Elementarteilchen

Michel Houellebecq, einer der gefeiertsten Skandalautoren der Gegenwart, dem man bestimmt nicht nachsagen kann, er sei sexualitätsfeindlich eingestellt, läßt Bruno, einen Protagonisten seines Romans »Elementarteilchen«, folgendes über Jungen, bei denen die Sexualität erwacht, sagen: "Jungen in diesem Alter sind wahre Monster und noch dazu unvorstellbar dumm ... ein vorpubertärer Junge scheint die plötzliche, unheilvolle ... Kristallisation alles Schlechten im Menschen zu sein. Wie soll man folglich daran zweifeln, daß die Sexualität ein absolut negativer Trieb ist?” (S. 190) Über die Männer heißt es kurz darauf: "... überhaupt sind Männer unfähig, Liebe zu empfinden, das ist ein Gefühl, das ihnen völlig fremd ist. Sie kennen nur Begierde, sexuelle Begierde der niedersten Art, und männliche Rivalität.” (Ebenda).

Über die Bedingtheit des sexuellen Begehrens und der sexuellen Lust durch die gesellschaftlichen Gewohnheiten schreibt Houellebecq: "Das sexuelle Begehren und die sexuelle Lust, die im wesentlichen sekundäre kulturelle, anthropologische Phänomene sind, sagen letztlich so gut wie nichts über die Sexualität aus; sie sind keineswegs bestimmende, sondern im Gegenteil zutiefst soziologisch bestimmte Faktoren. In einem monogamen System, das auf Romantik und Liebe basiert, können sie nur durch die Vermittlung des geliebten Wesens und durch das Prinzip der Ausschließlichkeit erreicht werden. Das sexuelle Modell, das in der liberalen Gesellschaft, in der Bruno und Christiane lebten [die ihre sexuellen Neigungen in Swingerclubs befriedigen], durch die offizielle Kultur ... propagiert wurde, war das Modell des Abenteuers: Innerhalb eines solchen Systems tauchen sexuelle Begehren und sexuelle Lust im Anschluß an einen Prozeß der Verführung auf, der den Akzent auf das Neue, die Leidenschaft und die individuelle Kreativität legt ... Die Entwertung geistiger und moralischer Verführungskriterien zugunsten rein körperlicher Kriterien führte dazu, daß die Stammgäste der Swinger-Clubs nach und nach zu einem leicht modifizierten System übergingen, das man als Phantasma der offiziellen Kultur betrachten konnte; das an [Marquis de] Sade orientierte System. Innerhalb eines solchen Systems sind die Schwänze ausnahmslos steif und überdimensional, die Brüste mit Silikon aufgeblasen und die Mösen enthaart und naß.” (S. 276/77)

Das sind harte Worte für Ohren, die die Töne Lilo Wanders gewöhnt sind. Nicht nur, daß Männer generell unfähig zur Liebe sind, sie sind auch noch Sklaven niederster Begierden. Sexualität ist für Bruno ein absolut negativer, zerstörerischer Trieb, besonders die männliche Sexualität. Darüberhinaus vertritt Houellebecq auch die Auffassung, daß sexuelle Lust unter den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und moralischen Bedingungen erreichbar ist, also auch unter restriktiven oder rigorosen, wie jenen des 18. oder 19. Jahrhunderts. Für Houellebecq sind sexuelle Betätigung, Lust und Liebe voneinander klar unterschieden. Houellebecq: ein Moralist in der Verkleidung eines Libertinisten? Wie dem auch sei – Houellebecqs Romane lassen sich als radikale Kritik am sexuellen Libertinismus unserer Zeit lesen.

Gemäß dieser Kritik haben wir in der Befreiung der Sexualität einen Irrweg zu sehen, der einen der destruktivsten Triebe des Menschen entfesselte, und dessen Entfesselung nur in biographische und gesellschaftliche Desaster führen konnte. In Houellebecqs Roman »Elementarteilchen« tritt diese Entfesselung der Sexualität gepaart mit absoluter seelischer und geistiger Leere, mit Perspektivelosigkeit, mit Verzweiflung und dem unausweichlichen Ende im Suizid auf. Insbesondere die männlichen Protagonisten des sexuellen Exzesses in Houellebecqs Roman treiben wie Elementarteilchen durch eine kosmische Leere, die mit ihrer inneren Leere korrespondiert. Sie sind von ihren Trieben besessen und unvermögend, ihrer Besessenheit durch den Trieb eine innere Kraft entgegenzustellen, die aus moralischen Idealen, aus einer Sinnbestimmung des Lebens gespeist ist, die über die unmittelbare Befriedigung ihrer Bedürfnisse hinausgeht.

Ist Houellebecqs Diagnose des westlichen Libertinismus übertrieben, abstrus und irrelevant? Ich glaube nicht. Ich halte sie bis zu einem gewissen Grade für berechtigt und zutreffend. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wozu der Libertinismus der westlichen Gesellschaften geführt hat: wenn wir uns die gewaltigen Umsätze der Pornoindustrie, die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern in Ostasien und Südamerika durch Sextouristen, die Auflösung der sozialen Bande in einer Gesellschaft, die sich dem Kultus der Lustmaximierung verschrieben hat, vergegenwärtigen, dann scheint die Verfalls- und Untergangsdiagnose Houellebecqs zuzutreffen, die schließlich in der Abschaffung der Menschheit gipfelt.

Der Libertinismus der westlichen Spaßgesellschaft geht inzwischen so weit, daß jeder, der nicht offen über seine sexuellen Präferenzen und Praktiken spricht, als verklemmt oder moralinsauer gilt. Wenn man es sogar wagt, darauf hinzuweisen, daß Begierden gezähmt oder geläutert werden können, und daß eine solche Selbsterziehung ein ethisch anstrebenswertes Ziel sein könnte, das allerdings jeder nur sich selbst setzen kann, gilt man gar als reaktionär.

 

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