation von uns selbst.
 

Liebe und Begierde   Ursprungsmythen