Die kosmische Bedeutung der menschlichen Liebe

Schließlich birgt die menschliche Liebe noch eine weitere, kosmische Dimension in sich. Die Anthroposophie bezeichnet die Erde, auf der die Menschheit gegenwärtig lebt, als Planeten der Liebe. Der Mensch ist nicht nur ein Abkömmling der Götter, er empfängt nicht nur von ihnen, diese empfangen wiederum etwas von ihm. Die Liebe erscheint im Kosmos erst durch den Menschen. Sie wurde zwar durch die Götter herangebildet, indem sie den Menschen so schufen, daß er imstande ist, Liebe zu entwickeln. Sie haben aber diese Liebe selbst nicht gefühlt. Durch ihre Teilnahme am Leben des Menschen lernen sie die Liebe erst wirklich kennen.

Dieses esoterische Motiv behandelt Wim Wenders Film "Der Himmel über Berlin". Es ist schwer vorstellbar, daß Götter die Liebe nicht kennen sollten. Steiner verdeutlicht diesen Gedanken an einem Bild. Ein Reicher hat nie etwas anderes kennengelernt als Reichtum. Er hat die seelische Befriedigung nie erlebt, die Wohltun verursachen kann, weil er solcher Wohltaten auch gar nicht bedurfte. Dieser Reiche beschenkt einen Armen. In der Seele des Armen wird durch das Geschenk ein Gefühl des Dankes hervorgerufen. Dieses Dankesgefühl ist die Gegengabe des Armen. Das Dankesgefühl wäre ohne das Geschenk des Reichen nicht vorhanden. Der Reiche, der das Dankesgefühl nie erlebt hat, lernt es am Beschenkten kennen. Der Reiche ist der Verursacher des Dankesgefühls, aber kennenlernen kann er dieses Dankesgefühl erst in der Reflexion, wenn es aus der Seele des Armen zurückstrahlt, in dem seine Gabe es entzündet hat.

So ähnlich ist es mit der Gabe der Liebe, die von den Göttern den Menschen eingeträufelt wird. "Die Götter sind so weit, daß sie im Menschen die Liebe entzünden können, so daß die Menschen imstande sind, die Liebe erleben zu lernen, aber die Götter lernen die Liebe als Realität erst durch die Menschen kennen. Sie tauchen von den Höhen herunter in den Ozean der Menschheit und fühlen die Wärme der Liebe. Ja, wir wissen, daß die Götter etwas entbehren, wenn die Menschen nicht in Liebe leben, daß sozusagen die Götter ihre Nahrung in der Liebe der Menschen haben. Je mehr Liebe der Menschen auf der Erde, desto mehr Nahrung der Götter im Himmel – je weniger Liebe, desto mehr Hunger der Götter. Das Opfer der Menschen ist im Grunde genommen nichts anderes als das, was zu den Göttern hinaufströmt als die in den Menschen erzeugte Liebe.” (GA 105, 146f)

Lorenzo Ravagli (geb. 1957 in Basel) studierte Philosophie und Schauspielkunst, arbeitet heute als Publizist und Beauftragter für Paradigmenfragen beim Bund der Freien Waldorfschulen. Veröffentlichungen: "Pädagogik und Erkenntnistheorie", "Meditationsphilosophie", "Das Evangelium der Bewußtseins-Seele", "Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit". Er gibt auch das "Jahrbuch für anthroposophische Kritik" heraus. Homepage: www.anthroposophy.com Den etwas längeren Originaltext zu "Sexus, Eros, Agape" kann man unter "Textversion" ausdrucken.

Spirituelle Entwicklung Gästebuch Atalante 6