Liebe und Begierde

Ein kurze Reflexion über das Wesen der Begierde kann uns darüber belehren, daß die Entfesselung von Begierden im Grunde nur ins Desaster führen kann. Begierden nähren sich von ihrer Befriedigung. Sie werden nicht geringer oder verschwinden nicht etwa, wenn man ihnen nachgibt. Im Gegenteil, je mehr man sich ihnen hingibt, um so stärker werden sie. Das wird jeder bestätigen können, der über ein wenig Selbstbeobachtung und ausreichend starke Begierden verfügt. Außerdem liegt es in ihrer Natur, daß sie immer stärkerer Reize bedürfen, um denselben Grad an vorübergehender Befriedigung zu gewährleisten. Schließlich höhlen sie unser Seelenleben aus und ergreifen von uns Besitz: wir werden Besessene unserer Begierden. Nichts anderes beschreibt Houellebecq in seinen Romanen. Was hier gesagt wird, gilt natürlich nicht nur von sexuellen Begierden, sondern für eine jede Form von Streben nach Selbstgenuß. Die sexuelle Befreiung hat vielleicht insofern ihr Gutes, als sie uns gelehrt hat, daß die Unterwerfung unter die Zwänge der Begierden keine Lebensform ist, die auf Dauer ein zufriedenes oder gar glückliches Leben zu garantieren vermag.

Dies haben aber die spirituellen Hochtraditionen immer gelehrt. Buddha hat verkündet, daß der Durst nach Dasein, das Hängen am Vergänglichen, die Quelle alles menschlichen Leids ist und daß nur durch die Befreiung von der Illusion ihrer Dauerhaftigkeit, durch die Überwindung von Gier, Haß und Verblendung ein Zustand erreicht werden kann, der von ihm nicht zufällig als Liebe bezeichnet worden ist. Was Buddha als Lehrer der Liebe und des Mitleids mit allen Wesen gelehrt hat, das hat Christus gelebt. Seine Liebe ging so weit, daß er sein göttliches Leben für die leidende Menschheit hingab, daß er Mensch wurde, um die Menschen mit einer Kraft zu erfüllen, die sie instand setzt, nach einer Lebensform zu suchen, in der der freiwillige Verzicht nicht als Schwächung des Lebens, sondern als Stärkung erscheint. Christliche Liebe ist eine Liebe, die sich dem Leidenden, dem Häßlichen, dem vom Schicksal Benachteiligten zuwendet, nicht um des eigenen Vorteils willen, sondern um des Leidenden selbst willen. Nicht das Schielen auf ein künftiges Verdienst macht das Wesen der christlichen Liebe, der "agape", aus, sondern die Hingabe um ihrer selbst willen.

Das Göttlichwerden des Menschen im Sinne des Christentums besteht nicht darin, daß wir unser Selbst ertöten, das ist sowieso unmöglich, sondern daß wir unser Selbst auf die ganze Menschheit, ja auf die gesamte Schöpfung erweitern. Wir wenden uns nicht von der Welt fort, um in spirituellem Egoismus nur nach unserem eigenen Heil zu suchen, sondern wir wenden uns der Welt und unseren Mitgeschöpfen zu, um deren Leid zu lindern. Die eigene Heiligung wird nicht durch ausschließliches Interesse an unserer eigenen Vervollkommnung erreicht, sondern durch Zuwendung zur übrigen Menschheit. Die Bodhisattvagestalten des Mahayanabuddhismus stellen so gesehen ein christliches Motiv im Buddhismus dar. Sie treten nicht in das Nirvana ein, solange es noch Wesen auf der Erde gibt, die leiden. Obwohl sie selbst sich von allen Illusionen befreit haben und sich von der Erde verabschieden könnten, tun sie dies nicht. Sie lassen allen anderen Wesen den Vortritt und schließen die Himmelstür erst zu, wenn keiner mehr draußen ist.

Diese Haltung steht in so fundamentalem Gegensatz zu der heute in den westlichen Gesellschaften herrschenden Ideologie der Profitmaximierung, daß wir nicht mehr weit davon entfernt sind, Menschen, die solchen Idealen folgen, ins Irrenhaus zu sperren. Wie kann jemand glauben, daß das Heil der Menschheit erreicht werden könnte, wenn er auf sich selbst und die Befriedigung seiner Bedürfnisse überhaupt keine oder nur marginale Rücksicht nimmt? Muß man da nicht krank sein? Muß man nicht neurotisch werden? Gewiss kann man niemanden zu einer solchen Lebenshaltung zwingen. Sie darf nicht von außen aufgedrängt werden. Die Einsicht, daß wir mit unserer Selbstsucht die Erde und die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens unter den Menschen zerstören, muß aus uns selbst kommen. Sie muß ein Ergebnis der Lebenserfahrung und der durch sie gereiften sittlichen Urteilsfähigkeit sein.

Natürlich kann der Ausweg aus dem Dilemma der libertären Gesellschaft nicht darin bestehen, daß wir ethische Zwangsverordnungen erlassen. Dies würde der Idee der Freiheit widersprechen, auf die wir im Westen zu Recht stolz sind. Aber die freiheitlich-libertäre Grundordnung unserer Gesellschaften legt jedem Einzelnen eine umso größere Bürde der Verantwortung auf. Schließlich müssen wir erkennen, daß Freiheit nicht in der Versklavung durch die Begierde nach Geld, Macht oder Lust bestehen kann. Jeder steht vor der Entscheidungssituation, was er aus seinem Leben machen will. Opfern wir unsere Seele auf dem Altar eines Molochs, der uns Genuß und Reichtum verheißt, der aber unsere Seele am Ende verschlingt, oder richten wir uns nach einer Maxime, die man so formulieren könnte: "Kein Mensch kann jemals wirklich glücklich sein, solange es auf der Erde andere gibt, die leiden.”
 

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