Sexus, Eros, Agape
Anthroposophische Betrachtungen zu Spiritualität und Sexualität

von Lorenzo Ravagli

 



Elementarteilchen

Michel Houellebecq, einer der gefeiertsten Skandalautoren der Gegenwart, dem man bestimmt nicht nachsagen kann, er sei sexualitätsfeindlich eingestellt, läßt Bruno, einen Protagonisten seines Romans »Elementarteilchen«, folgendes über Jungen, bei denen die Sexualität erwacht, sagen: "Jungen in diesem Alter sind wahre Monster und noch dazu unvorstellbar dumm ... ein vorpubertärer Junge scheint die plötzliche, unheilvolle ... Kristallisation alles Schlechten im Menschen zu sein. Wie soll man folglich daran zweifeln, daß die Sexualität ein absolut negativer Trieb ist?” (S. 190)
Über die Männer heißt es kurz darauf: "... überhaupt sind Männer unfähig, Liebe zu empfinden, das ist ein Gefühl, das ihnen völlig fremd ist. Sie kennen nur Begierde, sexuelle Begierde der niedersten Art, und männliche Rivalität.” (Ebenda).
Über die Bedingtheit des sexuellen Begehrens und der sexuellen Lust durch die gesellschaftlichen Gewohnheiten schreibt Houellebecq: "Das sexuelle Begehren und die sexuelle Lust, die im wesentlichen sekundäre kulturelle, anthropologische Phänomene sind, sagen letztlich so gut wie nichts über die Sexualität aus; sie sind keineswegs bestimmende, sondern im Gegenteil zutiefst soziologisch bestimmte Faktoren. In einem monogamen System, das auf Romantik und Liebe basiert, können sie nur durch die Vermittlung des geliebten Wesens und durch das Prinzip der Ausschließlichkeit erreicht werden. Das sexuelle Modell, das in der liberalen Gesellschaft, in der Bruno und Christiane lebten [die ihre sexuellen Neigungen in Swingerclubs befriedigen], durch die offizielle Kultur ... propagiert wurde, war das Modell des Abenteuers: Innerhalb eines solchen Systems tauchen sexuelle Begehren und sexuelle Lust im Anschluß an einen Prozeß der Verführung auf, der den Akzent auf das Neue, die Leidenschaft und die individuelle Kreativität legt ... Die Entwertung geistiger und moralischer Verführungskriterien zugunsten rein körperlicher Kriterien führte dazu, daß die Stammgäste der Swinger-Clubs nach und nach zu einem leicht modifizierten System übergingen, das man als Phantasma der offiziellen Kultur betrachten konnte; das an [Marquis de] Sade orientierte System. Innerhalb eines solchen Systems sind die Schwänze ausnahmslos steif und überdimensional, die Brüste mit Silikon aufgeblasen und die Mösen enthaart und naß.” (S. 276/77)
Das sind harte Worte für Ohren, die die Töne Lilo Wanders gewöhnt sind. Nicht nur, daß Männer generell unfähig zur Liebe sind, sie sind auch noch Sklaven niederster Begierden. Sexualität ist für Bruno ein absolut negativer, zerstörerischer Trieb, besonders die männliche Sexualität. Darüberhinaus vertritt Houellebecq auch die Auffassung, daß sexuelle Lust unter den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und moralischen Bedingungen erreichbar ist, also auch unter restriktiven oder rigorosen, wie jenen des 18. oder 19. Jahrhunderts. Für Houellebecq sind sexuelle Betätigung, Lust und Liebe voneinander klar unterschieden. Houellebecq: ein Moralist in der Verkleidung eines Libertinisten? Wie dem auch sei – Houellebecqs Romane lassen sich als radikale Kritik am sexuellen Libertinismus unserer Zeit lesen.
Gemäß dieser Kritik haben wir in der Befreiung der Sexualität einen Irrweg zu sehen, der einen der destruktivsten Triebe des Menschen entfesselte, und dessen Entfesselung nur in biographische und gesellschaftliche Desaster führen konnte. In Houellebecqs Roman »Elementarteilchen« tritt diese Entfesselung der Sexualität gepaart mit absoluter seelischer und geistiger Leere, mit Perspektivelosigkeit, mit Verzweiflung und dem unausweichlichen Ende im Suizid auf. Insbesondere die männlichen Protagonisten des sexuellen Exzesses in Houellebecqs Roman treiben wie Elementarteilchen durch eine kosmische Leere, die mit ihrer inneren Leere korrespondiert. Sie sind von ihren Trieben besessen und unvermögend, ihrer Besessenheit durch den Trieb eine innere Kraft entgegenzustellen, die aus moralischen Idealen, aus einer Sinnbestimmung des Lebens gespeist ist, die über die unmittelbare Befriedigung ihrer Bedürfnisse hinausgeht.
Ist Houellebecqs Diagnose des westlichen Libertinismus übertrieben, abstrus und irrelevant? Ich glaube nicht. Ich halte sie bis zu einem gewissen Grade für berechtigt und zutreffend. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wozu der Libertinismus der westlichen Gesellschaften geführt hat: wenn wir uns die gewaltigen Umsätze der Pornoindustrie, die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern in Ostasien und Südamerika durch Sextouristen, die Auflösung der sozialen Bande in einer Gesellschaft, die sich dem Kultus der Lustmaximierung verschrieben hat, vergegenwärtigen, dann scheint die Verfalls- und Untergangsdiagnose Houellebecqs zuzutreffen, die schließlich in der Abschaffung der Menschheit gipfelt.
Der Libertinismus der westlichen Spaßgesellschaft geht inzwischen so weit, daß jeder, der nicht offen über seine sexuellen Präferenzen und Praktiken spricht, als verklemmt oder moralinsauer gilt. Wenn man es sogar wagt, darauf hinzuweisen, daß Begierden gezähmt oder geläutert werden können, und daß eine solche Selbsterziehung ein ethisch anstrebenswertes Ziel sein könnte, das allerdings jeder nur sich selbst setzen kann, gilt man gar als reaktionär.

Liebe und Begierde

Ein kurze Reflexion über das Wesen der Begierde kann uns darüber belehren, daß die Entfesselung von Begierden im Grunde nur ins Desaster führen kann. Begierden nähren sich von ihrer Befriedigung. Sie werden nicht geringer oder verschwinden nicht etwa, wenn man ihnen nachgibt. Im Gegenteil, je mehr man sich ihnen hingibt, um so stärker werden sie. Das wird jeder bestätigen können, der über ein wenig Selbstbeobachtung und ausreichend starke Begierden verfügt. Außerdem liegt es in ihrer Natur, daß sie immer stärkerer Reize bedürfen, um denselben Grad an vorübergehender Befriedigung zu gewährleisten. Schließlich höhlen sie unser Seelenleben aus und ergreifen von uns Besitz: wir werden Besessene unserer Begierden. Nichts anderes beschreibt Houellebecq in seinen Romanen. Was hier gesagt wird, gilt natürlich nicht nur von sexuellen Begierden, sondern für eine jede Form von Streben nach Selbstgenuß. Die sexuelle Befreiung hat vielleicht insofern ihr Gutes, als sie uns gelehrt hat, daß die Unterwerfung unter die Zwänge der Begierden keine Lebensform ist, die auf Dauer ein zufriedenes oder gar glückliches Leben zu garantieren vermag.
Dies haben aber die spirituellen Hochtraditionen immer gelehrt. Buddha hat verkündet, daß der Durst nach Dasein, das Hängen am Vergänglichen, die Quelle alles menschlichen Leids ist und daß nur durch die Befreiung von der Illusion ihrer Dauerhaftigkeit, durch die Überwindung von Gier, Haß und Verblendung ein Zustand erreicht werden kann, der von ihm nicht zufällig als Liebe bezeichnet worden ist. Was Buddha als Lehrer der Liebe und des Mitleids mit allen Wesen gelehrt hat, das hat Christus gelebt. Seine Liebe ging so weit, daß er sein göttliches Leben für die leidende Menschheit hingab, daß er Mensch wurde, um die Menschen mit einer Kraft zu erfüllen, die sie instand setzt, nach einer Lebensform zu suchen, in der der freiwillige Verzicht nicht als Schwächung des Lebens, sondern als Stärkung erscheint. Christliche Liebe ist eine Liebe, die sich dem Leidenden, dem Häßlichen, dem vom Schicksal Benachteiligten zuwendet, nicht um des eigenen Vorteils willen, sondern um des Leidenden selbst willen. Nicht das Schielen auf ein künftiges Verdienst macht das Wesen der christlichen Liebe, der "agape”, aus, sondern die Hingabe um ihrer selbst willen.
Das Göttlichwerden des Menschen im Sinne des Christentums besteht nicht darin, daß wir unser Selbst ertöten, das ist sowieso unmöglich, sondern daß wir unser Selbst auf die ganze Menschheit, ja auf die gesamte Schöpfung erweitern. Wir wenden uns nicht von der Welt fort, um in spirituellem Egoismus nur nach unserem eigenen Heil zu suchen, sondern wir wenden uns der Welt und unseren Mitgeschöpfen zu, um deren Leid zu lindern. Die eigene Heiligung wird nicht durch ausschließliches Interesse an unserer eigenen Vervollkommnung erreicht, sondern durch Zuwendung zur übrigen Menschheit. Die Bodhisattvagestalten des Mahayanabuddhismus stellen so gesehen ein christliches Motiv im Buddhismus dar. Sie treten nicht in das Nirvana ein, solange es noch Wesen auf der Erde gibt, die leiden. Obwohl sie selbst sich von allen Illusionen befreit haben und sich von der Erde verabschieden könnten, tun sie dies nicht. Sie lassen allen anderen Wesen den Vortritt und schließen die Himmelstür erst zu, wenn keiner mehr draußen ist.
Diese Haltung steht in so fundamentalem Gegensatz zu der heute in den westlichen Gesellschaften herrschenden Ideologie der Profitmaximierung, daß wir nicht mehr weit davon entfernt sind, Menschen, die solchen Idealen folgen, ins Irrenhaus zu sperren. Wie kann jemand glauben, daß das Heil der Menschheit erreicht werden könnte, wenn er auf sich selbst und die Befriedigung seiner Bedürfnisse überhaupt keine oder nur marginale Rücksicht nimmt? Muß man da nicht krank sein? Muß man nicht neurotisch werden? Gewiss kann man niemanden zu einer solchen Lebenshaltung zwingen. Sie darf nicht von außen aufgedrängt werden. Die Einsicht, daß wir mit unserer Selbstsucht die Erde und die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens unter den Menschen zerstören, muß aus uns selbst kommen. Sie muß ein Ergebnis der Lebenserfahrung und der durch sie gereiften sittlichen Urteilsfähigkeit sein.
Natürlich kann der Ausweg aus dem Dilemma der libertären Gesellschaft nicht darin bestehen, daß wir ethische Zwangsverordnungen erlassen. Dies würde der Idee der Freiheit widersprechen, auf die wir im Westen zu Recht stolz sind. Aber die freiheitlich-libertäre Grundordnung unserer Gesellschaften legt jedem Einzelnen eine umso größere Bürde der Verantwortung auf. Schließlich müssen wir erkennen, daß Freiheit nicht in der Versklavung durch die Begierde nach Geld, Macht oder Lust bestehen kann. Jeder steht vor der Entscheidungssituation, was er aus seinem Leben machen will. Opfern wir unsere Seele auf dem Altar eines Molochs, der uns Genuß und Reichtum verheißt, der aber unsere Seele am Ende verschlingt, oder richten wir uns nach einer Maxime, die man so formulieren könnte: "Kein Mensch kann jemals wirklich glücklich sein, solange es auf der Erde andere gibt, die leiden.”

One-night-stand und lebenslange Partnerschaft

Wenn wir uns Verpflichtungen auferlegen, dann können es immer nur selbstauferlegte Verpflichtungen sein. Wohlgemerkt: hier ist nicht die Rede von Gesetzgebung und den Schranken, die uns das bürgerliche Gesetzbuch auferlegt, sondern von unserem inneren Freiheitsraum, der von Gesetzen gar nicht berührt wird. Es liegt im Wesen solcher selbstauferlegten Verpflichtungen, daß sie nicht ohne weiteres aufgehoben werden können. Unter aufgeklärten, libertären Bedingungen kommt diesen Selbstverpflichtungen sogar eine noch größere Bedeutung zu, als in einer an strenge ethische Normen gebundenen Gesellschaft, denn es gibt ja keine Normen mehr, auf die man sich verlassen kann. Man kann sich also nur noch auf sich selbst verlassen, insofern man sich an selbstauferlegte Verpflichtungen hält und auf andere, als sie dies ebenso tun.
Solange für uns Sexualität lediglich das von Houellebecq beschriebene Abenteuer ist, also einen "thrilling event” darstellt, der in gegenseitigem Einverständnis sich auf den Genuss der jeweiligen Geschlechtseigenschaften des anderen beschränkt, wird die Verpflichtung darin bestehen, dem anderen ein Höchstmaß an Genuß zu bereiten, und von ihm dasselbe zu erwarten. Darüber hinaus entstehen für uns keine Verpflichtungen oder Bindungen. Die ethische Maxime der Swingerclubs oder der one-night-stands ist die des "do, ut des”: sie ist eine rein negative Augenblicksmaxime.
Sobald wir uns aber verlieben, kommt Seele ins Spiel und es entstehen Bindungen und Erwartungen, die nicht mehr mit Augenblicksmaximen bewältigt werden können. Und diese Erwartungen sind so unterschiedlich, daß sich Berge von Ratgebern mit dem Problem beschäftigen, warum Frauen und Männer sich angeblich nicht verstehen können. In der Tat sind, wie sogar Houellebecq bemerkt, Männer und Frauen auch in seelischer Beziehung nicht einfach gleich. Die Liebe der Frau ist viel mehr in Phantasie getaucht, als die Liebe des Mannes. Während die Frau dazu neigt, ein Bild des Mannes zu lieben, das sie selbst mit ihren Phantasiekräften formt, ist die Liebe des Mannes mehr in Wunsch und Begehren getaucht. "Die Frau liebt niemals vollständig bloß einfach den realen Mann, der dasteht im Leben; die Männer sind ja auch gar nicht so, daß man sie, wie sie heute sind, mit einer gesunden Phantasie lieben könnte, sondern es ist immer etwas mehr darinnen, es ist das Bild darinnen, das aus jener Welt heraus ist, die eine Gabe des Himmels ist.” (GA 303, 246)
Während die Frau zu ihrem Idealbild des Mannes aufblickt, und dieses Idealbild auch auf ihren Liebespartner projiziert oder ihn danach zu formen versucht, sieht der Mann in seiner Partnerin eher eine Erfüllung seiner Wünsche. Aber genauso wenig wie ein Mensch unserem Idealbild entspricht, ist er nur ein Objekt, das unsere Wünsche erfüllt. In den Erwartungen, mit denen Mann und Frau sich begegnen sind die künftigen Ernüchterungen und Enttäuschungen schon veranlagt. Der Tendenz nach macht die Frau den Mann immer etwas besser, als er ist, der Mann hingegen die Frau immer etwas schlechter, als sie ist. Im Grunde müßte die Frau den Mann zu sich hinaufziehen und nicht der Mann die Frau zu sich hinab. "Glücklich der Mann”, sagt Novalis, "wer seiner Geliebten nicht in die Arme sinkt, sondern in die Arme steigt,” der sich bereit findet, sich durch das Idealbild, das seine Geliebte von ihm in sich trägt, veredeln zu lassen.
Ist Liebe im Spiel, geht es darum, Zusammenleben zu gestalten. Es wird über kurz oder lang auch darum gehen, sich zu fragen, was den anderen Menschen, abgesehen von seinen Geschlechtseigenschaften, durch die er eine Quelle meines Selbstgenusses ist, für mich liebenswert macht. Finde ich an ihm nichts Liebenswertes, wird sich auch die Bindung als nicht tragfähig erweisen und auseinanderbrechen. Es wird sich zeigen, daß eine Beziehung allein auf sexueller Basis kaum länger dauern kann. Seelische und geistige Eigenschaften aber, die mir den anderen liebenswert erscheinen lassen, sind auch nicht unbedingt geeignet, lebenslange Einpaarbeziehungen zu begründen. Irgendwann kann ja eine Sättigung eintreten und jeder Witz ist schon einmal erzählt, jede Genialität wird durch den Alltag entzaubert.
Es gibt überhaupt keine positiven Eigenschaften, die eine lebenslange Einpaarbeziehung rechtfertigen könnten. Alle seelischen oder geistigen Eigenschaften könnten auch oder sogar vielleicht noch besser im Rahmen einer Freundschaft genossen werden. Was also bindet Menschen aneinander, nachdem der erste Reiz der erotisch-sexuellen Beziehung verflogen ist? Was, wenn nicht die Nachkommen und deren Aufzucht? Entschließen sich Menschen dazu, Kinder zu zeugen und eine Familie zu gründen, dann übernehmen sie eine große Verpflichtung, die weit über die ursprüngliche erotische Anziehung hinaus gültig bleibt. Die Beziehung bleibt um der Kinder willen bestehen. Und was sollte daran schlecht sein? Die soziale Gemeinschaft der Familie ist eine Gesellschaft im Kleinen. Sie ist das zentrale Feld aller Sozialisation, der kulturellen und religiösen Kontinuität. Die Familie ist der gelebte Widerspruch zu einer atomisierten Gesellschaft von Singles, die nicht bereit oder nicht fähig sind, Bindungen einzugehen, die über sie selbst hinaus Bestand haben. Die Familie ist der Nukleus der Humanität: hier kann im täglichen Ringen um den Ausgleich von Interessen und Egoismen Liebe wirklich praktiziert werden. Die Familie ist eine heilige Schulungsstätte der Selbstlosigkeit. Was gibt es Schöneres, als Kinder heranwachsen zu sehen, als sich täglich mit ihnen zu beschäftigen, mit ihnen zu scherzen und zu streiten, an ihrer Bildung und Erziehung teilzunehmen? Was gibt es Aufregenderes, als all die Dramen mit seinen Kindern noch einmal zu durchleben, die man an sich selbst, aber mehr oder weniger unbewußt erlebt hat? Eltern tragen eine große Verantwortung gegenüber ihren Kindern: sie sind es, die sie in die Welt hinein begleiten, die sie an das große Abenteuer des Erwachsenseins heranführen und sie bei ihren ersten Schritten begleiten, bei ihrem Straucheln und Stürzen dabei sind, sie auffangen, sie trösten, sie ermutigen, sie ermahnen, sich schließlich auch zurücknehmen, um die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ihrer Kinder staunend aus nächster Nähe mitanzusehen. Aber Eltern-Kind-Beziehungen sind keine Einbahnstraßen. So wie wir erziehen, werden wir auch erzogen: von unseren Kindern. Sie spiegeln uns unsere Fehler, unsere Einseitigkeiten, sie erweitern unseren Horizont und sie erwecken in uns durch die Herausforderung, die sie darstellen, Fähigkeiten, von denen wir nicht ahnten, daß wir sie je entwickeln könnten. Die Emanzipation, die sie schließlich von uns suchen, verhilft auch uns zu einer tieferen Emanzipation von uns selbst.

Ursprungsmythen

"Naturphilosophische” Erkenntnis zielt auf die Herkunftsgeschichte und die Bedeutung der Geschlechtlichkeit in der menschlichen Evolution. Da kommen Götter ins Spiel, denn der Mensch ist einst aus der Welt der Götter, aus dem Umkreis der Erde auf diese herabgestiegen. Er lebte in einer Welt, in der es den Geschlechtsunterschied nicht gab. Dieser entstand erst im Lauf der Menschwerdung. Die himmlischen Vorfahren der Menschen waren imstande, sich selbst parthenogen, jungfräulich fortzupflanzen, wie heute noch manche Lebewesen. Die Trennung der Geschlechter war aber Voraussetzung für die Menschwerdung. Die Menschenvorfahren, die aus sich selbst ihre Nachkommen hervorgehen lassen konnten, lebten auch seelisch in diesen Nachkommen fort und besaßen gar kein von diesen abgegrenztes Bewußtsein. Die Seelen hingen miteinander zusammen wie die Äste und Zweige eines Baumes mit dessen Wurzeln und Stamm. Die Trennung der männlichen und weiblichen Kräfte, die einst in der Selbstreproduktion jener archaischen Hermaphroditen zusammenwirkten, schuf die Voraussetzung dafür, daß sich auch die Seelen voneinander trennten. Sie verbanden sich mit dem männlichen und weiblichen Körper und lebten in diesem abgeschlossen. Es konnte sich im Zusammenhang mit dem jeweiligen Leib, in dem sie inkarniert war, eine Einzelseele herausbilden. Dadurch konnte sich allmählich ein persönliches Selbstbewußtsein entwickeln.
Die menschliche Leiblichkeit war in jenem frühen Zustand so vollkommen andersartig als unsere heutige, daß wir sie uns nur schwer vorstellen können. Plato hat den Mythos von jenen Wesen erzählt, die einst kugelrund waren und von den Göttern in zwei Hälften auseinander geschnitten worden sind. Seither ziehen sie durch die Welt und suchen die jeweils andere Hälfte. Der Übergang zur Zweigeschlechtlichkeit war mit einer inneren Differenzierung in der gesamten Organisation des Menschen verbunden: mit der Differenzierung zwischen Fortpflanzungsorganisation und Gehirn. Ein anderer alter Mythos hat diese Differenzierung in der Erzählung vom Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis festgehalten. Die Ausbildung der Gehirnorganisation hatte zur Folge, daß der menschliche Organismus die Fähigkeit erwarb, das Leben der Seele und die Weisheit der Götter zu spiegeln. Gleichzeitig wurde dem Menschen aber die Macht über den Baum des Lebens entzogen: also über die Fortpflanzungskräfte, die er früher anwendete, als er seine eigenen Nachkommen durch Teilung oder Selbstbefruchtung hervorbrachte. Insofern könnte man sagen, daß das Gehirn und die Fortpflanzungsorganisation zwei Hälften einer ursprünglich ungeteilten Ganzheit sind. Der Baum des Lebens, der dem Menschen entzogen wurde, deutet auf die Kräfte des todlosen Lebens, das er einst "im Paradies” besaß. Dafür hat er sich den Baum der Erkenntnis angeeignet: er besitzt ein Gehirn, das die göttliche Weisheit nachzudenken und sich individuell anzueignen vermag. Aber diese Erkenntnis hat der Mensch mit dem Tod erkauft, weil seine Organisation sich so verändert hat, daß sie nicht mehr imstande ist, sich durch Selbstbefruchtung fortzupflanzen.

Warnung vor falscher Askese

Die Kräfte, die in der Fortpflanzung wirksam sind, sind die Kräfte des Lebens. Aber sie sind dem Bewußtsein des Menschen entzogen. Es sind göttliche Kräfte, gestaltungsmächtige Bildekräfte, die imstande sind, ein Abbild des Menschen hervorzubringen. Aber nicht nur die Götter wirken bei der Entstehung eines neuen Menschenleibes, den sie nicht nur zu einem Abbild seiner Vorfahren, sondern auch zu einem Bilde ihrer selbst formen, sondern auch die geistige Individualität des sich der Erde annähernden Menschen.
Das menschliche Gehirn dagegen ist die Schädelstätte, an der die Mächte des Todes herrschen. Aber diese Mächte des Todes sind zugleich die Herrscher der Erkenntnis und des Selbstbewußtseins. Auch das Selbstbewußtsein ist eine Folge des Todes: nur weil sich die Einzelseele von ihrem Zusammenhang mit all ihren Schwesterseelen abgeschnürt hat, kann sie sich als einzelne Seele erleben und ein Selbstbewußtsein entwickeln. Das Selbstbewußtsein ist, ebenso wie die Erkenntnis, eine Frucht des Todes.
Insofern kann die Fortpflanzung und damit die Sexualität nicht als etwas Schlechtes, Sündhaftes oder Verwerfliches bezeichnet werden. Im Gegenteil, in der Fortpflanzung wirken "edle Götterkräfte regelnd und organisierend”. "Es wäre eine vollständige Verkennung der okkulten Wahrheiten, wenn man in den Fortpflanzungskräften an sich etwas Niedriges sehen wollte.” Allerdings, so Steiner: "Nur wenn der Mensch diese Kräfte mißbraucht, wenn er sie in den Dienst seiner Leidenschaften und Triebe zwingt, liegt etwas Verderbliches in diesen Kräften, nicht aber, wenn er sie durch diese Einsicht adelt, daß göttliche Geisteskraft in ihnen liegt.” (GA 11, 123f)
Es geht also nicht darum, die Sexualität zu verteufeln oder abzutöten, es geht darum, sie zu veredeln. Im Gegenteil, Abtötung der Sexualität wäre ein geistiger Irrweg, der Irrweg des falsch verstandenen Asketismus: "Veredelung dieses ganzen Gebietes ... ist das, was die Geheimwissenschaft lehrt, nicht aber Ertötung desselben. Die letztere kann nur die Folge äußerlich aufgefaßter und zum mißverständlichen Asketismus (ein Egoismus höherer Art) verzerrter okkulter Grundsätze sein.” (Ebenda)
Die falsche Askese, die Steiner als spirituellen Irrtum kennzeichnet, ist eine Folge der Verachtung der Sinneswelt. Wozu denn hätte sich der Mensch auf die Erde begeben, sich inkarniert, wenn diese Sinneswelt nur ein Jammertal oder ein verachtenswerter Schauplatz von Verführungen wäre? "Wenn alle Weisheit der Welt nur Torheit wäre vor Gott, was hätte es für einen Sinn, achtzig Jahre alt zu werden”, bemerkte Goethe gallig in einem Aphorismus. Der Sinn des menschlichen Lebens liegt gerade darin, daß wir uns inkarniert haben, um auf der Erde die Irrfahrten des Odysseus zu bestehen. Unser Schicksal ist das, was wir uns selbst geschickt haben. Es kommt darauf an, daß wir die Proben bestehen, so schrecklich sie auch sein mögen. Natürlich können wir die Herausforderungen unseres Schicksals kämpferisch aufgreifen, wir sind ihnen nicht willenlos ausgesetzt. So wie Jabok mit dem Engel kämpfte und ihn schließlich besiegte, so können auch wir kämpfen. Der Kampf ist die Berufung unserer Individualität, nicht die willenlose Unterwerfung. In uns selbst lauert der Drache, den es zu bezwingen gilt.
Aber auch die Freuden der Sinne sind legitim. Denn die Sinne offenbaren uns das, was wir als reine abgeschiedene Seelen nicht erfahren oder erleben können. Die sinnliche, körperliche Erfahrung der Welt ist das, was wir als kosmische Wesen, als Geister, so lange gesucht haben. Das Verachten der Sinneswelt, der Glaube, wir müßten uns die Freude am Leben, an den Schönheiten der Natur versagen, ist ein geistiger Irrweg. Es ist die "falsche Askese”. Die richtige Askese besteht darin, daß wir nicht beim bloßen Genuß stehenbleiben, sondern aus dem Genuß der Sinne Erkenntnis schöpfen, wie die Bienen aus den Blüten den Honig schöpfen. Das ist mehr als eine bloß poetische Metapher. Die Mysterienschüler in manchen griechischen Mysterien wurden als Bienen bezeichnet. Die Bienen spielen auch in der Symbolik des Rosenkreuzertums eine bedeutende Rolle. Sie sind Sinnbilder für die Seele, die aus der Erfahrung durch die Sinne den süßen Honig der Erkenntnis saugt. Die Versuchung der falschen Askese dagegen läßt uns die Sinneswelt verachten und entzieht damit unserem Leben auf der Erde seinen Sinn. (GA 147, 36)
Überhaupt: die Grundkräfte der Seele sind Sympathie und Antipathie, Anziehung und Abstoßung, Hingabe und Rückzug auf sich selbst. Wie sollten wir also ein Leben führen können, das völlig frei von Hingabe ist? Wir müßten uns ja unserer Seele entledigen. Die Frage ist nur, an was wir uns hingeben. Die Frage ist, ob wir unsere Seele nur dem Vergänglichen hingeben oder auch dem Unvergänglichen, ob wir an den vorübergehenden Genüssen der Sinne allein hängen, oder ob wir für unsere Hingabefähigkeit etwas finden, was über den Tod hinaus Bestand hat. Wenn unsere Seele für das Unvergängliche, für das Wahre und Gute erwacht und sich diesem inneren Sternenhimmel hingibt, dann erwacht sie für die Realität des Geistigen in der sinnlichen Welt. Dieses Erwachen der Seele für den Geist ist nichts anderes als Liebe. "Wo Liebe, wo Mitgefühl sich regen im Leben, vernimmt man den Zauberhauch des die Sinneswelt durchdringenden Geistes.” Einweihung in die großen Mysterien kann nicht erreicht werden durch Abtötung der Liebe, durch kalten Egoismus, der nur in Überheblichkeit und Eitelkeit führt. Lieblosigkeit, Mangel an Mitgefühl, werden in einer vollmenschlichen Initiationsschulung als Verneinung des Geistes erkannt. (GA 17, 59)
In der Liebe zwischen Mann und Frau wirkt viel mehr als nur Irdisches. Einige bemerkenswerte Schilderungen finden sich in Vorträgen des Sehers Rudolf Steiner vor Mitgliedern der damals noch theosophischen Gesellschaft.

Liebe und Fortpflanzung


Die Liebessympathie, die Mann und Frau im Geschlechtsakt verbindet, ist nicht nur Folge der gegenseitigen Anziehungskräfte zwischen den Geschlechtern. Der Hellseher vermag in den hin- und herwogenden Gefühlen auch eine Spiegelung ungeborener Seelen wahrzunehmen, die auf den Wellen der Emotion vor aller irdischen Befruchtung, vor dem physischen Akt, gegenwärtig sind. Die Individualität des ungeborenen Kindes ist es, die die Eltern zusammenführt. Sie wirkt schon in den Schicksalswegen, die zur Begegnung der potentiellen Eltern führt. Kommt es zu einer Befruchtung, dann wirkt vom ersten Augenblick an in dem sich entwickelnden Fötus ebendiese Individualität bei der Ausbildung ihres Leibes mit. Die geistige Individualität ist mit dem sich entwickelnden Embryo verbunden und greift etwa vom Zeitpunkt der Nidation an unmittelbar in die leibliche Ausformung des Embryo ein. (GA 109, 201f)
Diesen vom Seher beschriebenen Sachverhalt kann man bis heute bei australischen Aboriginesfrauen begegnen, die erst dann zur Empfängnis bereit sind, wenn sie von ihrem künftigen Kind in der Traumwelt besucht worden sind.
In der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt weilt unser Unsterbliches in der Fixsternregion. Im glitzernden Kristallpalast der Zwölfgötter thronen majestätisch über allen anderen die vier Cherubim. Hier bauen wir unter Anleitung erhabener Gotteswesen den Geistkeim unseres künftigen physischen Leibes auf. Der alles umschließende Makrokosmos bildet sich im Mikrokosmos dieses Geistleibes ab. Elias imaginierte die vier Erhabenen in den Gestalten des Menschen, des Adlers, des Stiers und des Löwen. Der "Mensch” faßt in sich den Adler (die Kopforganisation – zusammen mit dem Skorpion: der Fortpflanzungsorganisation), den Löwen (die Brustorganisation mit dem Herzen) und den Stier (die Stoffwechsel- und Gliedmaßenorganisation). In der Planetenwelt, durch die unser Unsterbliches zur Erde herabsteigt, bilden wir aus der Astralsubstanz der Planetengötter unser Seelenkleid, den Astralleib. Die Herrscher der einzelnen Planeten beschenken uns mit den Abbildern ihrer unterschiedlichen Kräfte, die sie unserer Seele einprägen. In der Region des Mondes ziehen wir aus dem kosmischen Äthermer, das aus der von Leben überfließenden Sonne hervorströmt, unseren Äther- oder Lebensleib, den soma augoeides der Alten, an uns, der aus Wärme und Licht, aus Leben und Klang gewoben ist. Dieser himmlische Mensch verbindet sich mit dem physischen Keim der aus Ei und Samenzellen hervorgeht und prägt diesem die göttliiche Weisheit ein, die es aus dem Kosmos mitgebracht hat. Nicht von den Genen empfangen wir unseren Leib, sondern von den Göttern. Jede Befruchtung von unten geht mit einer Befruchtung von oben einher.
Der Embryo, der sich im Mutterleib bildet, entsteht aus dem Makrokosmos, der sich im menschlichen Leib abbildet. Bis zu 35 Generationen hindurch kann eine solche Vorbereitung auf eine künftige Inkarnation dauern. Die geistige Individualität, die sich in der Sternenwelt, im Kosmos aufhält, blickt auf den Generationsstrom herunter und wirkt in der Alchymie der sich in Liebe verbindenden Vorfahren. (GA 181, 196)
In den irdischen Liebesverhältnissen, so der Seher, liegt etwas mysteriös Unbestimmtes, etwas rational nicht Greifbares. In diesem geheimnisvollen, zauberhaften Wirken, das von den alten Griechen mit dem Walten einer Gottheit in Zusammenhang gebracht wurde, die ihre tückischen Pfeile verschießt, wirken in Wahrheit die Seelen der Ungeborenen, die ihre künftigen Inkarnationen suchen. Deswegen herrscht in den Ereignissen, die Mann und Frau zusammenführen, auch nie völlige Freiheit, völliges Bewußtsein. (GA 214, 146)

Sexualität in der menschlichen Biographie – gegen den Pansexualismus


Liebe kann nur entstehen, wo Trennung und Entzweiung erlebt werden. Sie ist Sehnsucht nach Vereinigung. So wie die Geliebte den Archetypus der Mutter vertritt, von der der Sohn sich getrennt hat, so vertritt der Geliebte den Archetypus des Vaters, von dem die Tochter sich getrennt hat. Aber die Vereinigung mit dem Archetypus im Kleinen ist nur ein Bild der großen Vereinigung, durch die wir uns mit dem himmlischen Vater, der himmlischen Mutter wieder vereinigen, ein Bild für den Tod. Die Liebe als der kleine Tod ist ein Bild des großen Todes. So wie aus dem kleinen Tod neues Leben hervorgeht, geht auch aus dem großen Tod neues Leben, das Leben des Geistes hervor. Durch den Tod werden wir in die Welt der Geister geboren. Wie durch den kleinen Tod die sterblichen Wesen zu einer vorübergehenden Einheit verschmelzen, die mit großem Glückserleben verbunden ist, verschmilzt durch den großen Tod die Seele jauchzend mit der Welt des Geistes, aus der sie einst hervorgegangen ist. Liebe beruht auf Getrenntsein. Liebe ist zugleich die Kraft, die uns vereinigt. Sie ist aber viel umfassender, als daß sie nur auf einen einzelnen Menschen beschränkt bleiben müßte. Schon in der Liebe der Eltern zu ihren Kindern erweitert sie sich auf andere. Sie kann sich auf die ganze Menschheit ausdehnen. Mit seiner Liebe die ganze Menschheit zu umfassen, bedeutet, die in der Seele vorhandene Kraft der Hingabe bis zum Höchsten zu steigern.
Oft verwechseln wir Eigenliebe nur mit Liebe zum andern. Oft glauben wir, wir liebten einen anderen und in Wahrheit ist dies eine Illusion: wir lieben nur uns selbst im Andern. Wir lieben den andern nur, insofern er der Träger unserer Projektionen ist. C.G. Jung hat in bezug auf diese Illusion von einem "abaissement du niveau mental”, von einem Absinken des geistigen Niveaus gesprochen. In Wahrheit lieben wir den anderen nur, insofern er für uns ein Mittel ist, unsere eigene Selbstliebe zu befriedigen. Taugt er nicht mehr dazu, dann fällt uns plötzlich ein Schleier von den Augen und wir wundern uns, wie wir nur so vernarrt sein konnten, um uns sogleich in die nächste Illusion zu stürzen. In diesem Taumel aus Berauschung und Ernüchterung verbirgt sich die Tragik der Seelenleere, die Houellebecq so beredt beschreibt. Am selbstlosesten lieben wir dort, wo wir mit Goethe sagen können: "wenn ich dich liebe, was geht’s dich an?”
Wenn wir die gesamte Biographie des Menschen überblicken, dann durchlaufen wir im Idealfall einen Entwicklungsprozess, den C.G. Jung als Individuation beschrieben hat. Auch die Anthroposophie kennt einen ähnlichen Vorgang, bei dem es darum geht, daß sich das Selbst, das hier als geistiger Wesenskern bezeichnet wird, immer mehr an die Oberfläche arbeitet, und jene Anteile des Unbewußten integriert, die wir als Schatten, als abgespaltene, oder vorbewußte kollektive Seelenteile mit uns herumtragen. Er reicht von der Kindheit über die tumultuarischen Umwälzungen der Geschlechtsreife in der Jugend, die Selbstfindung des Erwachsenenalters, zwischen dem 21. und 42. Lebensjahr und die geistig integrativen Entwicklungsschritte, die in der Seele des Menschen veranlagt sind, die wir aber nur realisieren können, wenn wir uns bewußt zur Selbsterziehung entschließen. Diese Selbsterziehung beruht auf der Verwandlung, der Transmutation des Seelenlebens durch den Geist, den geistigen Wesenskern des Menschen. Was wir von der Natur und von der Gesellschaft empfangen haben, müssen wir uns nun in einer Art zweiter Jugend neu erobern. Nur was wir erwerben, "um es zu besitzen”, ist unser unverlierbares Gut. Die Verwirklichung des Selbstes, des geistigen Wesenkerns, ist ein langwieriger, mit vielen Irrungen und Wirrungen verbundenes, sich über Jahrzehnte hinziehendes Geschehen, das häufig unterwegs scheitert. Bei dieser Selbstwerdung treten uns andere Menschen zur Seite, denen wir in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Verzweigte Netze von Seelenfreundschaften spannen sich um uns, von denen wir getragen werden und in denen wir selbst tragende Knoten sind.
Steiner sprach gelegentlich davon, daß die Integrität der menschlichen Persönlichkeit in unserer Zeit akut gefährdet sei: durch das Abgleiten in den Erotizismus oder Pansexualismus und aufgrund der Überwältigung durch den Machttrieb. Beides aber ist mit einer Desintegration des Seelenlebens verbunden. Es kann sein, daß sich auf unserem Lebensweg der Intellekt verselbständigt und sich vom Mitgefühl loslöst. Er wird kalt und schneidend und entfaltet eine sozial zerstörerische Wirksamkeit. Die objektiven Folgen der Totalisierung der technischen Rationalität können wir heute allenthalben beobachten. Auf der anderen Seite kann sich das Begierdenleben verselbständigen und uns in einen Taumel der Herrschsucht und der Machtgier stürzen, der in der Entfesselung einer persönlich beziehungslosen Sexualität nur eine seiner Erscheinungsformen hat. Wir stehen in der Gefahr, zu Sklaven der Intelligenz oder des Machttriebs zu werden und als integre Persönlichkeit unterzugehen. Vor dieser Gefahr können wir uns nur durch Spiritualisierung bewahren. (GA 104, S. 152 f) Diese Spiritualisierung zielt darauf ab, das Ich oder das Selbst, das anfangs nur schwach ausgebildete Zentrum unserer Persönlichkeit durch meditative Schulung zu stärken und es zum weisen Herrscher über unsere Seelenkräfte zu krönen.
Während es von der komplexen Psychologie C. G. Jungs, die durchaus geistoffen ist, einen Weg zur spirituellen Weltsicht Steiners gibt, ist ein solcher Weg von der analytischen Psychologie und der Sexualtheorie Freuds wohl kaum zu finden. Freuds Pansexualismus ist eher selbst ein Krankheitssymptom als ein Heilungsansatz für die Integrationsprobleme der Menschenseele. Die Polemik, die Steiner in manchen Vorträgen gegen die Freudsche "Ferkeltheorie” vorträgt, bezieht sich aber nicht etwa auf die Sexualität, sondern auf die Theorie Freuds, die Dogmatisierung eines intellektuellen Erklärungsansatzes für seelische Aberrationen.
Steiners Auseinandersetzung mit Freud ist eine Auseinandersetzung mit einer Theorie des Pansexualismus, nicht eine Auseinandersetzung mit der Sexualität. Steiner kritisiert vor allem den Freudschen Begriff des Unbewußten. Daß sich im Unbewußten des Menschen eine psychische Urbevölkerung tummle, daß das Es in seiner polymorphen Perversität nur auf die Selbstbefriedigung fixiert ist, das sind die hauptsächlichen Kritikpunkte. Vor allem, daß Freud in die kindliche Psyche eine Sexualität hineinprojiziert, die darin in Wahrheit gar nicht vorhanden sei. Für Steiner ist die Seele des Kindes das Heiligste, das der Mensch je besitzt. Die Seele des Kindes ist keine mit Perversität angefüllte Jauchegrube, sondern ein heiliges Gefäß voller göttlicher Weisheit. Das Kind ist von Natur aus asexuell. Erst in der Pubertät beginnt sich das Kind als sexuelles Wesen zu erleben. Diese scharf abgrenzende Auffassung Steiners ist auch der einzig wirkliche Schutz gegen die pseudowissenschaftlichen Argumentationen von Päderasten. Denn alle positiv-rechtlichen Argumente gegen den sexuellen Mißbrauch von Kindern besitzen etwas Willkürliches, wenn es nicht im Wesen des Kindes selbst begründet ist, daß es mit Sexualität nichts zu tun hat.
Steiner stieß sich auch am mechanistischen Bild der Seelenvorgänge, das Freud entwarf und an der primitiven Auffassung von "Primitivität”, der Freud anhing. Denn auch der sogenannte primitive Mensch der damaligen wissenschaftlichen Diskussion ist für Steiner keineswegs der barbarische Wilde, als der er vielen seiner Zeitgenossen erschien. Die barbarischen Wilden bevölkerten seiner Auffassung nach eher die zivilisierten Zonen und besaßen so wenig Kultur, daß sie schließlich im I. Weltkrieg wie die Tiere übereinander herfielen. Die sogenannten Wilden hingegen sieht Steiner als Träger hoher spiritueller Erbschaften, die nicht nur ihr soziales Leben, sondern auch ihr Verhältnis zur Natur und zu ihren Vorfahren bestimmen. Steiner erscheint mit seiner Einschätzung der Kultur der "Naturvölker” und seiner Kritik am naiven Eurozentrismus seiner Zeitgenossen als Vorläufer der Kritik des Zivilisationsbegriffs, wie ihn etwa Hans Peter Duerr in seiner monumentalen Studie über den »Mythos vom Zivilisationsprozeß« vorgetragen hat. In der Sexualwissenschaft seiner Zeit hingegen, die einem rein materialistischen Menschenbild verpflichtet war, sah Steiner etwas "Schändliches”. Er sah im "Zusammenwerfen” von Liebe und Sexualität geradezu das "Teuflischste der Gegenwart”. (GA 143, 184)
Gegenüber einer Theorie, die das menschliche Erkennen und die Moralität aus der Psycho-Sexualität ableiten will, für die das Ich auf dem Es reitet, ohne es beherrschen zu können, wies er darauf hin, daß vielmehr, wenn man dem Verständnis des Alten Testamentes folge, die sexuelle Verbindung von Mann und Frau eine Art von Erkenntnis sei oder daß sie eine Folge der Erkenntnis, des Einzugs des Erkenntnisprinzips in die Menschheit sei. Wir haben oben unter dem Titel Ursprungsmythen diesen Sachverhalt angedeutet. Durch die Thora werde die Erkenntnis in die Nähe der Sexualität gebracht. In dieser alten religiösen Auffassung verberge sich eine tiefe Wahrheit, die Wahrheit nämlich, daß Erkenntnis stets Vereinigung mit dem Erkannten ist. (GA 169, 118)
Am Pansexualismus seiner Zeit kritisierte Steiner, daß der Materialismus den Begriff der Liebe so nahe wie möglich an den Begriff der Sexualität heranführe, obwohl der Begriff der Liebe viel umfassender sei als der der Sexualität. Daß unter gewissen Umständen zu der Liebe zwischen Mann und Frau die Sexualität hinzutreten könne, begründe nicht, daß man diese beiden Begriffe miteinander zusammenwerfe
Steiner stellt das umfassende Prinzip der Liebe und des Mitgefühls und die sexuelle Anziehung als Sonderfall einander gegenüber. Er weist darauf hin, daß auch die Begriffe von Liebe und Mitleid eine Geschichte hätten, daß sie einige Jahrhunderte vor dem Erscheinen Christi auf der Erde gleichsam vorbereitend in der ganzen Menschheit als ethische Prinzipien verkündet worden seien: in China durch Lao-tse und Konfuzius, in Indien durch Buddha, in Persien durch den letzten Zarathustra, in Griechenland durch Pythagoras. So verschieden diese Religionsstifter auch gewesen seien, sie alle hätten als eines ihrer Hauptprinzipien Mitgefühl oder Liebe vertreten. Die Liebe und das Mitleid, die in der Menschheit bewußt zu werden beginnen, sind wie der Vorglanz des Sonnenlichtes, das der Dämmerung eines neuen Menschheitsmorgens vorausgeht. In dem Augenblick, in dem die geistige Sonne sich mit dem Leib der Erde verband und die himmlischen Heerscharen in ehrfurchtsvollem Schauer inmitten ihres Jubels verstummten, sandte sie in jede einzelne Menschenseele ihren Lichtfunken, der in aller Zukunft die Finsternisse unserer Gottentfremdung zu erhellen vermag. (GA 133, 107f)
Die Gegenwart hingegen neige dazu, Erotik mit Liebe zu verwechseln. Das "in den Materialismus getauchte Denken” kenne von der Liebe allein den sexuellen Aspekt. Wir müsen bedenken daß als Steiner diese Sätze sprach, auf deutschen Bühnen der Kampf um Ibsen, Schnitzler und Wedekind tobte, und sich eine auf die Sexualität fixierte Kulturströmung anschickte, die Erfodernisse einer Hochzüchtung der Rasse zum politischen Programm zu erheben. Die Verleugnung des Geistes mache die Liebeskraft zur erotischen Kraft. Vielerorts sei nicht nur an die Stelle des Genius der Liebe sein niederer Diener, die Erotik getreten, sondern gar das Gegenbild, der Dämon der Liebe. Dieser Dämon der Liebe entstehe, wenn etwas, was einst gottgewollt im Menschen gewirkt habe, durch das menschliche Denken in Anspruch genommen, durch die Intellektualität von der Geistigkeit abgerissen werde. Was in der Sexualität ursprünglich lebe, sei durchdrungen von der geistigen Liebe. Aber die Menschheit könne herunterfallen von dieser durchgeistigten Liebe. Was diese Dekadenz begünstige, sei die Herrschaft des seelenlosen Intellekts. (GA 225, 181f)

Spirituelle Entwicklung

Schon in seiner philosophischen Ethik, die Steiner in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts formulierte, ist der Hauptgesichtspunkt der der Entwicklung, der Wandlung, der Transformation der menschlichen Seele vom instinktgebundenen, triebbedingten Leben in Unfreiheit zu einem Leben und Handeln aus Erkenntnis, das die höchste Entwicklungsstufe der menschlichen Liebesfähigkeit darstellt. Steiners Freiheitsidee beinhaltet die Vorstellung, daß der menschliche Wille sich sukzessive, über verschiedene Lebens- oder Reifungsstufen von einer naturhaften, an den Leib gebundenen Triebkraft in einen freien, rein geistigen, erkennenden Willen verwandeln kann, der die Ideen, die seine Handlungen bestimmen, selbst hervorbringt. Das reine Denken, durch das der Mensch in der Welt der moralischen Antriebe lebt, ist zugleich reiner Wille. Die höchste Entwicklungsstufe des ethischen Bewußtseins sieht Steiner im Handeln aus Liebe zur Idee, die als individuelle moralische Intuition im Bewußtsein des Einzelnen aufleuchtet. Hier verschmilzt der Wille mit der Weisheit und aus dieser Vereinigung, dieser unio mystica, geht der freie Mensch hervor. Die Maxime des freien Menschen faßt er in den Satz zusammen: "Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens.” Also auch in Steiners philosophischen Werken ist die Liebe ein zentraler Begriff. Ethik zielt auf die Freiheit: die Autonomie des Geistes. Eine Fortsetzung findet diese Denkrichtung im spirituellen Schulungsweg.
Diese aufsteigende Entwicklung von der Gattungshaftigkeit der menschlichen Existenz zur selbstbestimmten Individualität ist nur im Rahmen eines großen Zeitgedankens realisierbar. Deswegen ist die Freiheitsphilosophie auch Philosophie der moralischen Entwicklung. Dies bewahrt uns vor jedem moralischen Rigorismus. Der Mensch soll nicht etwas wollen, was er nicht wollen kann, aber er kann, was er wirklich will. Der Mensch ist ein Ganzes, kein geflügelter Engelskopf, er ist ein leiblich-seelisch-geistiges Wesen und dieses muß sowohl dem geistigen als auch dem leiblichen Pol seiner Existenz gerecht werden. Wir müssen die Spannung zwischen Sinnlichkeit und reinem Denken ertragen lernen – es geht um Verwandlung des Unteren durch das Obere. Man kann Steiners Freiheitsidee nur unter dieser Entwicklungsperspektive richtig verstehen und muß die menschliche Biographie als Ganzes betrachten.
Dasselbe gilt im Grunde auch für den spirituellen Schulungsweg der Anthroposophie. Hier muß die Entwicklung von Erkenntnisfähigkeiten mit der moralischen Entwicklung, mit der Selbsterziehung Hand in Hand gehen. Ja, man kann sogar nur einen Schritt in der Entwicklung der Erkenntniskräfte machen, wenn man zugleich drei Schritte in der moralischen Entwicklung macht. Niemand zwingt uns zum Beschreiten dieses Schulungsweges. Tun wir dies aber, dann müssen wir uns der strengsten geistigen und moralischen Disziplin unterwerfen. Hier wird die Entwicklung eines moralischen Rückgrats noch wichtiger als im gewöhnlichen Leben, weil sich die Seele durch die meditative Schulung allmählich aus den gewohnten Bahnen des Lebens herauslöst und sich in eine Welt, die astrale Welt aufschwingt, in der sie den verführerischen und versucherischen Mächten des Geistes noch viel stärker ausgeliefert ist, als im gewöhnlichen Alltag. Man darf sich allerdings nicht dem Irrtum hingeben, daß die strengen Anforderungen, die der spirituelle Schulungsweg an den Schüler stellt, auf den gewöhnlichen Alltagsmenschen übertragen werden sollen.
Die spirituelle Entwicklung beruht auf einer bewußten Schulung aller Seelenkräfte: des Denkens, Fühlens und Wollens. Hier sei nur ein Aspekt dieser Schulung herausgehoben, der mit unserem Thema zusammenhängt. Eine Anforderung an den Geistesschüler besteht darin, sein Verhältnis zu Sympathie und Antipathie, zu Lust und Unlust ganz neu zu bestimmen. Lust und Unlust, Sympathie und Antipathie, die Grundkräfte der fühlenden Seele, wandeln sich allmählich in Erkenntnisorgane um.
"Es kann nicht die Rede davon sein, daß der Mensch diese ausrotten soll, sich stumpf gegenüber Sympathie und Antipathie machen soll. Im Gegenteil, je mehr er in sich die Fähigkeit ausbildet, nicht alsogleich auf jede Sympathie und Antipathie ein Urteil, eine Handlung folgen zu lassen, eine um so feinere Empfindungsfähigkeit wird er in sich ausbilden. ... Jede Neigung, der man blindlings folgt, stumpft dafür ab, die Dinge der Umgebung im rechten Licht zu sehen. ... Ein Mensch, der je nach den wechselnden Eindrücken sich in Lust und Schmerz verliert, kann nicht den Pfad der geistigen Erkenntnis wandeln. Mit Gelassenheit muß er Lust und Schmerz aufnehmen. ... Eine Lust, der ich mich hingebe, verzehrt mein Dasein in dem Augenblicke der Hingabe. Ich aber soll die Lust nur benutzen, um durch sie zum Verständnisse des Dinges zu kommen, das mir Lust bereitet. Es soll mir nicht darauf ankommen, daß das Ding mir Lust bereitet: ich soll die Lust erfahren und durch die Lust das Wesen des Dinges.”
Durch die Steigerung der Hingabe an die Dinge werden Lust und Unlust allmählich zu Erkenntnisorganen, die uns einen Zugang zum Wesen der Dinge erschließen. "Früher ließ der Mensch diese oder jene Handlung auf diesen oder jenen Eindruck nur deshalb folgen, weil die Eindrücke ihn freuten oder ihm Unlust machten. Jetzt aber läßt er Lust und Unlust auch die Organe sein, durch die ihm die Dinge sagen, wie sie, ihrem Wesen nach selbst sind. Lust und Schmerz werden aus bloßen Gefühlen in ihm zu Sinnesorganen, durch welche die Außenwelt wahrgenommen wird ... Wenn der Mensch in der Art Lust und Unlust übt, daß sie Duchgangsorgane werden, so bauen sie in ihm in seiner Seele die eigentlichen Organe auf, durch die sich ihm die seelische Welt erschließt. Das Auge kann nur dadurch dem Körper dienen, daß es ein Durchgangsorgan für sinnliche Eindrücke ist; Lust und Schmerz werden zu Seelenaugen sich entwickeln, wenn sie aufhören, bloß für sich etwas zu gelten, und anfangen, der eigenen Seele die fremde Seele zu offenbaren.”
"Je weniger Lust und Schmerz sich in den Wellen erschöpfen, die sie im Innenleben des Erkennenden aufwerfen, desto mehr werden sie Augen bilden für die übersinnliche Welt. Solange der Mensch in Lust und Leid lebt, so lange erkennt er nicht durch sie. Wenn er durch sie zu leben lernt, wenn er sein Selbstgefühl aus ihnen herauszieht, dann werden sie seine Wahrnehmungsorgane; dann sieht, dann erkennt er durch sie.” Man darf nicht glauben, daß der, der diesen Weg geht, dadurch unfähig wird, Lust und Schmerz zu empfinden. "Lust und Leid sind in ihm vorhanden, aber dann, wenn er in der Geisteswelt forscht, in verwandelter Gestalt; sie sind »Augen und Ohren« geworden.” (Alle Stellen GA 9, S. 177 f.)
Auf diese Weise wird schließlich auch die Liebe, die Hingabefähigkeit der Seele, zu einer Erkenntniskraft. Sie ist die Kraft, durch die der Erkennende mit den Wesen, die er erkennt, eins wird, verschmilzt, und diese Verschmelzung ist es, die zugleich zu Wesenserkenntnis führt. Das ist jene Erkenntnis, von der Paulus als der Erkenntnis von Angesicht zu Angesicht gesprochen hat.

Die kosmische Bedeutung der menschlichen Liebe

Schließlich birgt die menschliche Liebe noch eine weitere, kosmische Dimension in sich. Die Anthroposophie bezeichnet die Erde, auf der die Menschheit gegenwärtig lebt, als Planeten der Liebe. Der Mensch ist nicht nur ein Abkömmling der Götter, er empfängt nicht nur von ihnen, diese empfangen wiederum etwas von ihm.
Die Liebe erscheint im Kosmos erst durch den Menschen. Sie wurde zwar durch die Götter herangebildet, indem sie den Menschen so schufen, daß er imstande ist, Liebe zu entwickeln. Sie haben aber diese Liebe selbst nicht gefühlt. Durch ihre Teilnahme am Leben des Menschen lernen sie die Liebe erst wirklich kennen. Dieses esoterische Motiv behandelt Wim Wenders Film »Stadt der Engel«.
Es ist schwer vorstellbar, daß Götter die Liebe nicht kennen sollten. Steiner verdeutlicht diesen Gedanken an einem Bild. Ein Reicher hat nie etwas anderes kennengelernt als Reichtum. Er hat die seelische Befriedigung nie erlebt, die Wohltun verursachen kann, weil er solcher Wohltaten auch gar nicht bedurfte. Dieser Reiche beschenkt einen Armen. In der Seele des Armen wird durch das Geschenk ein Gefühl des Dankes hervorgerufen. Dieses Dankesgefühl ist die Gegengabe des Armen. Das Dankesgefühl wäre ohne das Geschenk des Reichen nicht vorhanden. Der Reiche, der das Dankesgefühl nie erlebt hat, lernt es am Beschenkten kennen. Der Reiche ist der Verursacher des Dankesgefühls, aber kennenlernen kann er dieses Dankesgefühl erst in der Reflexion, wenn es aus der Seele des Armen zurückstrahlt, in dem seine Gabe es entzündet hat.
So ähnlich ist es mit der Gabe der Liebe, die von den Göttern den Menschen eingeträufelt wird. "Die Götter sind so weit, daß sie im Menschen die Liebe entzünden können, so daß die Menschen imstande sind, die Liebe erleben zu lernen, aber die Götter lernen die Liebe als Realität erst durch die Menschen kennen. Sie tauchen von den Höhen herunter in den Ozean der Menschheit und fühlen die Wärme der Liebe. Ja, wir wissen, daß die Götter etwas entbehren, wenn die Menschen nicht in Liebe leben, daß sozusagen die Götter ihre Nahrung in der Liebe der Menschen haben. Je mehr Liebe der Menschen auf der Erde, desto mehr Nahrung der Götter im Himmel – je weniger Liebe, desto mehr Hunger der Götter. Das Opfer der Menschen ist im Grunde genommen nichts anderes als das, was zu den Göttern hinaufströmt als die in den Menschen erzeugte Liebe.” (GA 105, 146f)
Aus dieser Liebe, die die Götter ernährt, entsteht ein neuer Kosmos, eine künftige Erde, die aus der Substanz dieser Liebe gewoben ist: Steiners Interpretation des Neuen Jerusalem.
Der leider zu früh verstorbene Christian Morgenstern, ein Schüler Rudolf Steiners, hat in einem wunderschönen Gedicht mit dem Titel »Fußwaschung« all diese Gedanken zusammengefaßt.

Ich danke dir, du stummer Stein,
und neige mich zu dir hernieder:
Ich schulde dir mein Pflanzensein.
Ich danke euch, ihr Grund und Flor,
und bücke mich zu euch hernieder:
Ihr halft zum Tiere mir empor.
Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,
und beuge mich zu euch hernieder:
Ihr halft mir alle drei zu Mir.
Wir danken dir, du Menschenkind,
und lassen fromm uns vor dir nieder:
weil dadurch, daß du bist, wir sind.
Es dankt aus aller Gottheit Ein-
und aller Gottheit Vielfalt wieder.
In Dank verschlingt sich alles Sein.

Literatur:

Michel Houellebecq, Elementarteilchen, Frankfurt 1999.
Hans Peter Duerr, Der Mythos vom Zivilisationsprozeß, Band 1: Nacktheit und Scham, Band 2: Intimität, Band 3: Obszönität und Gewalt, Band 4: Der erotische Leib, Frankfurt 1988 f.
Rudolf Steiner, Schriften (GA= Gesamtausgabe, Rudolf Steiner Verlag, Dornach):
GA 4, Die Philosophie der Freiheit
GA 9, Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung
GA 10, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?
GA 11, Aus der Akasha-Chronik
GA 17, Die Schwelle der geistigen Welt
Vorträge (die Titel stammen zum Teil von den Herausgebern und nicht von Steiner selbst):
GA 104, Die Apokalypse des Johannes
GA 105, Aus der Bilderschrift der Apokalypse des Johannes
GA 109, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen
GA 133, Der irdische und der kosmische Mensch
GA 143, Erfahrungen des Übersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 147, Die Geheimnisse der Schwelle
GA 169, Weltwesen und Ichheit
GA 181, Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 214, Das Geheimnis der Trinität
GA 225, Drei Perspektiven der Anthroposophie
GA 303, Die gesunde Entwicklung des Menschenwesens


zurück